Archiv der Kategorie: Gefühltes

Begegnungen

Manchmal kommen Kunden nur in den Laden, weil sie jemanden zum Sabbeln suchen. Meist sind es ältere, und dann bin ich auch offen, wenn die Zeit es zulässt. Gestern (ab sofort wieder Sonntagsschichten :-/ ) wünschte ich mir, dass echte Kunden den Laden stürmen. Ich war hin und her gerissen. Irgendwie tat der vollbärtige Mitfünfziger mir leid.
Man hat ihm zuhause kürzlich die Waffenschränke aufgebohrt. Naja, nicht man, sondern Uniformierte. „Ich wollte vor 25 Jahren mal Amoklaufen, saß dafür ein und danach Bewährung. Ich saß aber nur länger ein, wegen des illegalen Waffenbesitzes, vor allem das Maschinengewehr fanden die nicht witzig.“ Er erzählte auch, wie genau er sich das gedacht hatte, aber das werde ich hier nicht wiedergeben.
Krank durch Unfall, Koma, arbeitsunfähig, und dann kann man schon mal einen von der Rentenkasse an den Kragen wollen. Kann man?
Er wohne in der Zone, habe sich dort ein Haus gekauft, damals, als er aus der Klinik kam. Mehr Baracke als Haus, aber immerhin.
„Neulich“, da wollte er nochmal eine Reha. Die wurde abgelehnt. Dafür kam er letztes Jahr ein Dreivierteljahr in die Geschlossene. „Die Reha wäre denen günstiger gekommen“, meinte er. Das war wohl, als man wieder Waffen bei ihm fand. Diesmal mit ohne Maschinengewehr, aber illegal war der Rest trotzdem. Wozu er die diesmal hortete habe ich nicht hinterfragt.
Irgendwann kippte mein Innerstes von: „Arme Sau“, auf ich weiß nicht was. Irgendwas zwischen „Herrgott, lass ihn diese Geschichte erfunden haben“, und „Sowas kommt eben von sowas.“ Ich war dezent überfordert.

Tage wie diese. Es gibt Geschichten, die möchte ich nicht hören. Dazu gehören solche, in denen Menschen die irre Idee haben, andere umbringen zu wollen. Und sei es nur im Imperfekt.
Und nein, das ist nicht das erste Mal. Ich muss die meinen nochmal Fragen, ob ich wirklich keine Laufschrift auf der Stirn laufen habe. Ich glaube, die flunkern mich bisweilen an, was das angeht.

Achtung: Buchwerbung

Ich war lange hier! Noch bevor es die Menschen gab. Lange bevor sie versuchten, mich zu kultivieren und zu erobern. Ich wurde verehrt, geheiligt und entweiht. Ich kann Leben schenken und auch Leben nehmen. Ich wurde angebetet und zum Teufel gejagt. Opfer wurden mir dargebracht und Geheimnisse in mir versteckt. Ich war ein Ort des Anfangs und ein Ort des Endes. Was nie wieder auftauchen sollte, wurde mir anvertraut. Mit Gewalt wurden mir Geheimnisse entrissen; die Meisten aber konnte ich bewahren.

Ich bin die Welt in der Welt und bewahre für die Menschen Neugier und die Fähigkeit sich zu wundern. Doch der hat sich im Laufe der Jahrhunderte an mich gewöhnt. Sie haben den Respekt vor mir verloren, und doch bin ich der Ort von Furcht und ängstlichen Träumen. Die Menschen ahnen es, doch ich weiß es. Immer näher rücken die Menschen mir. Doch wirklich erfassen können sie mich nie. Ich bin der Bewahrer von Mythen, Geheimnissen und Schätzen. Ich erzähle die wahren Geschichten.

Es ist an der Zeit die Ohren zu spitzen und sich umzusehen. Zeit für neue Geschichten.

So fein, so dicht, so bildhaft, so grausam. und ein Hauch Mystik.
So einfach kann man eigentlich das neue Buch des Kapitäns zusammenfassen. Ich weiß gar nicht, wie oft ich es bis jetzt gelesen habe. 10 – 20 Mal waren es wohl, und die Gänsehaut beim Lesen wird nicht weniger. Das ist auch ein Bisschen mein Thema: der Zweite Weltkrieg, Neonazis, Fremdenhass. Verwoben in eine Familiengeschichte. Man kann den Dreck riechen, den er beschreibt und das Elend fühlen.
Keine leichte Kost, aber leicht schreiben kann er halt nicht, der Kapitän. Blödeln ist eher mein Metier.
Auch wenn ich hier vielleicht als befangen gelte … darum halte ich mich auch kurz: Der Roman ist genial und geht nicht nur unter die Haut. Er schlägt auf den Magen und macht die Brust eng.
Wenn ihr Bock auf sowas habt -> Glutwächter
Es lohnt sich wirklich. Heiliges Indianerehrenwort!

ÜüberrraschuuUuung

Da standen die Ex-Lieblingsnachbarinnen gestern plötzlich im Laden. Mir fiel die Kinnlade runter und ich vergaß die Kunden um mich herum. Ich glaube, wir kreischten dreistimmig und deutlich hörbar. Ich stürmte mit offenen Armen auf die Damen zu.
„Wir haben dein Auto gesehen, und wussten, dass du da sein musst. Wir waren schon so oft hier, um nach dir zu gucken.“
So tolle tolle Frauen. Da läuft einem das Herz über. Samstag gibt es lecker Kuchen und ganz viel Neuigkeiten auszutauschen. Man sollte Herzensmenschen nur einmal aus den Augen verlieren. Dreimal mehr nicht wieder, wenn sie wieder – und diesmal für immer – um die Ecke wohnen.

„Friesisches“

Es gibt so Sachen, die fühlen sich nach Zuhause an.
Dazu gehört für mich Friesland Ammerland. Ja, das ist Geschmackssache, aber selbst ich finde es (heute) nicht (mehr) sonderlich schön. Trotzdem mag ich es sehr, vor allem die Haptik. Ich habe damals – in meinem ersten Haushalt – lange gespart, um es mir leisten zu können. Sehr lange. Und dann habe ich unerbitterlich zugeschlagen, nachdem der Weihmnachtsmann das Restgeld hierfür brachte.
Wir hatten in meiner Kindheit ein ähnliches Geschirr. Auch aus Keramik, aber eher so eine klassische Siebzigerjahre-Sache. Oben Beige ohne Lasur, unten braun lasiert. Später hatten wir das in Orange-braun, aber da erinnere ich, dass das was aus Däneland war. Ich mochte das als Kind schon.
Mein Ammerland hat – warum auch immer – der Ex bekommen. Ich weiß gar nicht, ob das noch lebt … und so schlawenzel ich seit geraumer Zeit wieder um Ammerland rum. Meine Güte, das ist ja nicht günstiger geworden. Wobei das nicht stimmt. Neu kostet Ammerland Blau als Essservice um die 110,-€. Gebraucht dasselbe, oder teilweise mehr. Die scheinen sich ihre Teller damals alle vom Mund abgespart zu haben, dass die so horrende Preise haben wollen. Vor allem die innig geliebten Suppenteller, kosten heute mehr als damals. Ein einzelner 25,-€!
Mein Ehrgeiz ist geweckt, ich bin auf Schnäppchenjagd. Wobei mir egal ist, ob rot, braun, blau oder grün. Hauptsache Ammerland.

Ups

Ich habe mich gestern beim Schubladendenken ertappt.
Im Laden. Ein sächsisches Ehepaar. Das ich nicht auf Anhieb als Sachsen wahrnahm, weil sie sauberes Hochdeutsch sprachen. Das ist so das Standardrepertoire, wenn ich merke, das Kunden auf Unterhaltungen aus sind: „Woher kommen Sie zu uns?“ Die Vorsaison beginnt, und da sind die netten Touries unterwegs, die im Sommer nie auf die Idee kämen herzukommen, weils nur gruselig ist. Diese Art Touries unterhält sich halt gerne.
In mir baute sich ad hok Widerstand auf, als der Mann seine Herkunft kundtat, und als hätte der Mann das gespürt, sagte er: „Genau genommen aus dem Moloch Bautzen.“
Der Begriff Moloch brach das Eis sofort wieder und wir unterhielten uns. Es war nicht mein innerer Widerstand, den er wahrgenommen hatte, vielmehr fühlt er als Sachse stigmatisiert. Und er schämt sich für seine Sachsen. Insbesondere seine Mutter, eine aus Schlesien Geflohene, leidet sehr unter der Stimmung dort. „Als ob die Rechten eine Ahnung vom Krieg, dem dritten Reich oder davon hätten, was es bedeutet, um sein Leben zu laufen.“ Oft ruft sie ihn an, und erzählt, wie unerträglich das rassistische Gegröle auf den Straßen für sie ist. Wenn Sachsen unter Sachsen leiden … Mir wurde die Brust eng. Ich möchte da nicht begraben sein.

Klar ist mir bewusst, dass nicht alle Sachsen rechte Arschlöcher sind, aber die Assoziation ist beängstigend da. Sobald einer sächselt, erstarre ich innerlich. Ich muss da an mir arbeiten. Unbedingt!
Ich bin da bisweilen ohnehin in einem Zwiespalt. Wie reagiert man, wenn redselige Kundschaft meint, ihre braune Gesinnung offenlegen zu müssen? „Das mit den ganzen Flüchtlingen geht so echt nicht weiter. Merkel hat Schuld!“
Glaubt man nicht, aber auch sowas passiert bisweilen. Neulich erst, eine Frau eben über siebzig.
Im Privatleben ist mir das egal. Zumal das da auch nicht passiert. Passierte es, hätte ich da aber keinerlei Hemmungen, offen zu sagen, was ich denke.
Ich bin im Laden aber keine Privatperson. Einerseits darf ich den Kunden nicht ungeschönt vor den Kopf hauen, was ich denke, weil das dem Laden und der Chefin schadet, andererseits kann ich mir auch nicht auf die Zunge beißen. Dann kommt von mir: „Das sehe ich grundlegend anders.“ Bisher war es so, dass damit das Gespräch beendet war. Braune Denke ist nicht darauf geeicht, wirklich zu diskutieren. Vielmehr erstarren sie in dem Moment und fühlen sich … ich würde sagen: ertappt. Glücklicherweise passierte derartiges bisher nur beim Zahlvorgang. Ich befürchte aber, dass ich damit eines Tages Kunden vergraule und mit Frau Chefin in Clinch gerate, weil ich da schwer bis gar nicht aus meiner Haut kann. Ich bin ein schlechter Diplomat.

Ja ne, ist klar!

Gegen Homosexualität, pro Familie – Mutter, Vater, drei Kinder, und möglichst die Unscheidbarkeit der Ehe. Nein, wir sind nicht bei der AfD, die ja Ähnliches für uns möchte, sondern bei ihrem Freund.
Das, so hieß es in den Nachrichten, sei das, was Russland gerne hätte. Das stünde in dem gleichen Zusammenhang, der das Gesetz – das ermöglichte, dass Täter zu zwei Jahren Haft verurteilt werden konnten – zurückstufte und häusliche Gewalt nurmehr mit einem Ordnungsgeld bis zu 500,-€ geahndet wird. Nur drei Gegenstimmen gab hierzu es im Parlament. Ich habe nun nicht mitbekommen, wie viele Frauen und Kinder in Russland laut Statistik misshandelt werden, wohl aber, dass es hier jährlich 14.000 (in Worten) vierzehntausend (!!!) Todesfälle gibt; durch häusliche Gewalt. Was gut alle vierzig Minuten eine totgeprügelte Frau bedeutet. Was hingenommen wird. Was man nun sogar mit einem Freifahrtschein belohnt wird.
Willkommen im Gestern und beim „klassischen“ Familienbild mit seinen festgelegten Rollen.
Ein Artikel hierzu aus der Zeit.
Ich bin fassungslos.
Dabei wollte ich eigentlich vom Strandspaziergang erzählen, und dem schissigen Hund, der nicht mehr laufen wollte, weil plötzlich irgendwo draußen auf dem Wasser wieder Übungsmanöver – von denen ich dachte, sie seien vorbei, weil seit Stunden Ruhe war – stattfanden, und er die Salven ebenso doof findet, wie Gewitter oder Silvesterböllerei … und wie er die Steilküste versuchte hoch zu fliehen – was definitiv unmöglich ist -, und nun sauer auf mich ist, weil ich ihn nicht gerettet hab und so. Sorry, Hund. Ich konnte die fünf Kilometer zurück zum Auto nicht in drei Sekunden überbrücken und deine Gedanken, es könnte die Steilküste hoch weniger laut sein … erklär das mal einem hysterischen Vierbeiner.

Brille? Fielmann …

Das meine ich sogar ernst. Mit einem kaum zu übertreffenden Aufwand wird dort die fehlende Sehkraft beäugt und vermessen. Dann – okay, das war weniger gut – wird das mühselig erarbeitete Ergebnis verschlampt, wofür man sich entschuldigte. Es folgen mehrere SMS, dass man das nun gerichtet hätte und ich die Ersatzaugen abholen könnte.

Das taten wir heute. Ich probierte Brille eins und runzelte die Stirn. Bei Brille zwei war.meine Reaktion ebenso verhalten. „Also dahinten gehts“ fuchtelte ich durch den Raum, „da in der Ecke auch noch, aber wenn ich Sie ansehe“, sagte ich zu der freundlichen Brillenverkäuferin, „wird mir schlecht.“ Ich bemerkte meinen Faupax sofort und entschuldigte mich. Die Dame sah schließlich nach allem aus, aber nicht nach einem Brechmittel. „Ist schon okay“, sagte sie, „ich bin das gewohnt, auch wenn es bisher immer nur hieß, dass ich unscharf sei …“

Tja. Und nun muss ich das Brillentragen neu üben. Irgendwer hat mir quasi über Nacht rechts dreißig Prozent Sehkraft geraubt. Passiert wenn man älter wird und aus dem Alter, dass man für Nasenfahrräder gehänselt wird, bin ich deutlich raus. Alles okay also. Jetzt muss nur noch mein Gehirn lernen das Teil zu akzeptieren und mir nicht länger als nötig vorgaukeln, dass der Hubschrauber, der mich sonst nur nach dem zweitem Glas Wein heimsucht, im Anflug ist …

Wenn der Kreis sich schließt

Wir sehen uns als Bereicherung. Jeder den anderen. Wie selbstverständlich fällt „mein Bruder – meine Schwester“. Nichts fühlt sich fremd an. Heute fährt Drei zu Sieben, die letztes Mal nicht dabei war und deshalb vor sich hinsäuerte und sich den Status eines Einzelkindes aneignen wollte. Ich hatte Zwei die Planung überlassen und irgendwie dachte er nicht an Sieben. Wobei er auch fast Fünf vergessen hätte, von der ich eigentlich dachte, dass sie Sieben mitbringt. Bei so vielen Geschwistern kann es schon mal passieren, dass man einen vergisst. Im Februar fahre ich wieder zu Drei und lerne dann auch ihre Mutter kennen. Wobei ich die eigentlich schon kenne, auch wenn ich damals erst sieben Jahre alt war. Sie war besorgt, ich könnte ihr „irgendwas“ verübeln. Mitnichten, sie war arg jung und naiv. Da kann man dem Charme – von dem er immer Unmengen hatte – des alten Herrn schonmal erliegen. Was noch merkwürdig ist, ist das „Papa“ von Drei, wenn wir über den alten Herrn reden. Rede ich doch seit jeher vom alten Herrn und tue mich mit dem Papa im allgemeinen schwer, war er doch selten als eben solcher da. Für niemanden nicht, auch für Drei nicht. Nachdem wir (fast) alle kreuz und quer durch Deutschland gezogen waren, sind wir großteils wieder im hohen Norden gelandet (ich habe sogar vor gut zehn Jahren in Dreis unmittelbarer Nachbarschaft gewohnt …) und haben es nicht weiter als anderthalb Stunden Fahrzeit, um den anderen zu sehen. Zwei und Vier ausgenommen, aber die sind wie ich schmerzbefreit, was längere Autofahrten angeht.

Die Ähnlichkeiten sind frappant, was das Ganze noch spannender macht. Die große Frage – was haben die Gene zu verantworten, die Veranlagung in diesen, was die Erziehung – zeigt klar, dass man Gene nicht unterschätzen sollte. Zwei und Vier sind wie eins, und Drei und ich ähneln uns ebenso in unserem Denken und unserem Sein. Drei hat auch diesen nahezu unerschütterlichen Gleichmut, ist weder nachtragend noch rachsüchtig und ist darauf bedacht, einfach nur in Ruhe zu leben, wobei sie ihr Gegenüber auch sein lassen kann, ohne es zu werten. Während Zwei und Vier die mit den „Flausen“ sind, die gerne „ihr eigenes Ding“ machen. Was sie eindeutig vom alten Herrn haben, wenn auch anders und reflektierter als dieser dabei. Auch Sieben ist so, aber ohne die Fähigkeit des Reflektierens. Wobei Fünf und Sechs viel Zickigkeit von ihrer Mutter haben und Acht hier auch außenvor ist, weil er eine komplett andere Erziehung hatte und einfach nur ein mildes Wesen hat, wie seine Mutter. Nichtsdestotrotz ist das Wir-Gefühl bei allen da. Nach einem Monat jetzt, kann ich sagen, dass mir tatsächlich eine Last weggefallen ist. Verfickte vierzig Jahre hatte ich das Gefühl, das da was fehlt. Die Komplettierung – und dann noch in dieser durchweg positiven Art – ist, als würde sich der Kreis endlich wirklich schließen und der Familie als solches eine Chance geben. Etwas, das sich verdammt gut anfühlt. Wir sind nicht nur viele, wir werden ganz langsam ein echtes Wir. Eine Familie zu haben (außer der selbst gegründeten) ist doch nicht so uncool, wie ich immer dachte. Patchwork vom Feinsten.