Archiv der Kategorie: Nachdenkliches

Ups

Ich habe mich gestern beim Schubladendenken ertappt.
Im Laden. Ein sächsisches Ehepaar. Das ich nicht auf Anhieb als Sachsen wahrnahm, weil sie sauberes Hochdeutsch sprachen. Das ist so das Standardrepertoire, wenn ich merke, das Kunden auf Unterhaltungen aus sind: „Woher kommen Sie zu uns?“ Die Vorsaison beginnt, und da sind die netten Touries unterwegs, die im Sommer nie auf die Idee kämen herzukommen, weils nur gruselig ist. Diese Art Touries unterhält sich halt gerne.
In mir baute sich ad hok Widerstand auf, als der Mann seine Herkunft kundtat, und als hätte der Mann das gespürt, sagte er: „Genau genommen aus dem Moloch Bautzen.“
Der Begriff Moloch brach das Eis sofort wieder und wir unterhielten uns. Es war nicht mein innerer Widerstand, den er wahrgenommen hatte, vielmehr fühlt er als Sachse stigmatisiert. Und er schämt sich für seine Sachsen. Insbesondere seine Mutter, eine aus Schlesien Geflohene, leidet sehr unter der Stimmung dort. „Als ob die Rechten eine Ahnung vom Krieg, dem dritten Reich oder davon hätten, was es bedeutet, um sein Leben zu laufen.“ Oft ruft sie ihn an, und erzählt, wie unerträglich das rassistische Gegröle auf den Straßen für sie ist. Wenn Sachsen unter Sachsen leiden … Mir wurde die Brust eng. Ich möchte da nicht begraben sein.

Klar ist mir bewusst, dass nicht alle Sachsen rechte Arschlöcher sind, aber die Assoziation ist beängstigend da. Sobald einer sächselt, erstarre ich innerlich. Ich muss da an mir arbeiten. Unbedingt!
Ich bin da bisweilen ohnehin in einem Zwiespalt. Wie reagiert man, wenn redselige Kundschaft meint, ihre braune Gesinnung offenlegen zu müssen? „Das mit den ganzen Flüchtlingen geht so echt nicht weiter. Merkel hat Schuld!“
Glaubt man nicht, aber auch sowas passiert bisweilen. Neulich erst, eine Frau eben über siebzig.
Im Privatleben ist mir das egal. Zumal das da auch nicht passiert. Passierte es, hätte ich da aber keinerlei Hemmungen, offen zu sagen, was ich denke.
Ich bin im Laden aber keine Privatperson. Einerseits darf ich den Kunden nicht ungeschönt vor den Kopf hauen, was ich denke, weil das dem Laden und der Chefin schadet, andererseits kann ich mir auch nicht auf die Zunge beißen. Dann kommt von mir: „Das sehe ich grundlegend anders.“ Bisher war es so, dass damit das Gespräch beendet war. Braune Denke ist nicht darauf geeicht, wirklich zu diskutieren. Vielmehr erstarren sie in dem Moment und fühlen sich … ich würde sagen: ertappt. Glücklicherweise passierte derartiges bisher nur beim Zahlvorgang. Ich befürchte aber, dass ich damit eines Tages Kunden vergraule und mit Frau Chefin in Clinch gerate, weil ich da schwer bis gar nicht aus meiner Haut kann. Ich bin ein schlechter Diplomat.

Anders 

​Da ist dieser eine Kunde, der seit einigen Monaten regelmäßig kommt. Vielleicht zehn Jahre jünger als ich. Er fällt auf durch seine Kleidung. Aber nicht nur dadurch. Irgendwie passt seine Kleidung nicht mit seiner rauen Sprache und seiner Art sich zu bewegen zusammen. Dadurch fällt er richtig auf. Mir zumindest.

Heute trug er eine kunterbunt gestreifte knielange Short, knallige Farben auf weißem Grund, ein unglaublich pinkes Shirt, mit einer riesigen Eule aus Strasssteinen auf der Brust und eine Schlappmütze in Rosa. Darunter wirkte er, bis auf den Zehntagebart, haarlos. Und er trug diesen großen Damenring, den er neulich, neben zwei weiteren Ringen, bei mir kaufte, und von denen ich wieder dachte, sie wären für seine Freundin. Aufmerksamer Mann, der seiner Herzdame regelmäßig etwas mitbringt. Sie scheint Schmuck zu mögen. 

Seine Art einzukaufen ist anders, wie er anders ist.  Rastlos wirkt es. Rastlos wirkt er.

Er kommt … nein, er stürmt in den Laden, immer einen Kaffeetogobecher in einer Hand, kommt an den Tresen, guckt einmal über die Ringe, greift sich zwei oder drei, ohne auf die Preise zu gucken  – das alles dauert kaum länger als eineinhalb Minuten -, bezahlt, strahlt mich an, und ist wieder weg.

Zwei Ringe sind es heute. Auf einem ist eine pariser Szene dargestellt, den anderen ziert pinker und klarer Strass.

Ich lächle bevor er es kann. „Cooles Shirt, passt zum Ring vom letzten Mal.“ Ich nicke in Richtung des kleines Fingers seiner rechten Hand. Der Stein im Ring hat dasselbe Pink, wie sein Shirt. Er freut sich, dass ich ihn wiedererkenne. Das ist nicht schwer. Immer wiederkommend ringkaufende Männer in einem Tussiladen fallen auch ohne pinkfarbende Shirts auf.

Jetzt lächelt er, aber irgendwie gequält: „Das gehörte einem Mädchen, das ich kannte.“ Er ließ im Nebensatz fallen, was sie ihm antat. Ich nicke, weil ich verstehe und weil es jetzt keine Worte braucht. Es war wohl sein Baby, das sie nicht wollte. Er deutet auf seinen Kettenanhänger, der an einer überlangen Silberkette unter den Füßen der Strasseule hängt. Ich kenne dieses Steuerrad, das kaufte er auch irgendwann bei mir. „Soll ich dir verraten, was das bedeutet?“ fragt er. Ich antworte mit „Wenn du magst.“ 

„Das hab ich mir gekauft, als ich zwei Monate trocken war. Ich bin auf’m Campingplatz und entziehe alleine.“ Er sieht mich offen an. „Kaffee und Ringe, das brauche ich als Alkoholersatz!“ 

Ich ignoriere die offensichtlich pikierten Kundinnen vor dem Aufsteller mit den Sommerschlussverkaufssommerkleidern und halte ihm meine Hand in Kopfhöhe hin.  Es klatscht laut, als er einschlägt. „Danke“, sagt er. Ich ziehe meine Mütze, deute eine Verneigung an und sage: „Respekt!“ Das ist, was ich empfinde. Er lacht stolz und scheint ein wenig zu wachsen. 

„Bis bald“, sagt er. „Bis bald“, sage ich.

Manchmal sind die Dinge ganz anders, als man denkt. Denke ich, als er geht. Er dreht sich in der Tür nochmal um und sagt: „Manchmal, da sind die Dinge ganz anders, als man so denkt …“

Die lange Nacht der Biester

Ich mag keine Hornissen.
Man sagt ja, dass sie nichts tun, aber das stimmt nur bedingt. Wir hatten mal welche vor gut zwanzig Jahren. Es war eine gigantische Traube, in der sie auf dem Dachboden nisteten. Irgendwann tropfte es durch die Decke. Hornissenverdautes und so. Nicht in Litern, aber das Getröpfel schaffte es durch die Zwischendecke in die Wohnung und versah alles unter der Traube mit braunen Sprenkeln.
Was ja noch nichts wirklich Schlimmes ist.
Schlimm war, dass die Biester viel Raum einnehmen, und der Spätsommer war die Hölle.
Wespen machten sich über Fallobst her, die Hornissen sich über die Wespen. In die Nähe der Obstbäume zu gelangen war irgendwann unmöglich. Rasen konnte nicht mehr gemäht werden. Mehr und mehr Obst fiel, was nicht abgesammelt werden konnte. Man hörte es bald von weither summen.
Als die Hornissen nichts mehr zu fressen fanden, Wespen und anderes Insekt hatte offensichtlich vor ihnen das Zeitliche gesegnet, wurden sie angriffslustig. Wir konnten das Haus nur noch durch den Hintereingang verlassen, wenn wir nicht von ihnen verfolgt werden wollten. Lüften wird völlig überbewertet. Die Kinder konnten nicht mehr im Garten spielen. Es war wirklich unschön. Helfen konnten uns weder THW noch Feuerwehr. Hornissen stehen unter Naturschutz, und wenn man sich von ihnen „gestört“ fühlt – ahäm -, muss man halt woanders unterkommen, solange sie aktiv sind. Ich war arg gefrustet damals. Denn – siehe was passiert, wenn sie nichts mehr zu fressen finden – sie werden aggressiv, bevor es mit ihnen zu Ende geht.
Nein, ich mag keine Hornissen. So überhaupt nicht sogar.
So war der Traum in der letzten Nacht der blanke Horror.
Mir wuchs eine dritte Brust, zwischen den beiden vorhandenen. Keine aus Fleisch und Blut, sondern es war ein Hornissennest, das wuchs und wuchs, und keiner wollte oder konnte es mir abnehmen, weil Hornissen eben unter Naturschutz stehen. Es gab weltweit nur einen Spezialisten, der mir hätte helfen können, ohne die Hornissen zu gefährden, der war aber im Urlaub und nicht erreichbar. Ich bewegte mich nur noch (mit blankem Oberkörper) auf allen Vieren (damit das Nest von mir weg hängt und nicht mehr auf meiner Haut aufliegt, als nötig) umher, duschte nicht mehr, konnte mich nicht mehr waschen. Menschen, die mich hätten waschen können, trauten sich nicht an mich heran. Ich begann zu müffeln, wodurch ich irgendwann nicht mehr nur von Hornissen, sondern auch Fliegen jedweder Art umschwirrt und bekrabbelt wurde.
Als der Hornissenexperte dann endlichendlichendlich kam, wachte ich auf.
Für meinen Geschmack entschieden zu spät.
Ich möchte gar nicht wissen, was Traumdeuter in solch nächtliche Horrorstreifen hineininterpretieren würden.

Wegbegleiter

Es gibt Menschen, die prägen einen.
Mich hat dieser vor allem eines gelehrt: Selbstbeherrschung.
Bescheidenheit, Disziplin, Ausdauer, Respekt, Geduld, Willensstärke. Das war seine Philosophie, das war, was er all seinen Schülern mit auf den Weg gab.
Bewegung ist Leben, Leben ist Bewegung. Nichts ist unmöglich. Er hat viele Menschen, zu besseren Menschen gemacht. Hört sich abgehoben an, ist aber so. Es gab für ihn keinen Unterschied zwischen Himmel und Erde. Alle Menschen sind gleich. In jedem steckt dasselbe Potential. Es zählte nur eines: „Wollen du musst!“ Manchmal klang er wie Yoda, und ich musste aufpassen, nicht an unpassender Stelle auflachen zu müssen.
Gestern las ich, dass er nicht mehr ist, letzten Monat starb, und sah mir die Bilder seiner Trauerfeier an. Hunderte Schüler, in Doboks gekleidet, erwiesen ihm die letzte Ehre. Ich bekam Gänsehaut bis zum kleinen Zeh runter.

Lange her, Hans. Aber mir geht es wie vielen, die bei dir in die Schule gehen und von dir lernen durften.
Traurig ich bin.

Ein letztes Mal verbeuge ich mich vor dir. Charyot, Sabum nim, kyong ye.

***

Bimbam-bambim

Glockgeläut weckte mich. Ich rieb mir den Schlaf aus den Augen und sah das.

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„Na, alter Sack?! Meinst du wirklich, du kriegst mich auf diese subtile Schiene zurück?“ fragte ich. Der Hund fühlte sich angesprochen und sah mich erwartungsfroh an. Der Langbärtige aber blieb wieder einmal die Reaktion schuldig.
Bekannterweise ist unsere Kommunikation gestört und wir sprechen nicht miteinander. Obwohl ich es, zugegebenermaßen, bisweilen versuchte. Die ersten Jahre meines Lebens sogar mehrmals täglich – das war bei uns so – danach kaum mehr, und wenn ich es später tat, war ich eher vorwurfsvoll unterwegs. Zurecht, wie ich meine. Zuletzt versuchte ich es damals, nachdem mir der Mister tot vor die Füße gefallen war, und ich ihn mehr schlecht als recht reanimiert hatte.
Nachdem wir den Draht zueinander komplett verloren hatten, wurden Gespräche halt schwierig, und so war dies letzte auch nur ein Monolog, der all das beinhaltete, was man in solch niedergeschlagenen Momenten eben so sagt. „Warum schon wieder? Warum wieder ich? Warum wieder meiner? Was erwartest du von mir, damit das aufhört? Was muss ich tun, damit es diesmal gut ausgeht?“ Aber nicht mal auf die Quid-pro-puo-Fragen gab es eine Antwort. Zweiundvierzig war ich, als der Mister dann starb. Der zweite Mann, der mich nicht überlebte. Der Mann zwischen den beiden, hat mich nur überlebt, weil ich kein rachsüchtiger Mensch und eher träge bin, weswegen ich eine Scheidung dem Gattenmord vorzog. Der Kerl hat Glück gehabt.
Irgendwann schleppte der Kapitän mich in „seine“ Kapelle. Ein Ort der Ruhe. So ruhig, dass ich weglaufen wollte. Unerträglich ruhig. Der Kapitän behauptet bis heute, dass ich feuchte Augen bekommen hatte und schniefte. Was ich ebenso lange abstreite.
Manchmal gehen wir dort – oder in anderen Kirchen – Kerzen anzünden, für die, die nicht mehr sind. Auch wenn ich nicht gläubig bin, das mag ich. Diesen kurzen Moment, wo man ganz bei ihnen ist. Dafür ist diese Ruhe gut. Wenn man mich fragt, sollte man therapeutische Aufarbeitungen genau an solchen Orten machen, weil man da schnell ganz in dem Gefühl ist, für das man in einer Praxis Stunden um Stunden braucht, um es auch nur ansatzweise greifen zu können. Meiner, also mein Psychonkel, gab mir komische Hausaufgaben auf. „Lerne zu heulen“, sagte er. Traurige Musik sollte ich hören, und an Dinge denken, die automatisch Tränen trieben. Womit er keine Zwiebeln meinte.
Eine Hausaufgabe, über die der Kapitän schmunzeln musste. Kennt er doch die Heulsuse in Jane Blond. Bei dem Herrn Therapeuten war das anders. Man hat nur eine knappe Stunde, und in der soll man zackbummpeng ins Gefühl kommen. Für mich reicht das nicht; es reicht nur zum stoischen Runterbeten der Kackeimer, in die ich so griff. Kackeimer gab es viele und das stoische Runterbeten kann ich gut. Viel besser als Beten im Sinne von beten. Zu gut, meinte der Mann auf der anderen Seite des Tisches. Ja, liebe Therapeuten. Ihr müsst entweder mehr Zeit aufbringen – jaja … ist nicht eure Schuld – oder eben in Kirchen praktizieren. So einfach ist das. Das hätte auch den Vorteil, dass mehr Menschen in Kirchen gehen würden, als diese fassen können. Auch andere Vorteile fallen mir dazu ein. Man könnte beispielsweise die Kirchensteuer abschaffen, was dann weit weniger Menschen dazu veranlassen würde, aus dem Verein auszutreten, weil das Untervermieten an Psychonkels weit mehr einbringen würde, als die Steuer es je konnte. Denkt an meine Worte. Ich finde das ist ein schönes wie pratisches Kombinat. Dazu würde das die Krankenkassen enorm entlasten, weil Kopfverdrehereien viel schneller greifen würden und sich dadurch Kosten einsparen ließen, wodurch sie sich viele steinerne Paläste bauen könnten viel Geld für Therapiemaßnahmen jedweder Art hätten, die bisher nur Privatpatienten zustehen. Logisch, oder? Jane Blond for Gesundheitsminister!

Ich wäre aber nicht ich, würde ich mich bei dem Zusammenhang zwischen der Kirchenraumruhe und dem Blond’schen Geflenne (geht man einfach mal davon aus, dass der Kapitän diesbezüglich recht hat) nicht fragen, warum das so ist.
Ich geh mal eben rüber, Kerzen anzünden, und ganz vielleicht spricht mich dort ja irgendjemand an. Bei meinem Glück ist es ein gehörnter und behufter Therapeut, in ein sonniges Gewand gekleidet, mit langem weißen Bart auf dunkelrotem Teint und mächtigen Schwingen dort, wo unsereins Schultern hat. Der dann nachdenklich auf seiner Zunge rumkaut, wie der Mister es tat, wenn ich etwas erklärte, um dann kindlich zu kichern, wie der Erste der starb es tat, wenn ich Dummtüch sabbelte.

Neumodischen Schiet

Es ist ja nicht so, dass ich keine Ausweichmöglichkeiten hätte. So ersetzt das Handy letztzeitig das zickende Tablet. Was den Vorteil hat, dass ich viel weniger surfe. Ich bin da flexibel.
Aber den Kapitän stören zickende Gerätschaften. Wodurch ich jetzt – nach einigem Gezicke meinerseits, wobei ich froh bin keine Gerätschaft zu sein, die man austauscht – ein neues Tablet mein Eigen nenne.
Gar nicht lange her, dass ich mich darüber wunderte, was mein Handy alles über mich weiß. Das jetzt aber übertrifft alles!

Big Brother is wachting me.

Ich so: anmeld. Nichts weiter, nur: anmeld: und zackbummpeng sind alle Daten, die auf meinem alten Tablet waren, wie von Zauberhand auf dem neuen. Inklusive Einstellungen, Apps, Alben und Desktopfoto. Dazu das komplette Telefonbuch aus meinem Handy und Teile der Alben darauf.
What the fuck?
Es gibt Dinge, die sind zu hoch für meinen flachen Kopf.
Aber eines habe ich daraus gelernt. Wie es aussieht, kann jeder, der meine Zugangsdaten hat, sich alles ziehen, was ich auf Handy und Tablet gespeichert habe. Und nein, ich habe nichts (!) im Drive gespeichert … Ich geh dann mal Passwörter wechseln.

Chewie, the little Terrorist

Um halb acht heute Früh, stand ich vor der Tierarztpraxis und lieferte den Hund ab. Gegen elf Uhr wachte er auf, war aber nicht wach genug, um vor der Mittagspause nach Hause zu dürfen. Um 16.30 Uhr stand ich wieder vor der Praxis und hörte, kaum hatte ich die Tür geöffnet, mein Tier jammern, winseln, jaulen, kläffen.
Es dauerte eine weitere Stunde, bis ich zu ihm konnte. Der Hund jammerte, winselte, jaulte und kläffte ohne Unterbrechung weiter.
Das ging so, sagte die Ärztin, seit er aus der Narkose aufwachte. Ohne Unterlass. Erst als er mich sah, war Ende. Dafür klammerte er sich an mir fest, als ich ihn aufgehoben und vor den bösenbösenbösen Kittelträgern gerettet hatte.
Schon schön, wenn man so vermisst wird. Sünde aber, dass das Tier sechs Stunden am Stück darunter litt. Jetzt liegt er platt danieder, und ich bin mir nicht sicher, ob es noch von der Narkose kommt, oder von dem sechs Stunden dauernden Terror, den er veranstaltete. Wer in so einer Tierarztpraxis arbeitet, sollte gute Nerven haben.
Dafür hat er die Zähne schön. Keiner musste gezogen werden. Perfekt! Am Ende machte nur eine Zahntasche den ganzen Ärger. Bei dem, was er vorletzte Woche an Blut verlor, ging ich von weit Schlimmeren aus …

Stalking

Oder mein Handy und ich.
Ungefragt weiß google jederzeit, wann ich wo bin. Ob der Regelmäßigkeit des Dortseins, weiß google, wo ich arbeite, und informiert mich über die Dauer meines Heimweges. Arbeite ich nicht, meint google mir mitteilen zu müssen, wie lange ich zur Arbeit bräuchte. Wobei google anhand der angegeben Zeit ganz klar weiß, dass ich die Strecke mit dem Auto zurücklege.
Bin ich andernorts unterwegs, unterstützt google mich auch, indem es mir andauernd mitteilt, wie lange ich bis Zuhause bräuchte. Oder informiert mich – ebenso ungefragt, wie alles andere auch – über Staus, Unfälle oder Baustellen.
Das nenne ich wirklich mal gläsern. Wie schaltet man solche Funktionen ab?

So einfach geht das

„Du bist soooo eine Liebe. Soooo eine Liebe. Das hab‘ ich gar nicht gewusst.“
Frau Nachbarin hatte an meiner Tür geklingelt. Mit 2,3 Promille im Blut 81,5kg Blei auf der Zunge.
Ich hatte genau zwei Möglichkeiten. Ihr barsch die Tür vor der Nase zuzuknallen, oder mir kurz anzuhören, was sie zu sagen hat. Mehr geht bei derart Betrunkenen nicht. Erfahungswerte. Wobei sie bei Möglichkeit eins schnell überreagieren können. Das Gehirn verarbeitet in einem solchen Zustand nicht unbedingt die meisten Informationen, womit „es passt gerade nicht“ keine Alternative war. Ich finde betrunkene Frauen eklig, aber ich besann mich auf meine mir angeborene Höflichkeit und hörte zu. Menschen werden ja nicht ohne Grund alkoholabhängig, und ja … ich habe dann tatsächlich Mitleid. Und das meine ich nicht abwertend. Sie tun mir einfach leid.
Ich bin also lieb. So das Fazit aus diesem … äh … Gespräch.
Ich habe nichts getan, um als lieb empfunden werden zu können. Außer der Frau Nachbarin zu erklären, dass es mir egal ist, was die Leute über mich erzählen. Ich bin nämlich ein Mystherium für die Nachbarn, und darüber klärte sie mich auf. Man macht sich seine Gedanken über mich (Ich grüße nett und freundlich, aber das war es dann mit der nachbarschaftlichen Kommunikation. Besser ist das …) und spekuliert.
Ich sei eingebildet.
Ich hielte mich für etwas Besseres.
Ich sei eine Ökotante (Warum nur denken Menschen so was immer wieder von mir? Das ist de fakto ein Irrglaube!).
„Die mit ihrem Hund …“, abwertend intoniert. Was auch immer mir das sagen soll.
Tja. Und nun, nach fünfzehn Minuten, bin ich eine Liebe. Ich verwette die Hälfte meines Hintern darauf, dass das morgen jeder hier weiß. Wie ich sagte: So einfach geht das.

Verdammt lang her, verdammt lang, verdammt lang her …

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich die letzten Jahre vom Mister geträumt hätte. Zumindest nicht von dem Mister, der nicht krank, gebrechlich und schwer behindert war.
Heute Nacht aber stand er mit verbundenen Augen (in körperlich bester Verfassung, kein Spargeltarzan, wie zuletzt, kein ausgemergelter Körper, sondern einer, der vor Kraft strotzte. Sein Haar war voll und seine Locken kringelten sich wild in alle Richtungen, glänzten dabei gesund und kräftig, statt matt und stumpf, ob der ganzen Medikamente, am Kopf zu kleben … Ein Bild, das kein regloses Foto ist, und das mich in diesem bewegtem Bildern der letzten Nacht anfasst. Scheiße, hatte der Mann eine unglaubliche Kraft … auch in seiner Stimme, die ich aus den letzten Jahren nurmehr flüsternd in Erinnerung habe, Kraft, die letzte Nacht in jeder kleinen Bewegung zu erkennen, in jedem Ton hören zu war. Wie früher, als alle verstummten, wenn er seine Stimme erhob …) auf dem Tisch, und polterte, wie er eben polterte, wenn irgendwas nicht so lief, wie er es wollte, ob das Ganze nicht schneller ginge. Um ihn herum standen viele Menschen, die ich nicht kannte. Sie standen hinter den um den Tisch aufgereihten Stühlen. Eine Handvoll von ihnen saß. Der Tisch war schmal, aber dafür sehr lang, und es müssen mindestens fünfzig Menschen an ihm Platz gefunden haben. Der Mister stand also auf dem Tisch und trug seine Jacke. Die Jacke, die er sich in Miami, im Hard-Rock-Cafe gekauft hatte, und trotz der Affenhitze dort, anzog und damit durch die Gegend lief. Die Jacke, die ich, neben seinen Uhren und der Rah-Band-CD, als Einziges aufbewahrt habe. Er war umzingelt von mir Fremden und sollte nicht überrascht werden, oder so, sondern es ging dabei um mich. Ich stand abseits und sollte etwas beweisen, wusste aber nicht was. Eine Mutprobe. Irgendein Beweis. Irgendwas hatte ich zu tun, wusste aber nicht was, und zog mich, weil mir der Trouble zu groß war, zurück. Soweit, dass ich den Mister noch sehen und hören konnte, aber von den Menschen um ihn herum nicht mehr gesehen wurde. Unfähig zu erkennen, was von mir erwartet wurde.
Manche Träume sind unglaublich real. Dieser war es. Und auch, wenn ich mich seit dem Erwachen frage, was ich hätte tun sollen, und mich dieser Traum verwirrt, so ist da etwas Anderes, etwas viel Wichtigeres … ich habe ihn noch einmal sehen und hören dürfen, wie er war, bevor …

Ein Bild, das ich mir selbst kaum mehr in Erinnerung rufen konnte.