Archiv der Kategorie: Nachbarschaftliches

Lieber Gott,

es hat den Anschein, dass du Großes planst. Eine Riesensause mit den Who is Who des Musikgeschäftes auf der Bühne.  Wen nur erwartest du, dass du so gewaltig auffahren musst? Wem gilt dies Empfangskomitee?
Ich hoffe keinen der Meinen.
Sicher nicht, denn da ist keiner bei, der für sich selbst einen solch unglaublich dekadenten Einstieg bei dir oben bräuchte. Wir sind einfache Menschen. Wie die meisten Anderen hier unten auch. Darum denke ich, dass du uns die uns noch verbliebenen Musiker etwas lassen könntest. Man muss wirklich nicht so auffahren. Egal, wen du erwartest, Bescheidenheit ist mehr als nur eine Zier und eigentlich auch eine Eigenschaft, die du uns (das habe ich gelesen und auch mehrmals gehört) lehren willst, und die deinem Auge wohlgefällt.  So zumindest sollst du deinen Sohn damals erzogen haben.
Bitte.
Am Ende können wir sonst alle nur noch Schlager hören und landen durch Verzweiflungstaten wohlmöglich in der Hölle …
Da du jetzt auch noch mit purpurnem Regen auffahren kannst, reicht es, glaube ich, wirklich.
Nochmal Bitte. Und Danke. Ach ja, klar. Und Amen selbstverständlich.
Ps. Grüße an du weißt schon wen.

Sie sind wieder hier

In meinem Revier.
Schlechtlaunige Touries, mit miesepetrigen Gesichtern. Eines länger, als das Andere. Und da ist es egal, ob ich einen bayrischen Akzent höre oder einen sächsischen. Ich habe mich da letztes Jahr zur Genüge drüber ausgelassen, dass ich nicht verstehe, wie man im Urlaub so schlechte Laune haben kann. Und es geht weiter. Aber das ist nur der Spiegel, in dem man den Durchschnittsdeutschen sieht.
Man, man, man, und das, wo ich gerade selbst erst zurück bin. Ich vermisse die Schweizer, und ihre Freundlichkeit. Da oben ist alles ganz anders. Alles.
Ich versuche das im Geschäft gerne wegzulächeln. Je übellauniger man mir mir begegnet, umso freundlicher werde ich. Es klappt. Auch wenn es anstrengend ist.
Trotzdem würde ich mich gerne ins Auto setzen und wieder dorthin fahren, wo es so viel behalte schlechte Laune nicht gibt. Wo wirklich Herzlichkeit vorherrscht.
Und weg vom Nachbarn, der sich einen Strandkorb hat anfertigen lassen – Manufaktur und so! -, um ihn irgendwo geschützt ins Haus zu stellen, weil er draußen ja staubig oder gar nass werden könnte.
Meine Fresse!
Sprachs und lächelte …

So einfach geht das

„Du bist soooo eine Liebe. Soooo eine Liebe. Das hab‘ ich gar nicht gewusst.“
Frau Nachbarin hatte an meiner Tür geklingelt. Mit 2,3 Promille im Blut 81,5kg Blei auf der Zunge.
Ich hatte genau zwei Möglichkeiten. Ihr barsch die Tür vor der Nase zuzuknallen, oder mir kurz anzuhören, was sie zu sagen hat. Mehr geht bei derart Betrunkenen nicht. Erfahungswerte. Wobei sie bei Möglichkeit eins schnell überreagieren können. Das Gehirn verarbeitet in einem solchen Zustand nicht unbedingt die meisten Informationen, womit „es passt gerade nicht“ keine Alternative war. Ich finde betrunkene Frauen eklig, aber ich besann mich auf meine mir angeborene Höflichkeit und hörte zu. Menschen werden ja nicht ohne Grund alkoholabhängig, und ja … ich habe dann tatsächlich Mitleid. Und das meine ich nicht abwertend. Sie tun mir einfach leid.
Ich bin also lieb. So das Fazit aus diesem … äh … Gespräch.
Ich habe nichts getan, um als lieb empfunden werden zu können. Außer der Frau Nachbarin zu erklären, dass es mir egal ist, was die Leute über mich erzählen. Ich bin nämlich ein Mystherium für die Nachbarn, und darüber klärte sie mich auf. Man macht sich seine Gedanken über mich (Ich grüße nett und freundlich, aber das war es dann mit der nachbarschaftlichen Kommunikation. Besser ist das …) und spekuliert.
Ich sei eingebildet.
Ich hielte mich für etwas Besseres.
Ich sei eine Ökotante (Warum nur denken Menschen so was immer wieder von mir? Das ist de fakto ein Irrglaube!).
„Die mit ihrem Hund …“, abwertend intoniert. Was auch immer mir das sagen soll.
Tja. Und nun, nach fünfzehn Minuten, bin ich eine Liebe. Ich verwette die Hälfte meines Hintern darauf, dass das morgen jeder hier weiß. Wie ich sagte: So einfach geht das.

Was ist grün, und trägt einen roten Mantel?

Es weihnachtet.
Die Altstadt ist, und das finde ich wirklich, schön geschmückt. Stimmig. Aber wenn man durch die Wohnstraßen geht. Jesus, Maria und Jupp! Hier leuchtet und blinkt es, man könnte meinen, dass sich verirrte Nordlichter hier rumtreiben.
Beim Haus nebenan hängt am Treppengeländer draußen so eine blinkende Lichterkette. Am Haus daneben ebenso. Beim Nächsten ist nichts. Guter Mann. Davor der Haus schlägt alle anderen. Es blinkt vor der Tür, es blinkt hinter der Tür, alle Fenster tragen Feststagsbeleuchtung. Gruselig. Und irgendwie zieht sich das geschmacklose Leuchten durch die komplette Reihenhaussiedlung.
Um die Ecke haben die einen Fahnenmast mit einem roten Lichterschlauch umwickelt. Bis in die Spitze. Man könnte denken, ein recht großer Jedi vermisst sein Laserschwert. Es reiht sich Geschmacklosigkeit an Geschmacklosigkeit. Hauptsache schön hell.
Es ist nicht so, dass ich Weihnachtsdeko gar nicht mögen würde. Siehe Eingangssatz. Aber irgendwie.
Gut, ich hab beim Kapitän etwas Deko gemacht, aber nur etwas. Was der Grund ist, dass das zweite Etwas über war. Lange Rede, kurzer Sinn. Die Treppe bot sich an. Hilfe, ich hin ein Grinch. Aber echt nur im Flur. Ich schwöre.

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PS … um mich selbst besser dastehen zu lassen, als es aussehen mag. Die Laternen hängen ganzjährig und haben nichts mit Weihnachten zu tun. Wie ich sagte … der Flur bot sich an.

Nachbarschaftliches Part … äh … was weiß denn ich gerade

Wenn es nach mir geht, ginge ich Gesprächen mit dem Nachbarn aus dem Weg. Er hat mir zu komische Meinungen. Davon abgesehen, dass er mich für eine durchgeknallte Alternative hält … was wirklich Humbug ist … meint er, Krebs könnte am Ende doch ansteckend sein, und so. Warum er nichts darüber hören, lesen oder sehen mag, weil das schon ausreichen könnte.

Seine neueste Weisheit: Es ist zu warm für Winterreifen. Er meint, man müsse vor jedem Losfahren die Außentemperatur kontrollieren, und im Zweifel wieder die Sommerpuschen draufschrauben. Weil … was ist denn wohl, wenn man mit Winterreifen einen Unfall baut, und es hat dann über zehn Grad? Dann zahlt die Versicherung nachher nicht, weil sich die Plusgrade bei Winterreifen auf die Bremskraft auswirken. Und sowas weiß man ja schließlich! Davon gehen zumindest Versicherer aus.
Ähm. Ich erinnerte mich da an Toni, unseren ehemaligen Reifenfritzen. Fürs Reifenwechseln war ich zuständig. Ich fuhr also einen Tag mein Auto zum Reifentausch und am nächsten Tag das Nichtmeine.
Meine Reifen wurden immer kommentarlos gewechselt, kam ich jedoch mit des Misters Auto, gab Toni den verantwortungsvollen bis verängstigt wirkenden Lehrer. „Sag Chef, er nix schneller fahren als 190km/h damit“, wiederholte er mit italienischem Akzent mehrmals.
Zum Abschied hieß es wieder: „Nicht vergessen, Chef sagen, nix schneller als 190 fahren.“
Toni meinte es ernst, denn am Armaturenbrett klebte ein Postit für „Cheffe“ mit der Aufschrift: „190 Höchstgeschwindigkeit. Gefahr!“
Toni hatte Cheffe einst seinen S6 verkauft. Die Probefahrt fand auf dem Hockenheimring statt. Was vielleicht ein Grund sein für Tonis Übervorsichtigkeit gewesen sein mag. Nichtsdestotrotz: Ich bin mir sicher … Sehr, sehr sicher, dass Toni mich über andere, durch Winterreifen hervorgerufene Gefahren hingewiesen hätte. Mit oder ohne besondere Probefahrterlebnisse. Er mochte mich nämlich.
Aber das erkläre mal einem, der im strömenden Regen seinen Wagen auf dem Hof wäscht, und das mit ausgedachten Handhaben in der Seefahrt vergleicht. Wobei er mein: „Es gibt halt keine Waschstraßen für Segelyachten …“ ignorierte, während unter seinem Wetshirt fröstelnder Nippelalarm herrschte.
Oder einem, der seine Reifen sogar im Hochsommer warmfährt und die Bremsen einbremst. Japs. Bei jeder Fahrt fährt er Schlangenlinien bis weit außerhalb die Sichtweise hinaus, was immer wieder viele Fragezeichen aus meine Stirn wirft.
Oder einem, der nach jeder Heimkehr die Motorhaube seines noch sehr jungen Autos offen stehen lässt, weil er den für eine dreißig Jahre alte Kiste halten muss, die heißgelaufen ist und auskühlen muss.
Oder, oder, oder …

Eingeborenengespräche

„Die sind doch bekloppt, die Touristen“, sagte die ehemalige Nachbarin des Kapitäns, die nun meine Nachbarin ist (Angeln ist eben noch etwas kleiner, als die Welt), und begründete ihre Meinung auch gleich: „Die bestellen voll die fetten Fischplatten und schlagen sich bei vierzig Grad den Wamps voll, das geht gar nicht.“
Der Kapitän vermutet nun, dass sein ganzes Dorf, nur noch aus Touristen besteht. „Ich glaube …“, sagte er, „ich glaube, dass alle Eingeboren ihre Betten für die Touries geräumt haben, und die nun allesamt auf Matratzen in den Schulturnhallen schlafen.“ ***

Finde ich so abwegig nicht, seine These. Denn so viele Ferienwohnungen, wie es hier Touristen hat, gibt es in ganz Deutschland nicht. Mittlerweile sind es so viele, dass das mobile Internet allerorts nurmehr in vorsintflutlicher Geschwindigkeit läuft, äh, schleicht. Egal welches Netz, nichts geht mehr. Außer mitten in der Nacht, wenn der gemeine Tourist den fetten Fisch versucht zu verdauen.

Mein Abendessen war eine Däneneistüte. Was auch sonst …
Und Dienstag bekomme ich von der Lieblingsdäneneisdealerin das echte dänische Lakritz mitgebracht. Das Zeug, das das Eis fünfzig Cent teurer macht, und nicht angeboten wird Vorort, weil es den Touristen zu teuer ist.
Mir nicht. Ich bezahle ja eh nur die Hälfte.
Meine Däneneisdealerin war heute außerdem so nett, meinen Ruf öffentlich wiederherzustellen. Sie brüllte quer über die Straße: „Ich bleibe heute bis 19Uhr und zwar nur für dich, damit du endlich dein erstes Eis des Jahres bekommst.“ Was ihre Art der Wiedergutmachung ist, weil sie mich ja vor dem Kapitän als Stammgast outete. Irgendein bayowarischer Tourie nahm mir die Antwort aus dem Mund: „Das ist sehr großmütig.“
Fand ich auch.

*** Edit: Ich bekam eben eine Whatsappnachricht zu diesem Eintrag „du hast die Klingler vergessen!“

Stimmt. Also das geht für gewöhnlich so. Man hört das Knirschen der Kieselsteine, mit den der Hof belegt ist. Dann klingelt es. Ein Mann mittleren Alters öffnet und dann kommt es: „Wie komme ich denn zu diesemoderjenen Strand?“ Der Mann mittleren Alters antwortet dann: „Weiß ich nicht.“
„Ach, Sie machen auch Urlaub hier?“ (Der Tourie, der nicht denkt, ganz Angeln bestünde einzig aus anderen Touries, klingelt also b.e.w.u.s.s.t. bei Eingeborenen Sturm)
„Nein. Ich. Wohne. Hier.!“
„Aber, aber dann müssen Sie doch wissen, wo dieser oder jener Strand ist!“
Mal davon abgesehen, dass wir erst zugewandert sind und wirklich nicht jeden Strand kennen, ist es irgendwie dreist. Schließt man dann wortlos die Tür, ist man ein unfreundlicher Arsch. Mag im ersten Moment so erscheinen, aber die Masse der Vorkommnisse macht es. Wird man über den Zaun gefragt, fallen die Antworten schon etwas freundlicher aus, auch wenn die Touristen dann nicht unbedingt dort ankommen, wo sie ursprünglich hin wollten (die wissen es nicht besser. Strand A ist doch viel schöner, als Strand B). Das an der Tür läuten jedoch … Ich denke darüber nach, ein Schild anzubringen (schließlich gehört das Haus am Meer die nächsten Wochen mir allein, weil der Kapitän unterwegs ist): „Hier ist KEINE Touristeninformation. Bitte fahren Sie in die nächste Stadt und kaufen sich eine Radwanderkarte bei Leuten, die für Informationen, wie Sie sie umsonst haben möchten, bezahlt werden.“

Unschönes

Ich bekam gestern ein Livekonzert.
Es liefen unter anderem: „Adios Amor“, gefolgt von „Mama Leone“ (was empfunden nicht ins „Konzept“ passte, aber egal), hin zu „I´m sailing“ in der deutschen Version und in einer weiteren, die ich noch nicht kannte, und in der der Refrain so klang: „Ich will nach Jena, will nach Jena, doch nach Jena, komm ich nicht“. Einige andere Titel kannte ich auch nicht, meine aber zu wissen, dass die ursprünglich mal von Andrea Berg verbrochen wurden, die die Nachbarin immer gerne auf dem Draußen-CD-Spieler hört.
Frau Nachbarin hatte sich am helllichten Tag die Kante gegeben und sang ohne Begleitmusik aus der Konserve.
Ihren Gesang unterbrach sie mit wüsten Beschimpfungen gegen den eigenen Gatten, der nach den ersten paar Malen „Drecksau“ die Flucht ergriffen hatte. Immer wieder öffnete sie das Fenster zum Garten hin und informierte die komplette Nachbarschaft darüber, dass ihr Mann ein ekelhafter Titten- und Ritzenglotzer sei. „Ekelhaft, ist die Drecksau. Ekelhaft!“
Sie telefonierte die Familie ab, und informierte alle darüber, dass es das war. Sie kommt nun zurück nach Jena und ihr Kerl, der könne sie am Arsch lecken.
Sie lehnte am weit offenstehenden Fenster, während sie ins Telefon grölte.
Die Sau. Das Dreckschwein. Drecksau, die alte. Ekelhaft. Um die hundert Mal (eher öfter) fiel jede einzelne Beschimpfung und war ein Drama in mehreren Akten.
Das eine Telefonat wurde beendet mit „Tschüss“ und schon wurde der Nächste angerufen, um über die ekelhafte Drecksau zu schimpfen.
Zwischendurch wurde in einen der Nachbargärten gebrüllt, ob jene Nachbarin nicht auch finde, dass ihr Mann ekelhaft sei.
Irgendwann war die Drecksau ausgeschöpft und es wurde zum Kinderfi**er gegriffen.

Nach einigen Stunden, Frau Nachbarin schimpfte immer noch – so weit es die vom Alkohol lahme Zunge zuließ – kam der Nachbar heim. „Da bist du ja, du alte ehelhafte Drecksau“, wurde er an der Haustür begrüßt.

Reihenhauscharme. Es sind meine direkten Nachbarn, und so nutzte es auch nichts, die Fenster zu schließen, denn durch die Wand hörte ich das Drama nicht minder weiter.
Er weiß, wann sie ein Level erreicht hat an dem er nach Hause kommen kann, der Nachbar. Das Drama war kein Einzelfall. Sie besäuft sich regelmäßig (alle zwei Wochen) übers Maß hinaus, und grölt vor sich hin, er flüchtet. Normal also.
Er kam nach Hause und versuchte Frau, die wieder ein Liedlein anstimmte: „Schalala, i love you“, ins Bett zu bringen, was nochmals zwei gute Stunden dauerte, in denen sie entweder von Liebe sang, oder Drecksau brüllte.
Mal ist es arger, mal weniger. Gestern war es arg arg. Bisher war es nur Gesang und Geschreie, er solle sie in Ruhe lassen, wenn er versuchte, sie zu beschwichtigen.

Mein erster Eindruck von der Frau war damals zwar sofort, Alkoholikerin (irgendwann sieht man es ihnen einfach an), aber das ich derart bestätigt werde in meinem Denken, brauche ich nicht für mein Ego.

Es gibt Dinge, die stimmen mich sehr sehr nachdenklich.

Gestern

Erntezeit hat für mich immer etwas von Herbstbeginn. Doof, ich weiß, denn mit Glück haben wir noch zwei schöne Monate vor uns. Und doch … gefühlte Assoziationen.
Die Rapsernte ist im vollen Gang, und der Baron von und zu Schlossgraben war so nett, als erstes den ebenerdigen Blick aufs Meer wieder freizugeben.
Mähdrescher vor Großsegler. Eine, wie ich finde, großartige Kulisse.

Ein Gespräch mit dem Kapitänsnachbarn am Rande der Mäharbeiten ergab, dass er mich für eine Alternative hält. Ob das da – wobei er gen Mähdrescher nickte – nicht eher etwas für mich wäre, statt irgendwo in einem Laden zu stehen. Und das alte Fahrrad, dieser ganze Retrokram und so. Ich hätte was von einem Aussteiger.
Na ja, dafür bin ich wohl doch zu sehr mittendrin.
Noch.
Ist man eigentlich alternativ, nur weil man versucht, sich auf das Wesentliche zu beschränken? Weil man nicht konsumgeil ist? Weil man alte Sachen lieber mag, als Neue? Weil man Natur sein lässt, versucht auf sie zu achten, und selbst schreiende Pfauen liebt? Weil man es nicht schlimm findet, wenn Rehe im Garten stehen? Weil man stundenlang nur dasitzen und Vögel beobachten kann? Mehr weiß er eigentlich nicht von mir. Und für mich ist das normal.
So bildet man sich seine Meinung. Meine von ihm ist im Umkehrschluss auch festgelegt. Nackerter Steinebleicher, der en Detail festgelegte Abläufe braucht und darum stieselig und spießig wirkt. Apropos Spießertum.
Der Kapitän erlaubte sich einen Spaß. Der Nachbar hat den Weg um den Garten herum beschnitten. Der Kapitän sah das, stürmte gen Bad, holte seine Nagelschere, klapperte kurz damit grinsend vor meiner Nase und begab sich zum Nachbarn. Die Worte „heute ist er dran“ trällernd.
Was wohl der Grund war, warum der Nachbar mir zum Abschied sagte, ich solle kein Wort dazu sagen, als er meinte, er würde nun weiter den Weg beschneiden. Das hätte der Kapitän schon gemacht.
Sachen gibt’s.

Who the fuck, is Frau Thomas?

Vor drei oder vier Wochen, ich ging die Straße in der ich wohne entlang, an den Laubengängen vorbei, als aus einem von diesen ein „Frau Thomas?!“ zu hören war.
Der rufende Mann kam näher und wedelte mit einer Zeitung. Weiterhin eine Frau Thomas rufend. Ich ging am Laubengang vorbei, an dessen Ende der Mann nun stand, nickte freundlich lächelnd und gut.
„Frau Thomas?“, kam es nun leiser. „Sind Sie nicht Frau Thomas?“
Ich entschuldigte mich, als ich merkte, dass er mit mir redet. „Sorry, nein. Ich bin nicht Frau Thomas. “
„Aber“, er schien ein wenig enttäuscht zu sein, „Sie sehen aus, wie Frau Thomas.“

Gut, man ist freundlich in Kappeln. Egal, ob man will, man grüßt und wird gegrüßt. Immer. Außer man trifft auf Touristen, woran man sie eindeutig als Tourist festmachen kann, am Nicht-grüßen. Bisweilen schien mir der eine oder andere Gruß vertrauter, wie vor ein paar Tagen der, des mir unbekannten Mannes auf dem Fahrrad. Er war noch sehr weit weg, aber brüllte laut „MoinMoin“ und winkte heftig, ehe er in eine Seitenstraße weiter vorne einbog, aber ich gab nichts drauf. Außer mir war weit und breit niemand auf der Straße, also musste ich gemeint gewesen sein. Sind eben nette Menschen hier.
Bis gestern dachte ich das.
Gestern Abend aber: Dieselbe eingangs erwähnte Straße, der Garten hinter demselben Laubengang. Ein Junge von vielleicht acht Jahren flötete mir ein freundliches „Hallo Frau Thomas“ über die Hecke zu. Ich schaute leicht irritiert, als ich mich in einem Deja vu wähnte. Nochmal erklang die Stimme des Kindes: „Hallohoo, Frau Thooomaaas.“ Ich sagte, nachdem ich mich umgeschaut und somit versichert hatte, dass wirklich ich gemeint sein muss: „Ich bin nicht Frau Thomas aber trotzdem Hallo!“
„Sie sind nicht Frau Thomas?“
Ich schüttelte den Kopf.

Ich bin irritiert. Hielt ich mich für eine einmalige Schönheit unnachahmliches Unikum, stelle ich nun fest, dass es mich zwei Mal gibt. Hier irgendwo – in unmittelbarer Nachbarschaft – gibt es eine Frau, namens Frau Thomas (eine offensichtlich beliebte Dame), die so aussieht wie ich. Oder ich wie sie. Was auch immer. Ich werde sie hoffentlich auch erkennen, wenn ich ihr über den Weg laufe. Ohne zu arg enttäuscht zu sein. Man weiß ja nie, mit wem man wirklich verwechselt wird.