Shit happens, but life goes on

Ich wollte nie selbstständig sein. Ich wollte nie die Verantwortung für Mitarbeiter haben. Ich wollte nie diesen krankmachenden Druck. Der ihn krank machte, zum Gefangenen im eigenen Körper, nachdem er tot gewesen und dann wieder am Leben war. Ich wollte meinem Mann nie den Hintern abputzen und ihn füttern müssen. Ich wollte bei einem anderen Mann auch keine Sterbebegleitung machen. Auch Totenwaschung stand nicht auf der Liste der Dinge, die ich ganz unbedingt erleben wollte. Auch wollte ich nie darauf warten, dass ein Mensch sich umbringt oder ein anderer umgebracht wird. Beides mit Ansage, beides nicht abwendbar. Nie wollte ich Hilflosigkeit und Ohnmacht erleben müssen. Ich wollte auch nie eine Scheidung von Mann Zwei, nachdem ich in Flagranti mit der Pflegetochter erwischte. Ich wollte nie den Satz Satz hören: „Es ist nicht so, wie es aussieht.“ Ich wollte nie gehen, und ich wollte weder, dass Mann Eins von einem Betrunkenen totgefahren wird, noch dass Mann Drei mir tot vor die Füße fällt. Ich wollte nie einen Menschen reanimieren. Ich wollte nie mit Suchtproblemen anderer so intensiv in Berührung kommen, dass es mein Leben beeinflusst, um am Ende der Arsch vom Dienst zu sein. Ich wollte nie (bis es zu Ende war) zehn Prozent meines Lebens mit der häuslichen Pflege eines mehrfach Schwerstbehinderten zubringen. Ich wollte nie über Leben und Tod entscheiden müssen. Nein. Irgendwie hatte ich eine andere Vorstellung von meinem Leben. Wertvorstellungen. Man kann nichts gegen sie tun, sie sind ein Teil von jedem von uns und dann macht man eben auch Dinge, die man nie machen wollte. An meine Grenzen kam ich bisher nur dreimal und nur diese Male zog ich – Last Minute – die Notbremse. Um mich selbst zu retten, und das war gut und richtig so. Alkohol und andere Drogen ziehen immer mehr als nur den Süchtigen runter. Man geht mit unter, und am Ende, wenn kein Reden mehr hilft, jede Bitte um Verständnis fürs eigene Ich in hanebüchenen Vorwürfen endet, dann hilft nur eins. Weglaufen. Suchterkrankten helfen ist sinnlos. Sie retten wollen ein Schwertkampf gegen Windmühlen. Verständnis erhalten wollen utopisch. Zweimalige Erfahrungswerte. Leben mit Suchterkrankten ist wie Schwerstpflege und die kann man nur bedingt leisten. Bis zu dem Punkt nämlich, an dem das eigene Leben Gefahr läuft nicht mehr unbeschadet gelebt werden kann. Langzeitpflegende erkranken oft selbst schwer. So, oder so.
Ich wollte nie enttäuscht werden, und ich wollte nie enttäuschen. Doch kann man sich auch das nicht aussuchen. Eines hängt am Anderen. Immer wieder.
Cut.
Einen Fuß vor den Anderen setzen. Step by Step Bodenhaftung gewinnen, Gravitation spüren und ein Leben gestalten, das mehr das Eigene ist, als das Bisherige. Bis zum nächsten Stolperstein? Wer weiß. Nicht wegsehen dann, nein, aber mehr aufs eigene Wohl schauen und es als nicht als weniger wichtig, als zweitrangig erachten. Ankommen im eigenen – anderen – Leben. Hier und jetzt, im Hier und Jetzt. Retrospektiven reflektieren und Schuld von sich weisen, ohne Schuld zuzuweisen. Schuld, wo keine Schuld ist und Fehlbarkeiten als menschlich sehen und nicht als Versagen. Menschlichkeiten akzeptieren. Sie hinnehmen, ohne sie unbedingt für sich annehmen können zu müssen. Sie nicht zwangsläufig mittragen können müssen.
Nobody is Perfect.
Der erste Stein, er wird nie geworfen werden können.
Nie!
Wenn man mir alles vorwerfen kann. Eines nicht.
Ich war immer da, wo ich gebraucht wurde. Egal ob es gerade passte, oder auch nicht. Dann wurde es passend gemacht, um jeden Preis.
Ich habe nie weggesehen.
Ich war immer die loyalste Sau von allen. O-Ton Mann Drei.
Die Toten wissen es, sie wissen, tot wie sie sind, mehr als wir Lebenden, und die, die noch Leben, werden es vielleicht dann erkennen, wenn sie es schaffen zu gesunden.
Ich mache weiter wie gehabt, aber ich habe den Weg, hin zur Notbremse, verkürzt. Es gibt keine Umleitung über hunderte Wenn und Abers mehr.