Archiv der Kategorie: Gelesenes

Unmoralisches

Ich bin verliebt. Schon seit geraumer Zeit eigentlich. Das begann vor zwei Jahren circa und war eine Zufallsbekanntschaft. Das zweite Treffen war bewusst, von beiden Seiten; wenn man es so sehen will. Er wollte mich, wie ich ihn. Auf das dritte Treffen jetzt fieberte ich ein ganzes Jahr hin, und dann war es wie Weihnachten. Plötzlich ist es da, und man ist völlig überfordert. Es soll ja alles passen, und Frau wirbelt umher: Kamin- und Kerzenschein sorgen hoffentlich für die nötige Stimmung, der Kaffee soll heimelige Düfte zaubern, Kissen und Decken müssen bereit liegen, und etwas Süßes anbei, schadet auch nie. Hach!
Aber es darf nicht sein. Frau verliebt sich nicht in verheiratete Männer, dreimal nicht in Väter.
Was aber tun, wenn ein Mann das Herz einer Frau eroberte? In diesem Fall wohl auf nächstes Jahr warten, wenn das neue Buch erscheint.
Frederik Backman, mein zweitliebster Lieblingsschriftsteller.
Ein Mann Namens Ove war wie ein Donnerschlag. Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid, traf mich mitten ins Herz, und jetzt: Britt-Marie war hier.
Der Mann schafft das, was nur wenigen gelingt. Er steigert sich von Roman zu Roman.
Manchmal mag ich es, diese leichten Sachen zu lesen. Wobei Backmans Bücher nur auf den ersten Blick leicht scheinen. Denn Backman hat die Gabe, schwierige Charaktere und traurige Geschichten in Worte zu packen, die so federleicht sind, dass sie einen zu tragen scheinen. Heilsame Bücher.

Stromausfall

Hier, heute. Passend, wo ich gerade Blackout lese.
Nichts geht mehr. Nicht nur keine Musik, kein TV, kein Internet, auch das Essen bleibt kalt. Das greift aber noch weiter, was ich so nicht bedacht habe. Egal ob Klospülung, Duschen, das Verderben von Lebensmitteln ohne Kühlung. Fällt der Strom generell aus, bricht das System zusammen. Die Kommunikation. Keine Nachrichten, kein Radio. Man sitzt – also nicht ich, aber in dem Roman – quasi nicht nur im Dunkel, sondern bekommt auch keine Informationen, warum das so ist. Und das nicht nur über ein paar Stunden hinweg.
Eine Atomkrise droht, weil Reaktoren nicht mehr gekühlt werden können. Geld wird zwar unwichtig, weil man es nicht mehr ausgeben kann, die Geschäfte geschlossen bleiben ohne Stromversorgung, aber der Run auf die Banken beginnt trotzdem, weil man – spätestens nach drei Tagen ohne Strom – in Panik verfällt. Geld aber gibt es nur noch rationiert, wie Trinkwasser.
Die Menschen flüchten an Orte, an denen zumindest geheizt werden kann, es „gute, alte Öfen“ gibt. Schwer zu erreichen diese Orte, so ganz ohne Benzin. Wo dann auch keine Straßenbahn und kein Zug mehr fährt, und die allerwenigsten ein Pferdefuhrwerk nebst Antrieb im Stall stehen haben.
Aufgrund dessen, dass das „Geschäft“ nicht mehr in die Kanalisation abgeführt wird, drohen Seuchen. Menschen werden aus ihren Wohnungen evakuiert.

Bevor ich das Buch las (es immer noch lese), hätte ich mir über die Folgen eines flächendeckenden Stromausfalls keine Gedanken gemacht. Heute schon. Zum Glück war der Spuk hier nach einer Viertelstunde vorbei. War ich doch schon kurz vorm Verdursten, und aufs Klo musste ich auch ganz dringend 😉

Morgen ist leider auch noch ein Tag: Irgendwie hatte ich von meiner Depression mehr erwartet

Da hab ich aber auch etwas anderes erwartet. Zumindest den schlechten Rezensionen nach.
Von wegen, Herr Katze würde Depressionen ins Lächerliche ziehen, und alle (Stichwort Alkoholismus) Erkrankten über einen Kamm scheren. Vorzüglich beschreibt er das, was eine Depression ausmacht. Was das ist, weiß man als Betroffener und muss es eigentlich nicht lesen. Aber als Angehöriger, oder jemand, der mit depressiven Menschen zu tun hat, und nicht begreift, was sie ausmacht, mit einem macht. Für diese Menschen ist das ein wirklich gutes Buch, weil Herr Katze kein Blatt vor den Mund nimmt. Sicher nimmt er sich bisweilen selbst auf die Schippe, aber gerade das macht das Buch für mich aus. Kein Mensch ist der Welt Mittelpunkt, und da muss man sich selbst auch nicht so wichtig, dass es darauf hinausliefe. Ich finde eine gewisse Selbstironie immer sympathisch. Zynismus ist manchmal eine gute Waffe gegen die Depression.
Besonders gut finde ich, dass es kein unterschwelliger Ratgeber ist, sondern wirklich nur ein Selbsterleben – teils lyrisch – umschrieben wird. Bisweilen böse sarkastisch, aber auch in die Abgründe blicken lassend, die eine Depression einem schaufelt. Wer noch immer denkt, man bekommt den Arsch nicht hoch, weil man sich nicht genug anstrengt, wird auch vielleicht auch dem Lesen einen solchen Buches denken: Das sei eine Kopfsache. Aber im Allgemeinen kann es sicher Verständnis schaffen. Irgendwann las ich irgendwo einen Satz, der sich eingebrannt hat: Depressionen sind wie ein Schlaganfall an der Seele. Genau die Auswirkungen werden hier ungeschönt umschrieben.
Dazu bricht Herr Katze für sich das Tabu: Darüber spricht man nicht. Denn das tut er. Nicht nur im Buch, dessen Entstehung ist wohl nur eine Konsequenz.
Und damit hat er mich. Tabus kann man nur von Innen heraus aufweichen, in dem man in die Offensive geht. Gut gemacht, Herr Katze.
Gutes Buch!

♥♥♥

Ich habe gestern Abend – nachdem meine Knie schon durchgescheuert waren, vom beinahe endlosen Bitten und Betteln – den Neuen bekommen und dreiviertel der Nacht mit ihm verbracht. Fertig wurde ich selbstredent nicht. Aber die verbliebenen vierzig Prozent können das bisher Gelesene qualitativ nicht mehr schmälern.
Alter Schwede!
Ich muss mir den Kerl, wenn er Mitte des Monats auf Weihnachtsurlaub heimkommt, mal ganz genau von allen Seiten ansehen. Ob man nicht doch irgendwo von außen erkennen kann, was drin steckt, in seinem Kopf. Ich kann es oft nicht glauben, was ich zu lesen bekomme. Als ob es zwei Menschen sind, die ich kenne. Er redet sonst nicht viel. Woher kommen diese vielen, unglaublichen Worte? Oh, wie ich ihn darum beneide. Um seine Worte. Etwas, das ich sonst nur über den Herrn Kunze sage. Darum muss ich es wissen: Irgendwas muss man von außen erkennen können. Etwas, das mir bisher nicht auffiel, muss an ihm anders sein, als an deren Menschen.
Eigentlich müsste er einen Kopf haben, der groß wie ein Heißluftballon ist. Geschichten brauchen schließlich Platz, und er hat so viele davon in sich … so viele wundervolle Geschichten, die mich immer wieder mit offenem Mund staunen lassen.
Hach!

„Ich bin sowas von im Arsch“

Das ist der erste Satz im Roman „der Marsianer“ und damit hatte der Autor mich auch schon. Viel wissenschaftliches Gedöns zwischendurch, aber der Humor des Erzählers machte das wett, und ohne das wissenschafltiche Drumherum geht das Buch auch nicht auf. Mir gefiel es jedenfalls. Gestern waren wir im Kino.
Das Paar hinter uns … Sie wollte eigentlich den zweiten Teil von fuck you Goethe sehen, da es den aber nicht gab (unser Kino hat nur einen Saal), gab es eben auch für sie den Marsianer. Was ihre männliche, offensichtlich aus Dänemark stammende Begleitung freute. „Das Buch war klasse“, sagte er, „auch wenn es Schwächen hatte im wissenschaftlichen Bereich.“ Ich drehte mich um und sagte, dass ich es eigentlich sehr gut recherchiert fand, aber auch keine Ahnung davon hätte, da ich es bisher nicht bis zum Mars geschafft habe. Er auch nicht, aber dafür ist er Chemiker. So denn. Wieder was dazu gelernt.
Das ist am Ende ja immer so eine Sache, wenn man sich einen Film ansieht, und das Buch kennt. Die Verfilmung vom Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand, kann man beispielsweise mit einem Wort zusammenfassen: grottig!
Gut, 3D hätte der Marsianer wirklich nicht gebraucht. Diese Brillen sind nur unbequem. Egal. Ansonsten bin ich hin- und hergerissen. Einerseits war es eine kurzweilige und gute Unterhaltung, und meine Bilder im Kopf vom Lesen des Buches wurden zur Abwechslung mal nicht zerstört, sondern teilweise sogar eins zu eins umgesetzt, andererseits aber fehlt doch wieder so viel, dass ich einmal mehr finde, dass Lesen besser ist, als Filme anzusehen …

Miamas, oder auf Frau Lindgrens Spuren

Sollte der Kapitän es nicht schaffen, seinen neuen Roman (ich kenne bisher nur drei Szenen, aber die sind der Oberhammer … ) dies Jahr zum Ende zu bringen, habe ich Ersatz für mein Buch des Jahres 2015 gefunden.
Nachdem Frederik Backman mich mit „Ein Mann namens Ove“ schon von sich überzeugt hatte, setzt er mit „Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid“ einen obendrauf. Ich habe es noch nicht ganz durch, aber so etwas Süßes, Phantasievolles und Herzenswarmes … hach!
Geil!