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Ironie des Schicksals

Oder: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.
Neulich auf der Autobahn.
Er so: „Du fährst wirklich sehr gut …“
So denkt er zumindest, seit ich ihm durch meine Fahrkünste hier das Leben rettete. Das Aber jedoch stand deutlich zwischen uns auf der Mittelkonsole, waberte hin und her und war drauf und dran die Handbremse zu ziehen.
Also ich so: „Aber?“
Darauf er so: „Aber immer auf meiner persönlichen Wohlfühlgrenze, gern auch darüber hinweg.“
Ich drosselte die Geschwindigkeit auf unterhalb seiner Wohlfühlgrenze.

Wen von uns beiden hat man tags drauf wohl geblitzdingst? Das zweite Mal in diesem Jahr …

Familiensache

Michel aus Lönneberga reiste einen Tag später zu unserem Geschwisterurlaub an. So sah ich mich an Tag eins alleine um, wurde von mir bis dahin Fremden eingesackt (man kann mir ja fast alles nachsagen, aber nicht, nicht kontaktfreudig zu sein), landete einen Ort weiter auf einem Metal-Open-Air-Festival (inklusive Stagediving und allem, was dazu gehört, was den Bruder, der eingefleischter Metalfan ist, dann doch ärgerte), und fand mich später bei einem schwulen Pärchen auf der Terrasse sitzend wieder.
Generell waren es wunderschöne Tage und ich habe einige sehr nette Menschen kennengelernt.
Als verwöhnter Mensch aber, der zuhause immer alles zu jeder Zeit bekommt (das geht dem Bruder auf seiner Seite der Ostsee ebenso), scheint es außerhalb der üblichen Tourismusgegenden schwer zu sein, an einem Montagabend irgendwo essen gehen zu können. „Ich sehe uns schon beim Restaurant zu den güldenen zwei Bögen sitzen“, seufzte der Bruder. Wobei sich vielevieleviele Schritte weiter tatsächlich noch ein ausgefuchster Italiener auftat, der das machte, was ich sagte: „Hätte ich hier ein Restaurant, würde ich montags den Laden aufmachen, und all das Geld verdienen, dass die anderen Gastros scheinbar nicht wollen.“
Dummerweise scheint es sich einzubürgern, dass, wann immer ich für mehrere Tage unterwegs bin, der Hund meint sich irgendwas einfangen zu müssen. April: Blut ausm Mund. Juni: Blut aus der Blase. Vorgestern: Hund läuft nur noch auf drei Beinen. Was die Tierärztin vor Ort glücklicherweise schnell beheben konnte.
Tolle Tage, die nach einer Wiederholung schreien.

Ihr müsst jetzt stark sein!

Ich komme nicht wieder.

 

 

Blödsinn. Aber mal im Ernst. Wir im ganz hohem Norden hatten ja keinen Sommer. Unsere Bäume, Wiesen und Sträucher hatten mehr als ausreichend Wasser und leuchten noch immer in saftigem Grün. Die hier südlich des Elbäquators nicht. Hier werden die Bäume langsam gelblich Rot. Hier herbstelt es!!! Zumindest von der Optik her. Bei den Temperaturen sieht das anders aus. Ne, das fange ich anders an … Erwähnte ich schon, dass wir im ganz hohem Norden keinen Sommer hatten? Nein? Dann tue ich es hiermit. Was der Grund ist, dass ich nicht bemerkte, dass meine, respektive Johanns Klimaanlage irgendwann zwischen dem letzten Sommer und heute den Geist aufgegeben hat.

Bei 35°C.

In Worten: Fünfunddreißig Grad Celsius. Acht Komma irgendwas Stunden Fahrzeit, statt der berechneten vier (ja, ich habe jeden verschissenen Stau mitgenommen. J.e.d.e.n!), und das ohne Klima. Das erinnerte mich sehr an unsere Tour durch die Toskana vor drei Jahren. Da war ich ähnlich gar. Durchaus angenehm, bis auf die Knochen warm zu sein, ja, ich mag dss. Aber der Hund … jede Tankstelle war unsere, und das sonst so wasserscheue Tier hat sich für jede Dusche aus der Gießkanne bedankt.

Essen, Schluck Wein, habe fertig. Und Brummifahrerarm in zartem Rot.

Bimbam-bambim

Glockgeläut weckte mich. Ich rieb mir den Schlaf aus den Augen und sah das.

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„Na, alter Sack?! Meinst du wirklich, du kriegst mich auf diese subtile Schiene zurück?“ fragte ich. Der Hund fühlte sich angesprochen und sah mich erwartungsfroh an. Der Langbärtige aber blieb wieder einmal die Reaktion schuldig.
Bekannterweise ist unsere Kommunikation gestört und wir sprechen nicht miteinander. Obwohl ich es, zugegebenermaßen, bisweilen versuchte. Die ersten Jahre meines Lebens sogar mehrmals täglich – das war bei uns so – danach kaum mehr, und wenn ich es später tat, war ich eher vorwurfsvoll unterwegs. Zurecht, wie ich meine. Zuletzt versuchte ich es damals, nachdem mir der Mister tot vor die Füße gefallen war, und ich ihn mehr schlecht als recht reanimiert hatte.
Nachdem wir den Draht zueinander komplett verloren hatten, wurden Gespräche halt schwierig, und so war dies letzte auch nur ein Monolog, der all das beinhaltete, was man in solch niedergeschlagenen Momenten eben so sagt. „Warum schon wieder? Warum wieder ich? Warum wieder meiner? Was erwartest du von mir, damit das aufhört? Was muss ich tun, damit es diesmal gut ausgeht?“ Aber nicht mal auf die Quid-pro-puo-Fragen gab es eine Antwort. Zweiundvierzig war ich, als der Mister dann starb. Der zweite Mann, der mich nicht überlebte. Der Mann zwischen den beiden, hat mich nur überlebt, weil ich kein rachsüchtiger Mensch und eher träge bin, weswegen ich eine Scheidung dem Gattenmord vorzog. Der Kerl hat Glück gehabt.
Irgendwann schleppte der Kapitän mich in „seine“ Kapelle. Ein Ort der Ruhe. So ruhig, dass ich weglaufen wollte. Unerträglich ruhig. Der Kapitän behauptet bis heute, dass ich feuchte Augen bekommen hatte und schniefte. Was ich ebenso lange abstreite.
Manchmal gehen wir dort – oder in anderen Kirchen – Kerzen anzünden, für die, die nicht mehr sind. Auch wenn ich nicht gläubig bin, das mag ich. Diesen kurzen Moment, wo man ganz bei ihnen ist. Dafür ist diese Ruhe gut. Wenn man mich fragt, sollte man therapeutische Aufarbeitungen genau an solchen Orten machen, weil man da schnell ganz in dem Gefühl ist, für das man in einer Praxis Stunden um Stunden braucht, um es auch nur ansatzweise greifen zu können. Meiner, also mein Psychonkel, gab mir komische Hausaufgaben auf. „Lerne zu heulen“, sagte er. Traurige Musik sollte ich hören, und an Dinge denken, die automatisch Tränen trieben. Womit er keine Zwiebeln meinte.
Eine Hausaufgabe, über die der Kapitän schmunzeln musste. Kennt er doch die Heulsuse in Jane Blond. Bei dem Herrn Therapeuten war das anders. Man hat nur eine knappe Stunde, und in der soll man zackbummpeng ins Gefühl kommen. Für mich reicht das nicht; es reicht nur zum stoischen Runterbeten der Kackeimer, in die ich so griff. Kackeimer gab es viele und das stoische Runterbeten kann ich gut. Viel besser als Beten im Sinne von beten. Zu gut, meinte der Mann auf der anderen Seite des Tisches. Ja, liebe Therapeuten. Ihr müsst entweder mehr Zeit aufbringen – jaja … ist nicht eure Schuld – oder eben in Kirchen praktizieren. So einfach ist das. Das hätte auch den Vorteil, dass mehr Menschen in Kirchen gehen würden, als diese fassen können. Auch andere Vorteile fallen mir dazu ein. Man könnte beispielsweise die Kirchensteuer abschaffen, was dann weit weniger Menschen dazu veranlassen würde, aus dem Verein auszutreten, weil das Untervermieten an Psychonkels weit mehr einbringen würde, als die Steuer es je konnte. Denkt an meine Worte. Ich finde das ist ein schönes wie pratisches Kombinat. Dazu würde das die Krankenkassen enorm entlasten, weil Kopfverdrehereien viel schneller greifen würden und sich dadurch Kosten einsparen ließen, wodurch sie sich viele steinerne Paläste bauen könnten viel Geld für Therapiemaßnahmen jedweder Art hätten, die bisher nur Privatpatienten zustehen. Logisch, oder? Jane Blond for Gesundheitsminister!

Ich wäre aber nicht ich, würde ich mich bei dem Zusammenhang zwischen der Kirchenraumruhe und dem Blond’schen Geflenne (geht man einfach mal davon aus, dass der Kapitän diesbezüglich recht hat) nicht fragen, warum das so ist.
Ich geh mal eben rüber, Kerzen anzünden, und ganz vielleicht spricht mich dort ja irgendjemand an. Bei meinem Glück ist es ein gehörnter und behufter Therapeut, in ein sonniges Gewand gekleidet, mit langem weißen Bart auf dunkelrotem Teint und mächtigen Schwingen dort, wo unsereins Schultern hat. Der dann nachdenklich auf seiner Zunge rumkaut, wie der Mister es tat, wenn ich etwas erklärte, um dann kindlich zu kichern, wie der Erste der starb es tat, wenn ich Dummtüch sabbelte.

Juni-Abriss

Gefahrene Kilometer: 2500irgendwas.
Ein Wochenende im Hafenhaus des Bruders verbracht, um abzubrechen und den blutpinkelnden Hund dem heimischen Tierarzt vorzuführen. Alles wieder gut.
Der alte Herr sagt immer: „Uckermark, so geil“. Ich also hin da. Uckermark. Allein der Name schon, und es ist wie es heißt. Platter und trostloser als Dithmarschen und Nordfriesland zusammen. Kann man hinfahren, muss man aber nicht.
Wenn ich also nicht hier bin, bin ich im  Auto.

Wenn einer eine Reise tut …

Eineinhalb Stunden im Stau gestanden. Harmlos sind die, die sich zwischendurch die Füße vertreten.

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Zum Mörder könnte ich aber werden, wenn ein Scherzkeks meint, er müsse Zeit gut machen, indem er über den Parkplatz rast, 100 Meter weiter vorne wieder einschert und hundert andere es ihm nachmachen. Liebe Autofahrer, das ist sinnentleert!

Zum Glück hat der Flieger noch mehr Verspätung als ich.

Ich war mal wieder …
Kloriositäten.

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Husum war gar nicht so un-in.
Und dann hab ich mich aufklären lassen, was ein Frappodingsbums ist. Saulecker, macht aber Hirnspasmen.

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Der Kurzurlaub nach dem Kurzurlaub

Als Kind sah ich aus wie unser Vater, und mein Bruder, wie unsere Mutter.
Heute sehe ich aus, wie unsere Mutter mit Oma Theas Nase, und mein Bruder wie unser Vater. Keine Ahnung, wie man sich so verwachsen kann, aber es ist so.
Merkwürdigerweise ist das alles, was wir mitbekommen haben. Die Optik. Sonst sind wir komplett anders als „die Alten“, wie der Bruder sie immer nennt. Stolpert einer von uns darüber, dass er gerade charakterlich dem einen oder anderen Elternteil ähnelt, stößt es manchmal etwas sauer auf. Dem eigenen Selbst.
Je älter wir werden, umso mehr wachsen wir zu dem zusammen, was wir sind, aber erziehungsbedingt nie wirklich waren: Geschwister. Und gemeinsam schaffen wir langsam etwas Gutes.
Ich finde das ziemlich sehr sehr gut.

Eigentlich wollte ich aber etwas Anderes erzählen. Der Kurzurlaub ist zu Ende. Der Hund ist krank. Böser Verdacht anfänglich. Rattengiftvergiftung war die erste Vermutung. Dann lag der Fokus auf den Nieren. Am Ende sind es „nur“ die Zähne, und die Antibiose fängt an zu wirken. Nächste Woche irgendwann geht es dann zur Zahnsanierung auf den OP-Tisch.
Aber auch das wollte ich nicht erzählen, sondern, dass mein Urlaub ja noch gar nicht vorbei ist. Also fahre ich morgen, so es dem Hund weiterhin besser geht, zum Bruder an den Bodden.
Ick freu mir!

Einmal Mittelalter und zurück

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Das absolut Beeindruckendste und Schönste, was mir bisher an Kirche unterkam. Zumindet bei uns in Deutschland: Kloster Corvey.

 

Nicht die besten Bilder, aber ich empfand es ohnehin schon fast als respektlos, in diesem Demut erzeugenden“Ambiente“ zu fotografieren. Da wollte ich nicht lange nach der passenden Einstellung suchen. Außerdem war ich nur fasziniert und glotze mir einen Wolf.
Das Bauwerk stammt wohl aus dem achten Jahrhundert. Ein karolingischer Bau. Die Einrichtung selbst dünkt mir aus dem Barock zu sein. Ich habe hier nicht richtig aufgepasst, kann mir aber nicht vorstellen, dass es im Mittelalter derart imposant zuging.
Lächelnd registierte ich, dass die dort verwendeten Farben den Meinen (ich töne die nicht nur selbst ab, wie ich es brauche, sondern mische die seit geraumer komplett selbst zusammen) gleichen, und sogar meine Art der Verarbeitung scheint der gleich zu sein, die die Restauratoren anwendeten. Etwas, dass mich ein kleines Stückchen wachsen lässt.

Oben, wo die Mönche einst studierten, lehrten und beteten, geht es weit weniger prunkvoll zu, als unten, wo die Herrschaft ihre Seele reinwaschen ließ.

 

Nichtsdestotrotz empfand ich den Teil ebenso beeindruckend. Auch wegen der ursprünglichen Wandmalereien. Oder das, was davon übrig ist.

Einfach nur ein Traum alter Baukunst und absolut zurecht Unesco Welterbe. Auch wenn ich erst dachte, ich höre falsch, als es hieß, dass man einen Euro Eintritt für die Kirche zu zahlen habe. Im Nachhinein ist das mehr als okay. Ich möchte nicht wissen, was für Unsummen die Instandhaltung verschlingt …