Archiv der Kategorie: Halblokalpatriotisches

Ups

Ich habe mich gestern beim Schubladendenken ertappt.
Im Laden. Ein sächsisches Ehepaar. Das ich nicht auf Anhieb als Sachsen wahrnahm, weil sie sauberes Hochdeutsch sprachen. Das ist so das Standardrepertoire, wenn ich merke, das Kunden auf Unterhaltungen aus sind: „Woher kommen Sie zu uns?“ Die Vorsaison beginnt, und da sind die netten Touries unterwegs, die im Sommer nie auf die Idee kämen herzukommen, weils nur gruselig ist. Diese Art Touries unterhält sich halt gerne.
In mir baute sich ad hok Widerstand auf, als der Mann seine Herkunft kundtat, und als hätte der Mann das gespürt, sagte er: „Genau genommen aus dem Moloch Bautzen.“
Der Begriff Moloch brach das Eis sofort wieder und wir unterhielten uns. Es war nicht mein innerer Widerstand, den er wahrgenommen hatte, vielmehr fühlt er als Sachse stigmatisiert. Und er schämt sich für seine Sachsen. Insbesondere seine Mutter, eine aus Schlesien Geflohene, leidet sehr unter der Stimmung dort. „Als ob die Rechten eine Ahnung vom Krieg, dem dritten Reich oder davon hätten, was es bedeutet, um sein Leben zu laufen.“ Oft ruft sie ihn an, und erzählt, wie unerträglich das rassistische Gegröle auf den Straßen für sie ist. Wenn Sachsen unter Sachsen leiden … Mir wurde die Brust eng. Ich möchte da nicht begraben sein.

Klar ist mir bewusst, dass nicht alle Sachsen rechte Arschlöcher sind, aber die Assoziation ist beängstigend da. Sobald einer sächselt, erstarre ich innerlich. Ich muss da an mir arbeiten. Unbedingt!
Ich bin da bisweilen ohnehin in einem Zwiespalt. Wie reagiert man, wenn redselige Kundschaft meint, ihre braune Gesinnung offenlegen zu müssen? „Das mit den ganzen Flüchtlingen geht so echt nicht weiter. Merkel hat Schuld!“
Glaubt man nicht, aber auch sowas passiert bisweilen. Neulich erst, eine Frau eben über siebzig.
Im Privatleben ist mir das egal. Zumal das da auch nicht passiert. Passierte es, hätte ich da aber keinerlei Hemmungen, offen zu sagen, was ich denke.
Ich bin im Laden aber keine Privatperson. Einerseits darf ich den Kunden nicht ungeschönt vor den Kopf hauen, was ich denke, weil das dem Laden und der Chefin schadet, andererseits kann ich mir auch nicht auf die Zunge beißen. Dann kommt von mir: „Das sehe ich grundlegend anders.“ Bisher war es so, dass damit das Gespräch beendet war. Braune Denke ist nicht darauf geeicht, wirklich zu diskutieren. Vielmehr erstarren sie in dem Moment und fühlen sich … ich würde sagen: ertappt. Glücklicherweise passierte derartiges bisher nur beim Zahlvorgang. Ich befürchte aber, dass ich damit eines Tages Kunden vergraule und mit Frau Chefin in Clinch gerate, weil ich da schwer bis gar nicht aus meiner Haut kann. Ich bin ein schlechter Diplomat.

Nachtwanderung

Ein ganz normaler Hunde-Strandspaziergang war das. Eigentlich. Wäre da – zurück am Auto – nicht die leere Jackentasche gewesen. Ich suchte noch da, wo ich den Kackibeutel aus der Tasche gezogen hatte. Irgendwo musste dieser halbe Autoschlüssel ja sein, und wann anders, als beim Tüte-rausziehen, hätte ich ihn verloren haben sollen?
Nichts zu finden.
Ich sah den Hund an und zuckte mit den Schultern. Mussten wir die 45 Minuten Fußweg am Strand längs wohl laufen müssen. Es dämmerte zügig. Als ich im Haus am Meer ankam, war es dunkle Nacht. „Ihr ward aber lange unterwegs“, sagte der Kapitän. Ich erklärte die Misere, schnappte Autoschlüssel Nummer zwei und das Handy – ich brauchte die darin befindliche Taschenlampe -, weil, wenn es hier dunkel ist, ist es dunkel.
Ganz Kavalier, fragte Herr Kapitän, ob er mitkommen solle. „Lass man, Dummheit muss bestraft werden und mich klaut keiner.“
Also wieder runter zum Strand und dort entlang zurück gen Falshöft, wo Johann mutterseelenallein auf mich wartete. 45 Minuten durch bärenärschige Dunkelheit.
Wie ich so latschte, schoss mir durch den Kopf, dass es sehr wohl eine dumme Idee war, den Weg am Wasser zurückzulaufen. Wir schreiben Jahr drei der Wildschweinplage, und die treiben sich da gerne rum. Kein Mensch möchte Wildschweinen im dunkeln begegnen, dreimal nicht am Strand, wo es keine Bäume gibt, auf die man flüchten könnte. Mein Puls beschleunigte sich parallel zu meinen Schritten. Irgendwann sah ich das Notlicht des Leuchtturms. Endlich. Das Rascheln des Reets und der Seegräser hinter und neben mir. War das nur der Wind, oder vielleicht doch ein Schwein? Oder schlimmer noch: Frank N Furter …
Ich schreibe, also hab ich es überlebt. Oder wie der Ex immer sagte: „Der/die ist so blöd, den/die beißen nicht mal die Schweine.“

Ein dufter Spaziergang

Schade, dass es kein Geruchsinternet gibt. Ich hätte euch gerne etwas Entspannendes mitgebracht.
Dafür gibt es schlechte mäßige Handyfotos (morgen nehm ich die Kamera mit …).
Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie das duftet. Kamillefelder in vergehendem Raps. Soweit das Auge reicht. Der Geruch von Meer, und um die Ecke Unmengen blühender Heckenrosen. Feuchte Luft dabei, die den Duft noch eindringlicher Macht. Klebrig schwer, aber wer Kamille mag (ich liebe sie), möchte sich hineinlegen und schlafen, so beruhigend wirkt diese Kombination aus Düften.

Echt, echter, norddeutsch

Es gibt Menschen, die sind echter als andere. Unecht zu sein, heißt nicht zwangsläufig falsch, auch wenn ich gelernt habe, dass es bisweilen gemeinsam daherkommt.
Vielmehr ist es ein anerzogenes Dasmachtmannicht. Etwas, das dem Norddeutschen eher fremd ist.
Der Bruder beispielsweise ist echt. So richtig echt. So, wie ich früher auch war. Befragt man den Kapitän diesbezüglich, hat er Angst vor meinem auf der Zunge liegendem Herzen und wird denken: Na ja! Daran könnte sie aber noch etwas arbeiten. Was mich aber vom Bruder unterscheidet, ist die Tatsache, dass ich – heute – meine Worte bisweilen so verpacke, dass auch die Menschen, die südlich des Hamburgäquators geboren wurden, sie besser verstehen, ohne sich gleich getreten zu fühlen. Ich habe Diplomatie gelernt. Mäßig und auch gezwungenermaßen nur, aber immerhin. Und Mensch lernt ja nie aus. Diplomatie ist ein Fach ohne Klassenende.
Was ich an echten Menschen mag, ist, dass sie dir kein X für ein U vormachen. Keinerlei Bedürniss haben, das überhaupt zu versuchen. Da kriegt man dann auch mal ein „Leck mich am Arsch“ aber das sagt alles. Gerade wir Norddeutschen verstehen das als das, was es ist. Kein Bruch in der Beziehung, sondern die Ansage, dass es eine Auszeit braucht und man vielleicht kurz mal den Mund halten sollte.  Der Norddeutsche hat keine enger gesteckten Grenzen, er tut sie nur früher und präziser kund. Warum sich unnötig selbst stressen? Das Leben an der Küste ist hart genug. Klar, heute nicht mehr, aber das liegt halt in unseren Genen.
Es gibt da aber auch den Umkehrschluss. Wenn dich ein Norddeutscher in den Arm nimmt, ist das weitab von „weil man das so macht“ und Bussibussigeschiss. Dem Norddeutschen ist Anstand zwar nicht fremd, aber er nimmt ihn nicht allzu Ernst. Es bringt ihm nichts sein „Arschloch“ wortreich zu umschreiben, wenn es am Ende doch aufs Arschloch rausläuft. Und so ist seine Umarmung ebenso echt, wie alles andere an ihm. Es gibt wenige Menschen, die einen so echt in den Arm nehmen können, wie der Bruder. Das macht das eine oder andere unbedacht aus dem Mund gefallene Wort wieder wett.
Ich schätze diese Kleinigkeiten so sehr weil sie von Herzen kommen. Und Herz besitzt der Norddeuschte wie jeder andere auch. Es ist nur mit den wesentlicheren Dingen beschäftigt, statt sich darum zu scheren, was der Nachbar von ihm denken könnte. Wobei das selbstredent nicht für alle Norddeutschen gilt, und mir diese Echtheit bisweilen enorm auf den Geist geht, wenn Menschen sich so wenig im Griff haben, dass sie dich jede Laune spüren lassen und dadurch zum Energiefresser werden. Aber die sind zum Glück Ausnahmen, respektive habe ich einen integrierten Scanner, der mich rechtzeitig genug vor ihnen warnt, und mir Umleitungen an ihnen vorbei zeigt.
Zurück aber zu den Worten.
Nun bin ich eine Frau, und Frauen haben (sogar die Norddeutschen) erwiesenermaßen mehr Worte zur Verfügung als Männer. Der Kapitän rollt bisweilen mit den Augen und muss, wenn wir etwas zu besprechen hatten, erstmal zwei Wochen lang neue Worte sammeln. Ja. Männer im Allgemeinen, aber insbesondere den Norddeutschen betreffend, können zwar auch längere Gespräche führen, sind dann im wahrsten Sinne wortleer. Darum wundere ich mich auch immer, wenn ich die Bücher des Kapitäns lese. Woher nimmt er all die Worte dafür? Ein Buch hat ja doch wesentlich mehr, als ein man in ein einstündiges Gespräch packen könnte. Okay für ein Buch hat man mehr Zeit als für ein Gespräch und er ist eigentlich nur zugewandert, kein gebürtiger Norddeutscher. Das wäre auch ein Widerspruch in sich: Norddeutscher Autor. Aber er ist gut integriert. Das mit der Wortkargheit, die der Norddeutsche offen leben darf, läuft ihm gut rein, warum er Norddeutschland auch zu seiner Wahlheimat gemacht hat.
Der Bruder ist wie ich gebürtiger und da ist es noch etwas krasser. Wenn die Worte aus sind, sind sie aus. Ende. Aber für eine echte Umarmung zum Abschied, reicht es auch dann noch, wenn das letzte Wort vor Ladenschluss „Arschloch“ war. Es gibt nämlich eines, dass ich noch schrecklicher finde als unnötige und bisweilen unechte Worte: Unechte Umarmungen.