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Scheiß Wattsfeld

Oder :Halblastenesel².
Seit geraumer Zeit denke ich über die Anschaffung eines Drahtesels nach. Ich bin da bekanntermaßen ja anders unterwegs. Generell meine ich. Ich mag keine neuen Dinge. Und wenn es sich denn nicht vermeiden lässt, dass man etwas anschaffen muss, dann muss es auch passen. Erste Priorität bei Drahteselanschaffungsüberlegungen: Der Hund muss gut und sicher transportiert werden. Alldieweil Havaneser alles sind, aber nicht lauffreudig genug, dass man mit ihnen neben dem Rad laufend Angeln erkunden könnte.
Das Wunschrad: ein altes Lastenfahrrad. So ein richtig schön Altes. Was die Dinger kosten erwähne ich lieber nicht.
Letzte Nacht konnte ich nicht schlafen und klickte mich – mal wieder – durch ebays Kleinanzeigen, und da sah ich es. Sofort habe ich das Handy zur Hand genommen, die Nummer von der Angebotsseite abgetippt und per SMS gefragt, ob der eben gesehene Drahtesel noch zu haben ist. Erstaunt war ich, als ich umgehend Antwort bekam. Konnte da noch einer nicht schlafen, oder habe ich ihn geweckt? Kann passieren …

Heute Früh habe ich dem Kapitän das Haben-will-Stück umgehend vor die Nase gehalten, und wie er so ist: „Zieh dich an, da fahren wir gleich hin.“
Das passte den darüber informierten Anbieter und wir fuhren. Zu zweit nebst Hund im Kleinstkleinwagen. Ist klar. Der Kapitän unkte, als ich laut darüber nachdachte, ob das Eselchen auch wirklich in so einem guten Zustand sein mag, wie die Fotos mir glauben machen wollten. „Das ist Stahl. Wenns echt rostig sein sollte, schleifst du das ab, grundierst, lackierst es rosa und gut ist es.“
Ich sah ertappt verlegen auf meine Füße, während Monsieur laut lachte: „Ich wusste es. I.C.H. W.U.S.S.T.E. E.S.!“ Dann faselte er noch was, von wegen, dass ich nun nicht erröten müsse und so.
Quackelkram. Ich doch nicht.
Wir kamen an und trafen auf einen Mann, dessen erste Frage war: „Wie? Damit?“
Wir zuckten synchron mit den Schultern. Erst mal anschauen. So war der Plan. Wir schauten und mein kleines Herz setzte kurz aus, um dann zwei Stolperschläge zu machen.
Als ich grinsend von der Probefahrt kam …
Soweit, so gut. Wie aber, bekommt man das Runde in das Eckige?
Ich mache es kurz: Ein Sechsundzwanziger Fahrrad passt in einen Smart. Aber wenn es drin ist, der Kapitän nicht mehr. Also fuhr ich alleine zurück und ließ den Kapitän in Flensburg stehen, fuhr zu ihm nach hause, entlud dort – den beobachtenden Blick des Nachbarn in meinem Rücken spürend – das Wägelchen, setzte mich wieder in Selbiges, brachte die vierunddreißig Kilometer noch einmal hinter mich, sammelte el Capitano ein, fuhr zurück, entlud Mann und Hund, nahm das Eselchen, und fuhr damit los. Ziellos … und fand mich irgendwann auf des Kapitäns Joggingstrecke wieder. Brachte diese hinter mich, kam wieder im Haus am Meer an, setzte mich zu den Herren und sagte das, was der Kapitän alle zwei Tage sagt: „Scheiß Wattsfeld. Scheiß Wind.“
Ich wollte es wissen, denn wir hatten kurz zuvor eine kleine Diskussion darüber, wie sinnvoll es ist, sich ein fünfunddreißig Jahre altes und schweres Halblastenrad ohne Gangschaltung, made in der DDR, zu kaufen, wenn man für eine ähnliche Marge ein Rad aus Alu mit soundso vielen Gängen haben kann.
Ich sag mal so. Ich bin gefühlte hundert Jahre nicht Fahrrad gefahren. Wenn ich das Wattsfeld ungeübt und ohne Gangschaltung schaffen würde … mit mächtig Gegenwind, ohne anhalten und ohne bergauf schieben zu müssen.
Hah! Geschafft.
Leute, Leute. Ich sehe mich schon. Vorne und hinten bekorbt und mit Strohhut bedeckelt auf einem ros… nein, es wird nicht rosa. Versprochen. Aber über den Strohhut, über den denke ich ernsthaft nach.
Nun warte ich noch darauf, dass der Nachbar etwas zu meiner Neuerrungenschaft zu sagen hat. Er ist nämlich der mein-Rad-wiegt-null-Kilo-und-mein-Rad-kann-alles-Mountainbiker mit einer halben Trillion Gängen am ultramodernen Rad.
Das aber kann noch dauern. Allein der Anblick meines altertümlichen Gefährts wird ihn halb zu Tode erschrocken haben. Davon muss er sich erstmal erholen. Denke ich.