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Erinnerungen Part I

Leerstand wohin man schaut, und für den ersten muss man, vom Kapitän aus, nur am Gut vorbei und ein Stück den Feldweg runter gehen.
Die Faszination von alten, leerstehenden Häusern begleitet mich so lang ich denken kann. Schuld daran hat – so meine These – mein Vater. Ich war keine sechs Jahre alt, da „stiegen“ wir in ein solches Haus ein. Festgebrannt hat sich der Geruch von feuchten den Wänden damals.
Ich erinnere mich an das Schlafzimmer, als wären wir erst gestern „eingebrochen“. Gegenüber der Tür war ein Fenster. Linke Hand stand ein Doppelbett mit Nachtschränken an beiden Seiten des Kopfendes, am Fußende des Bettes stand ein Kinderbettchen. Rechts neben (hinter, Türanschlag war rechts) der Tür stand ein Kleiderschrank. Man musste die Tür schließen, um an den Schrankteil dahinter zu kommen. Die Möbel waren hell, Schelllack. Am Fenster hing eine Gardine, die lange nicht gewaschen worden war. Die Tapete war typisch Siebziger Jahre, und ich glaube, sie war in Beigetönen. An die anderen Zimmer erinnere ich mich nicht wirklich, nur noch an die Küche in Schemen. Unter dem Fenster darin stand ein kleiner Küchentisch und er war quasi noch gedeckt.
Meine Mutter benahm sich verhalten, mein Vater öffnete im Schlafzimmer die Schränke. Alles war, als würde die Familie jeden Moment wiederkommen, als wären sie nur eben einkaufen.
Jaja, alles nicht fein und ich würde es als Erwachsener so nicht machen, aber es ist nun mal so passiert. Ich erinnere mich weiter, dass man davon sprach, dass die Familie Hals über Kopf geflüchtet sei damals. Warum weiß ich nicht. Aber es war wohl wegen etwas Illegalen. Ich kriege es nicht mehr zusammen. Warum wir in dem Haus waren, und ob wir wirklich einbrachen, das erinnere ich nicht mehr. Das schloss ich nur aus dem Verhalten meiner Mutter, und wie sie immer wieder an Vaters Strickjacke zupfte.
Mein Vater nahm ein Jackett aus dem Schrank im Schlafzimmer mit. Auch das erinnere ich.
Es war irgendwo in der „Nachbarschaft“. Ich erinnere, dass wir die Bahnschienen entlang gingen, um zu dem Haus zu gelangen, und ich erinnere weiter, dass das Haus abgelegen genau an den Bahnschienen stand. Ich erinnere mich außerdem daran, dass ich damals wohl beinahe unter den Zug kam. Ich erschrak über ein lautes Hupen und blieb wie angewurzelt stehen. Meine Eltern gingen einige Meter voraus, mein Vater rief mir zu, ich solle von den Gleisen kommen. Ich konnte nicht, Vater (oder war es Mutter?) sprang auf mich zu und zog mich vom Gleis.
Ich versuche mich seit Jahren zu erinnern, wo mein Bruder war. War er dabei? Ich weiß es nicht.
Dies Haus aber, das ließ mich nicht los.
Irgendwann – ich muss dreizehn Jahre alt gewesen sein – zeltete ich mit einer Freundin bei ihr im Garten. Wir machten verbotenerweise ein Lagerfeuerchen direkt vor dem Zelt in dem wir lagen. Schön nah dran, damit ihre Eltern es vom Haus aus nicht sehen können. So nah, dass uns die Sache buchstäblich zu heiß wurde. Mit dreizehn ist man dumm. Und so nahmen wir jede einen Schluck Cola aus der Flasche und spuckten sie auf das Feuer, um es zu löschen. Das Gegenteil passierte. Die Stichflamme hätte beinahe das Zelt in Brand gesetzt. Auch daran erinnere mich, als ob es gestern erst passierte.
An diesem Abend war auch das Haus an den Bahngleisen Thema. Wir nahmen uns vor, es am nächsten Tag zu suchen. Es konnte ja nicht so schwer zu finden sein. Immer die Schienen entlang, und meine Teenagerlogik gab vor, dass es kein weiter Weg gewesen sein kann damals. Ich war schließlich erst fünf Jahre alt, als ich dort erstmalig war, und da werden meine Eltern mit mir (oder uns Kindern?) keine zig Kilometer gewandert sein.
Dies Abenteuer endete in einer Enttäuschung. Das Haus gab es nicht mehr. Was aus heutiger Sicht logisch ist, denn es war mehr eine einstöckige Baracke mit Wellblechdach, resp. Wellasbest, und war in meiner Erinnerung schon acht Jahre zuvor arg nah am Verfallen.
Wann immer ich heute ein altes Haus sehe, ist da dasselbe Ziehen im Magen, wie damals, als ich fünf Jahre alt war. Ich bin neugierig und will alles wissen. Warum lässt man es verfallen? Warum will es niemand haben? Was für eine Geschichte hat das Haus? Was hat es erlebt? Und … ich will da rein.
So drückte ich dem Kapitän letzten Oktober auch den Hund in die Hand, um das zu tun, was ich in meinem fünften Lebensjahr gelernt hatte. Ich drückte das Unkraut zur Seite um an das Haus hinter dem Gut zu kommen. Aber ich stieg nicht ein, sondern lugte nur durch die mittlerweile scheibenlosen Fenster. Ich kann da nichts für. Das ist magisch. Ich muss da hin und kann da nichts gegen tun.

 

 

Der Knecht vom Grafen wusste später etwas darüber zu erzählen. Das Haus stammt aus Reparationszahlungen. Wenn man sich die Bilder ansieht, ahnt man, dass seine Erbauer hier nicht mehr auszogen, sondern bis zum Ende blieben. Seitdem steht es leer und man lässt es, so erzählte Peter es mit polnischen Akzent, aktiv verfallen. Warum auch immer ist ihm nicht bekannt.
So etwas lässt mein Herz bluten …