Archiv der Kategorie: Persönliches

„Friesisches“

Es gibt so Sachen, die fühlen sich nach Zuhause an.
Dazu gehört für mich Friesland Ammerland. Ja, das ist Geschmackssache, aber selbst ich finde es (heute) nicht (mehr) sonderlich schön. Trotzdem mag ich es sehr, vor allem die Haptik. Ich habe damals – in meinem ersten Haushalt – lange gespart, um es mir leisten zu können. Sehr lange. Und dann habe ich unerbitterlich zugeschlagen, nachdem der Weihmnachtsmann das Restgeld hierfür brachte.
Wir hatten in meiner Kindheit ein ähnliches Geschirr. Auch aus Keramik, aber eher so eine klassische Siebzigerjahre-Sache. Oben Beige ohne Lasur, unten braun lasiert. Später hatten wir das in Orange-braun, aber da erinnere ich, dass das was aus Däneland war. Ich mochte das als Kind schon.
Mein Ammerland hat – warum auch immer – der Ex bekommen. Ich weiß gar nicht, ob das noch lebt … und so schlawenzel ich seit geraumer Zeit wieder um Ammerland rum. Meine Güte, das ist ja nicht günstiger geworden. Wobei das nicht stimmt. Neu kostet Ammerland Blau als Essservice um die 110,-€. Gebraucht dasselbe, oder teilweise mehr. Die scheinen sich ihre Teller damals alle vom Mund abgespart zu haben, dass die so horrende Preise haben wollen. Vor allem die innig geliebten Suppenteller, kosten heute mehr als damals. Ein einzelner 25,-€!
Mein Ehrgeiz ist geweckt, ich bin auf Schnäppchenjagd. Wobei mir egal ist, ob rot, braun, blau oder grün. Hauptsache Ammerland.

Wenn der Kreis sich schließt

Wir sehen uns als Bereicherung. Jeder den anderen. Wie selbstverständlich fällt „mein Bruder – meine Schwester“. Nichts fühlt sich fremd an. Heute fährt Drei zu Sieben, die letztes Mal nicht dabei war und deshalb vor sich hinsäuerte und sich den Status eines Einzelkindes aneignen wollte. Ich hatte Zwei die Planung überlassen und irgendwie dachte er nicht an Sieben. Wobei er auch fast Fünf vergessen hätte, von der ich eigentlich dachte, dass sie Sieben mitbringt. Bei so vielen Geschwistern kann es schon mal passieren, dass man einen vergisst. Im Februar fahre ich wieder zu Drei und lerne dann auch ihre Mutter kennen. Wobei ich die eigentlich schon kenne, auch wenn ich damals erst sieben Jahre alt war. Sie war besorgt, ich könnte ihr „irgendwas“ verübeln. Mitnichten, sie war arg jung und naiv. Da kann man dem Charme – von dem er immer Unmengen hatte – des alten Herrn schonmal erliegen. Was noch merkwürdig ist, ist das „Papa“ von Drei, wenn wir über den alten Herrn reden. Rede ich doch seit jeher vom alten Herrn und tue mich mit dem Papa im allgemeinen schwer, war er doch selten als eben solcher da. Für niemanden nicht, auch für Drei nicht. Nachdem wir (fast) alle kreuz und quer durch Deutschland gezogen waren, sind wir großteils wieder im hohen Norden gelandet (ich habe sogar vor gut zehn Jahren in Dreis unmittelbarer Nachbarschaft gewohnt …) und haben es nicht weiter als anderthalb Stunden Fahrzeit, um den anderen zu sehen. Zwei und Vier ausgenommen, aber die sind wie ich schmerzbefreit, was längere Autofahrten angeht.

Die Ähnlichkeiten sind frappant, was das Ganze noch spannender macht. Die große Frage – was haben die Gene zu verantworten, die Veranlagung in diesen, was die Erziehung – zeigt klar, dass man Gene nicht unterschätzen sollte. Zwei und Vier sind wie eins, und Drei und ich ähneln uns ebenso in unserem Denken und unserem Sein. Drei hat auch diesen nahezu unerschütterlichen Gleichmut, ist weder nachtragend noch rachsüchtig und ist darauf bedacht, einfach nur in Ruhe zu leben, wobei sie ihr Gegenüber auch sein lassen kann, ohne es zu werten. Während Zwei und Vier die mit den „Flausen“ sind, die gerne „ihr eigenes Ding“ machen. Was sie eindeutig vom alten Herrn haben, wenn auch anders und reflektierter als dieser dabei. Auch Sieben ist so, aber ohne die Fähigkeit des Reflektierens. Wobei Fünf und Sechs viel Zickigkeit von ihrer Mutter haben und Acht hier auch außenvor ist, weil er eine komplett andere Erziehung hatte und einfach nur ein mildes Wesen hat, wie seine Mutter. Nichtsdestotrotz ist das Wir-Gefühl bei allen da. Nach einem Monat jetzt, kann ich sagen, dass mir tatsächlich eine Last weggefallen ist. Verfickte vierzig Jahre hatte ich das Gefühl, das da was fehlt. Die Komplettierung – und dann noch in dieser durchweg positiven Art – ist, als würde sich der Kreis endlich wirklich schließen und der Familie als solches eine Chance geben. Etwas, das sich verdammt gut anfühlt. Wir sind nicht nur viele, wir werden ganz langsam ein echtes Wir. Eine Familie zu haben (außer der selbst gegründeten) ist doch nicht so uncool, wie ich immer dachte. Patchwork vom Feinsten.

Die Müllbeutelaffäre und andere Absurditäten

Noch etwas aus der Kategorie: So einen Scheiß kannst du dir nicht ausdenken.

Es war der Dienstag nach Weihnachten 2016. Frau Stiefdings räumte die Schmutzwäsche des alten Herrn zusammen. Jane Blond stand auf der anderen Seite des Bettes und hielt die Schmutzwäschetasche auf, während der alte Herr zwischen beiden am Fußende stand. Einiges hatte sich angesammelt. Mit dem letzten Pyjama zog Frau Stiefdings etwas Unerwartetes und nicht enden wollendes aus dem Schrank. Nach einigen Metern sah sie den alten Herrn an: „Was willst du denn damit, und wo hast du das her?“ „Das“, sagte der alte Herr, „hab ich der Putzfrau aus dem Putzwagen geklaut.“ Er grinste stolz wie breit. „Und was hast du damit vor?“ Der alte Herr wies – über alle Zweifel erhaben – mit der rechten Hand gen Fenster. Genauer gesagt zum dazugehörenden Oberlicht. Was Frau Stiefdings nicht wahrnahm. „Sag schon …“, hakte sie nach, während Jane Blond schon ahnte, wozu das Diebesgut dienen sollte.

„Die heben 160 Kilo“, erklärte der alte Herr sich, während er wieder zum Oberlicht wies. Zehn, neun, acht … Janes Schultern begannen zu beben und ihre Zunge hielt dem Biss, der verhindern sollte dass sie unangemessene Lachkrämpfe bekommt, kaum noch stand … sieben, sechs, fü und pling ging auch Frau Stiefdings ein Licht auf. „Du willst damit …?“ Jetzt wies sie zum Fenster. Jane Blond intervenierte hüstelnd: „Will er nicht. Paps, dir ist schon klar, dass die perforiert ist?“ fragte sie. „Ist sie nicht“, stänkerte der alte Herr gegenan. Jane nahm sich der Rolle Schwerlastmüllsäcke an und trennte erst einen, dann einen zweiten Sack mit nur zwei Fingern ab. Frau Stiefdings hing mittlerweile wiehernd über dem Bett und dem alten Herrn fiel, ob der Feststellung, dass 160 Kilo Tragkraft nichts bringen, wenn nach jedem Meter Plastik akute Reißgefahr besteht, nur ein flüchtiges „Oh“ aus dem Mund.

Mein Vater. Wirklich, er kann gerade wieder gehen, gedenkt aus der Klinik (erster Stock plus Hochpaterre, wobei jede Etage eine Höhe von gut vier Metern hat) zu fliehen. Sich durchs Oberlicht quetschen will er und mit einer Rolle Müllbeutel abseilen. Jetzt erklärt sich auch, warum er vor drei Tagen auf der Fensterbank rumturnte, und mittels eines Rollatorsgriffs – den er hierfür eigen- wie einhändig zerlegt hatte – versuchte das Oberlicht auszuhebeln. In Anbetracht dessen, dass er sich tunlichst nicht die Knochen brechen oder anderweitig verletzten sollte (was auch Fensterbankturnereien ausschließen sollte), weil er unter keinen Umständen jemals wieder nakotisiert  werden darf, eine ebenso dumme Idee, wie die, die sein Bettnachbar Tage zuvor hatte, und die der gesamten Station drei Tage Telefonentzug einbrachte. Weil dieser bei der Polizei anrief und anzeigte, dass man ihn gegen seinen Willen festhalten und seiner Freiheit berauben würde. Ähm. Ja.

Es wird Zeit, dass man die falschen Medikamente aus dem alten Herrn geschlichen bekommt, sonst wird er uns echt noch verrückt und es geht ihm wie einem weiteren Bettnachbarn. Polizeiliche Meldeanschrift: Geschlossene Psychiatrie. In der der alte Herr nur ist, weil er sich im Delir selbst entlassen wollte, respektive im Halbstundentakt abhaute, was ihm – bei gelungener Flucht – ohne Wenn und Aber das Leben gekostet hätte. 

Nein, das alles ist wirklich nicht lustig. Und doch hab ich das bald vergangene Jahr selten einen so bösen Lachanfall bekommen wie an diesem Dienstag nach Weihnachten. Dass Frau Stiefdings, der es ebenso ging, uns heil nachhause brachte, ist rückblickend nicht selbstverständlich. Fahrt mal mit jemanden, der eine Stunde brüllend am Lenkrad sitzt, immer wieder dagegen schlägt, anhaltend „Müllbeutel“ kreischt und vor Lachtränen kaum mehr gucken kann.

PS: Nachdem Frau Stiefdings die unschlaue Idee hatte, die Rolle Müllsäcke bei den Schwestern abgeben zu wollen, was meiner Meinung nach zu entlarvenden Fragen hätte führen können, ließ ich das Korpus Delikte in meiner Tasche verschwinden … 

PPS: Ich kann ihn so gut verstehen. Wenn das Delir sich nur noch ein bis zwei Stunden am Tag zeigt, man den Rest des Tages als einzig Klarer zwischen echt Dauerverwirrten sitzt, wobei sich eine Dame – um die siebzig Jahre alt – im Stundentakt vollständig enkleidet und sich nackert über den Flurboden rollt, eine andere permanent ihren vor 25 Jahren verstorbenen Gatten ruft und sich lautstark mit ihm unterhält, wenn sie ihn gefunden hat, ein weiterer sich gern in die volle Windel greift und das, was er rausholt, an Mitpatienten verteilt … und das meinem Vater, den ich zeitlebens nie ohne Hemd und maßgeschneiderten Anzug – die er selbstredent auch hier trägt – sah … usw. usf. Ich würde auch Schwerlastmüllsackrollen klauen.

PPPS: Herr Dr. Katzentisch fand die Rollatorgriff-Oberlicht-Aushebelaktion, bei der sich der alte Herr dummerweise  erwischen ließ, wenig bis gar nicht lustig und interpretierte sie falsch. Es dauerte etwas, bis ich ihm begreiflich machen konnte, dass mein Vater sowas nicht (!) in verwirrten Momenten macht, sondern in gänzlich klaren. Er war immer irrational in seinem Tun und auf Konsequenzen scheißt er, solange ich ihn kenne. Je mehr man nein sagt, umso drängender strebt er ja an. Charaktereigenschaften halt. Anstrengende, sicher, aber kein Grund, ihn länger als unbedingt notwendig dort zu behalten. Außer ein schwieriger Charakter würde vor dem Amtsgericht als Wegsperrgrund eingeordnet werden.

PPPPS: Beweismittel A, die SLMSR

Weihnachten mit Unbekannten

​Vier sah mich immer wieder fragend an. „Ich kann nichts dafür!“ war jedes Mal meine Antwort. „Ich bin die Älteste, aber nicht verantwortlich“, legte ich bisweilen nach. 

Das Chaos kann man sich nicht ausdenken. All die Zusammenhänge kann man nicht erfinden. Und trotzdem sind die Geschichten so absurd, dass man sie nicht oder nur sehr schwer für wahrhaftig halten kann. Sechs schlug vor, den Stoff in eine Soap zu packen und an einen der nervigen und gern Soaps zeigenden Sender zu verkaufen. In echt jetzt? Das würde selbst denen zu weit hergeholt sein. Ausnahmslos jeder würde sich fragen, welcher Vollhonk das miese Drehbuch dazu verbrochen hätte.

Wie ich nun zu Drei fand wurde bekakelt, und sich nun ein Teil ans andere fügt. Wie Vier vor Jahren zu Drei fand – Austauscheltern hatte sie bekommen und offensichtlich sehr gute -, und weitere Geschichten, über die keiner nienicht wirklich sprach, außer eben leise flüsternd hinter verschlossenen Türen, den Teppich nur minimal anhebend, damit ja nichts rausschlüpfen konnte, was dann freigelassen und unkontrollierbar durchs Haus und schwebte. Gott bewahre!

Ich schnitt ein anderes, vorab mit Drei am Telefon bekakeltes Thema an.“Ne“, sagte Drei, „das hab ich mich nicht getraut Vier zu erzählen, das mach du man.“ Vier sah zwischen Drei und mir hin und her. Ich erzählte und wieder sah Vier mich mit diesem ungläubig fragenden Blick an. Ich zuckte diesmal nur mit den Schultern: „War halt so.“

Ach ja. Hier stelle man sich einen tiefen Seufzer vor. Vier stand vor mir und ich sah Thea. Keiner von uns sieht aus wie Thea. Ich habe sie beobachtet. Unablässlich. Die Mimik, das Kartoffelnäschen, das Lachen. Als stünde Oma vor mir. Ich sehe Vier gerne an, sie sieht angenehm vertraut aus und … nach Zuhause, irgendwie.

Ein Ausflug zum Meer auf der anderen Seite. Gestern meinte die Nordsee es gut mit mir und blieb, obgleich ich auch da war. Und wie sie blieb! Laut tosend schlug sie an Land und der Wind war stark genug, dass man sich in ihn legen konnte. Genau mein Wetter.
Ein Essen beim überteuerten sylter Fischkönig an einem Tisch für sechs, für fünf von acht plus einem Ableger. 

Später, wir landeten bei Drei, stand Wein auf dem Tisch. Ich lehnte ab. Zuhause wartete ein Fall schlimmer Männergrippe und heute stand für mich ein langer Tag mit Frau Stiefdings und dem alten Herrn an, dessen Delir sich bei ihm sauwohl fühlt und darum meint noch ein Weilchen länger bleiben zu müssen. Sechs fuhr wie ich zeitiger ab, aber für Zwei wurde die Schlafcouch bezogen. Ich erinnere mich nicht daran, dass Zwei jemals Wein getrunken hätte und hoffe für ihn, dass der Katzerich heute früh nicht zu groß war. „Lass uns bald eine Pyjamaparty mit allen nachholen“, sagte Drei zum Abschied.
Ich freue mich darauf..

Der vermeintlich lange Tag heute war dann  erstaunlich kurzweilig und erheiternd. So erheiternd, dass Frau Stiefdings am späten Abend noch eine Nachricht schickte: „Was ist schwarz, perforiert und hebt 160 Kilo?“ 

Aber das ist eine komplett andere Geschichte …

Frau Stiefdings, ihr Mann und sein Vater

Frau Stiefdings ist round about zehn Jahre jünger als der alte Herr. Seit fast einem Vierteljahrhundert teilen sie mittlerweile Tisch, Bett und Nachnamen. Frau Stiefdings wird nicht müde von früher zu erzählen. Sie erzählt eigentlich jedes Mal von früher. Wie schön meine Mutter damals war, mit ihrer toupierten Hochsteckfrisur. So schlank und so schön und so fein ihre Mimik. Ich möchte erwähnen, dass ich nichts von all dem geerbt habe. Frau Stiefdings erzählt auch immer gerne, wie sie mich im Kinderwagen durch die Gegend schob. Da war sie selbst ein Teenager, knappe dreizehn Jahre alt. Ich muss im weltschönsten Kinderwagen überhaupt gelegen haben und ein ansehnliches Kind gewesen sein. Denn Frau Stiefdings suchte genau danach. Nur mit den allerhübschesten Kinderwagen mit den süßesten Babys darin wollte sie umherflanieren, und mit mir flanierte sie oft. Sie hat mich beknuddelt und abgeknutscht. Später dann Michel, der von alldem nichts wusste. Michel weiß generell erstaunlich wenig von früher. „Doch, Frau Stiefdings hat auch dich abgeleckt!“ Michel wollte es nicht glauben und fragte sofort bei der vermeintlich Abknutschenden nach. „Und wie ich das habe“, lachte sie.
Bei alldem hatte sie immer eineinhalb Augen auf den alten Herrn gerichtet. „Aber der war unerreichbar. Käthe war so viel schöner als ich, und ich war ohnehin viel zu jung, als dass der alte Herr mich überhaupt wahrgenommen hätte.“
Das änderte sich zwanzig Jahre, eine weitere gescheiterte Ehe und nochmal sechs Kinder später. Wobei sie meint, nur zweite Wahl zu sein: „Seine große Liebe bleibt Käthe.“ Ein Satz, der mich anhaltend irritiert und sich nicht setzen will, passt er doch in keines der Bilder. „Doch, doch. Er schwärmt noch heute von ihr.“
Hm.
Frau Stiefdings weiß mehr, als alle anderen. Und Frau Stiefdings erzählt mehr als alle anderen. Selbst die familiären Tabuthemen fallen ihr unbedacht aus dem wirklich nicht unhübschen, mich vor 45 Jahren abknutschenden Mund.
Sie erzählt auch von Opa. „Oh, den mochte ich auch so arg leiden. Der war so charmant und toll.“
Wäre da nicht die Tatsache, dass das früher, also ganz früher und vor meiner Zeit, anders war. Nichts, was ich nicht wüsste. Tabuthemen wurden bei uns manchmal hinter verschlossenen Türen in abgedunkelten Zimmern ausgegraben. So leise es irgend ging, aber ich hatte schon als Kind gute Ohren. Weswegen ich auch von Nummer Vier wusste. Nummer Vier ist so ein Hinterverschlossenertürgeheimnis. Auch wenn ich falsch gelauscht hatte, und Vier ein Mädchen und kein Junge ist. Dass ich Vier vernahm, bleibt aber Fakt. Frau Stiefdings ist in ihrem Element: „Richard hier, Richard da, aber Richard auch so und so.“
Es gibt Momente, da muss ich dann dichtmachen.
Liebe Frau Stiefdings, du weißt um all das, was sonst so war. Nimm mir bitte nicht das Stückchen heile Kindheit, das präsent ist. Ich selbst kenne nur den charmanten Richard. Einen anbetungswürdigen Richard, ohne all die Wenn und Aber.
Tja, und tags drauf dann schaut der alte Herr auf, blickt wieder zu Boden und sagt wie ein getretener Hund: „All das ist meine Schuld. Ich alleine habe alles kaputtgemacht. Es tut mir leid.“ Wer den alten Herrn kennt, weiß, dass das mehr ist, als man von ihm erwarten würde. Denn das erste „tut mir leid“, kam vor geraumer Zeit schon, und ich nahm es an, ohne jemals wieder das Gefühl zu haben, irgendwas aufrollen zu müssen. Das ist jetzt sein Ding.
Ich spreche später nochmal mit Frau Stiefdings. „Er ist kein schlechter Kerl“, sagt sie, „sondern auch nur ein Opfer seiner verkorksten Kindheit.“
Ich lege den Zeigefinger auf meine Lippen, zische ein Pscht, nicke ein „ich weiß“ und denke mit einem gleichermaßen warmen Gefühl an Opa Richard und an seinen Sohn.

Ringring

Sie so: „Er hat mir eine Sprachnachricht auf den Hausanschluss geschickt. Ich soll ihn in fünfzehn Minuten vom Bahnhof abholen. Was mach ich denn jetzt?“
Ich so: „Äh. Nein. Der kommt da nicht raus. Ruf da mal an, da macht einer dumme Späße.“
Sie also angerufen. Die Dame am anderen Ende der Leitung – ich wurde mit dem anderen Telefon zum Lauschen in die Leitung gequetscht und hörte: „Der schläft wie ein Stein, aber der Bettnachbar spielt mit dem Telefon.“
So hat Frau Stiefdings am Ende eines doofen Tages doch noch lachen können.
Ich muss mich da wohl bei ihm entschuldigen, wenn er wieder ansprechbar ist. Er war weder bockig noch ungezogen, sondern dabei etwas anderes zu entwickeln.  Etwas wenig witziges. Ich hoffe, dass der alte Herr das Delir jetzt wegschlafen kann und es am Ende nicht noch eine vaskuläre Demenz oder sowas wird.
Leben und so. Merkwürdiges kreuz und quer.
Also alter Herr. Hast du mal auf den Zeitmesser geguckt? Nun Aber! Du weißt ja, mit 66 Jahren und so …

 

 

 

 

Ich hab da mal was …

Ich habe Kopfchaos. Nicht wenig, sondern eher das totale Chaos. So ein ich-möchte-mit-dem-Kopf-gegen-die-Wand-laufen-Chaos. Ich habe eine Entscheidung zu treffen, und komme nicht weiter. Ja, nein, ja, nein, ja, nein.
Darum reicht es auch gerade nicht zum Bloggen. Ihr könnt mir vielleicht helfen, das Chaos zu sortieren. Ich bräuchte mal ein paar Meinungen. Was heißt ein paar? Je mehr, desto besser, weil es eine wichtige Entscheidung ist. Ehrliche Meinungen, die auch – egal in welche Richtung – fragen dürfen, ob ich den Schuss nicht gehört habe.
Habt ihr Bock? Ich würde dann einen passwortgeschützten Eintrag veröffentlichen, und wer helfen will, das Chaos zu lichten, seinen Senf dazuzugeben, fragt hier einfach nach dem Passwort.
Wobei ich nur denen das Passwort geben werde, die ich kenne. Sprich, bei denen ich lese, von denen ich weiß, dass sie hier lesen und kommentieren. Privates möchte ich entsprechend privat behandeln. Also: Ihr seid gemeint. Die ihr mich erkennbar begleitet. Zur Hölp!

Die lange Nacht der Biester

Ich mag keine Hornissen.
Man sagt ja, dass sie nichts tun, aber das stimmt nur bedingt. Wir hatten mal welche vor gut zwanzig Jahren. Es war eine gigantische Traube, in der sie auf dem Dachboden nisteten. Irgendwann tropfte es durch die Decke. Hornissenverdautes und so. Nicht in Litern, aber das Getröpfel schaffte es durch die Zwischendecke in die Wohnung und versah alles unter der Traube mit braunen Sprenkeln.
Was ja noch nichts wirklich Schlimmes ist.
Schlimm war, dass die Biester viel Raum einnehmen, und der Spätsommer war die Hölle.
Wespen machten sich über Fallobst her, die Hornissen sich über die Wespen. In die Nähe der Obstbäume zu gelangen war irgendwann unmöglich. Rasen konnte nicht mehr gemäht werden. Mehr und mehr Obst fiel, was nicht abgesammelt werden konnte. Man hörte es bald von weither summen.
Als die Hornissen nichts mehr zu fressen fanden, Wespen und anderes Insekt hatte offensichtlich vor ihnen das Zeitliche gesegnet, wurden sie angriffslustig. Wir konnten das Haus nur noch durch den Hintereingang verlassen, wenn wir nicht von ihnen verfolgt werden wollten. Lüften wird völlig überbewertet. Die Kinder konnten nicht mehr im Garten spielen. Es war wirklich unschön. Helfen konnten uns weder THW noch Feuerwehr. Hornissen stehen unter Naturschutz, und wenn man sich von ihnen „gestört“ fühlt – ahäm -, muss man halt woanders unterkommen, solange sie aktiv sind. Ich war arg gefrustet damals. Denn – siehe was passiert, wenn sie nichts mehr zu fressen finden – sie werden aggressiv, bevor es mit ihnen zu Ende geht.
Nein, ich mag keine Hornissen. So überhaupt nicht sogar.
So war der Traum in der letzten Nacht der blanke Horror.
Mir wuchs eine dritte Brust, zwischen den beiden vorhandenen. Keine aus Fleisch und Blut, sondern es war ein Hornissennest, das wuchs und wuchs, und keiner wollte oder konnte es mir abnehmen, weil Hornissen eben unter Naturschutz stehen. Es gab weltweit nur einen Spezialisten, der mir hätte helfen können, ohne die Hornissen zu gefährden, der war aber im Urlaub und nicht erreichbar. Ich bewegte mich nur noch (mit blankem Oberkörper) auf allen Vieren (damit das Nest von mir weg hängt und nicht mehr auf meiner Haut aufliegt, als nötig) umher, duschte nicht mehr, konnte mich nicht mehr waschen. Menschen, die mich hätten waschen können, trauten sich nicht an mich heran. Ich begann zu müffeln, wodurch ich irgendwann nicht mehr nur von Hornissen, sondern auch Fliegen jedweder Art umschwirrt und bekrabbelt wurde.
Als der Hornissenexperte dann endlichendlichendlich kam, wachte ich auf.
Für meinen Geschmack entschieden zu spät.
Ich möchte gar nicht wissen, was Traumdeuter in solch nächtliche Horrorstreifen hineininterpretieren würden.

Bimbam-bambim

Glockgeläut weckte mich. Ich rieb mir den Schlaf aus den Augen und sah das.

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„Na, alter Sack?! Meinst du wirklich, du kriegst mich auf diese subtile Schiene zurück?“ fragte ich. Der Hund fühlte sich angesprochen und sah mich erwartungsfroh an. Der Langbärtige aber blieb wieder einmal die Reaktion schuldig.
Bekannterweise ist unsere Kommunikation gestört und wir sprechen nicht miteinander. Obwohl ich es, zugegebenermaßen, bisweilen versuchte. Die ersten Jahre meines Lebens sogar mehrmals täglich – das war bei uns so – danach kaum mehr, und wenn ich es später tat, war ich eher vorwurfsvoll unterwegs. Zurecht, wie ich meine. Zuletzt versuchte ich es damals, nachdem mir der Mister tot vor die Füße gefallen war, und ich ihn mehr schlecht als recht reanimiert hatte.
Nachdem wir den Draht zueinander komplett verloren hatten, wurden Gespräche halt schwierig, und so war dies letzte auch nur ein Monolog, der all das beinhaltete, was man in solch niedergeschlagenen Momenten eben so sagt. „Warum schon wieder? Warum wieder ich? Warum wieder meiner? Was erwartest du von mir, damit das aufhört? Was muss ich tun, damit es diesmal gut ausgeht?“ Aber nicht mal auf die Quid-pro-puo-Fragen gab es eine Antwort. Zweiundvierzig war ich, als der Mister dann starb. Der zweite Mann, der mich nicht überlebte. Der Mann zwischen den beiden, hat mich nur überlebt, weil ich kein rachsüchtiger Mensch und eher träge bin, weswegen ich eine Scheidung dem Gattenmord vorzog. Der Kerl hat Glück gehabt.
Irgendwann schleppte der Kapitän mich in „seine“ Kapelle. Ein Ort der Ruhe. So ruhig, dass ich weglaufen wollte. Unerträglich ruhig. Der Kapitän behauptet bis heute, dass ich feuchte Augen bekommen hatte und schniefte. Was ich ebenso lange abstreite.
Manchmal gehen wir dort – oder in anderen Kirchen – Kerzen anzünden, für die, die nicht mehr sind. Auch wenn ich nicht gläubig bin, das mag ich. Diesen kurzen Moment, wo man ganz bei ihnen ist. Dafür ist diese Ruhe gut. Wenn man mich fragt, sollte man therapeutische Aufarbeitungen genau an solchen Orten machen, weil man da schnell ganz in dem Gefühl ist, für das man in einer Praxis Stunden um Stunden braucht, um es auch nur ansatzweise greifen zu können. Meiner, also mein Psychonkel, gab mir komische Hausaufgaben auf. „Lerne zu heulen“, sagte er. Traurige Musik sollte ich hören, und an Dinge denken, die automatisch Tränen trieben. Womit er keine Zwiebeln meinte.
Eine Hausaufgabe, über die der Kapitän schmunzeln musste. Kennt er doch die Heulsuse in Jane Blond. Bei dem Herrn Therapeuten war das anders. Man hat nur eine knappe Stunde, und in der soll man zackbummpeng ins Gefühl kommen. Für mich reicht das nicht; es reicht nur zum stoischen Runterbeten der Kackeimer, in die ich so griff. Kackeimer gab es viele und das stoische Runterbeten kann ich gut. Viel besser als Beten im Sinne von beten. Zu gut, meinte der Mann auf der anderen Seite des Tisches. Ja, liebe Therapeuten. Ihr müsst entweder mehr Zeit aufbringen – jaja … ist nicht eure Schuld – oder eben in Kirchen praktizieren. So einfach ist das. Das hätte auch den Vorteil, dass mehr Menschen in Kirchen gehen würden, als diese fassen können. Auch andere Vorteile fallen mir dazu ein. Man könnte beispielsweise die Kirchensteuer abschaffen, was dann weit weniger Menschen dazu veranlassen würde, aus dem Verein auszutreten, weil das Untervermieten an Psychonkels weit mehr einbringen würde, als die Steuer es je konnte. Denkt an meine Worte. Ich finde das ist ein schönes wie pratisches Kombinat. Dazu würde das die Krankenkassen enorm entlasten, weil Kopfverdrehereien viel schneller greifen würden und sich dadurch Kosten einsparen ließen, wodurch sie sich viele steinerne Paläste bauen könnten viel Geld für Therapiemaßnahmen jedweder Art hätten, die bisher nur Privatpatienten zustehen. Logisch, oder? Jane Blond for Gesundheitsminister!

Ich wäre aber nicht ich, würde ich mich bei dem Zusammenhang zwischen der Kirchenraumruhe und dem Blond’schen Geflenne (geht man einfach mal davon aus, dass der Kapitän diesbezüglich recht hat) nicht fragen, warum das so ist.
Ich geh mal eben rüber, Kerzen anzünden, und ganz vielleicht spricht mich dort ja irgendjemand an. Bei meinem Glück ist es ein gehörnter und behufter Therapeut, in ein sonniges Gewand gekleidet, mit langem weißen Bart auf dunkelrotem Teint und mächtigen Schwingen dort, wo unsereins Schultern hat. Der dann nachdenklich auf seiner Zunge rumkaut, wie der Mister es tat, wenn ich etwas erklärte, um dann kindlich zu kichern, wie der Erste der starb es tat, wenn ich Dummtüch sabbelte.