Archiv der Kategorie: Für auf die Ohren

Warum das Gleiche nicht dasselbe ist

hrk

Ich war zeitig da und hatte wieder den besten aller Plätze. Wieder direkt vor dem Flügel.
Vor einem Jahr, war es anders. Der Faden, der durchs Programm führte, war seichter. So man bei dem Herrn von seicht reden kann. Ein Programm, eine Show, aber an das Zeitgeschehen angepasst. Andere Lieder, andere Texte. Gestern Abend war er kritischer. Sprach von der NSAfD, von der er sich wünschen würde, sie abwählen zu können, so sie jemals an die Regierung käme. Er sprach von Hetze und Hass. Aber auch davon, dass sich ein dummes Volk halt leicht regieren ließe. Er watsche die Regierung ebenso ab, wie Volk und Völkchen. Alle bekamen ihr fett weg, wenn auch die Rechten das meiste. Auch ein gewisser Herr „John“ Trump aus den Vereinigten Staaten bekam das Meerschweinchen gefettet. Darum war die Stimmung anders als beim letzten Mal, aber trotzdem gut. Mir hat es gefallen, hatte ich doch gehofft, dass Kunze den Kunze gibt, seine aktuellen Gedanken einfließen lässt und nicht einfach nur plump das Programm abspult.
Zum Thema passend fehlte auch dies alte Stück nicht, das heute deutlich mehr Bedeutung hat, als 1999.

Für mich ist und bleibt HRK der Meister des Wortes. Das er zu biegen weiß, wie kaum ein zweiter. Wenn ich es nur ansatzweise so könnte … und wenn ich mir sein Pensum für dieses Jahr ansehe – zwei Alben, ein Buch, zwei parallel laufende Touren -; wann schläft der Mann?

Edit: Ergänzend dazu die Kritik aus der SHZ. Stimmig.

♥♥♥

Weil ich noch mal hin darf. Heute Abend.
Ist ja auch schon fast ein Jahr her.
Vor den Spaß aber, hat der Herrgott den Fleiß gesetzt. Einäugig fahren schockt nicht. Dreimal nicht, wenns auf der Fahrerseite düster ist.
Nur etwas über eine Stunde brauchte es, den Scheinwerfer auszubauen, die Birnen zu wechseln, und wieder einzubauen. Ich bin gut.
Rudolf, mach dir schon mal nackig, ich komme!

Putzmusik

Nach den ersten Takten, die aus den Lautsprechern drängen, stelle ich die Musik lauter. Der Hund weiß, was kommt. Ich singe laut mit, wobei er dann gemeinhin guckt, als möchte er zum Wolf werden. Ich hole tief Luft, um den zweiten Refrain in die Welt zu brüllen. Ja, brüllen, denn singen kann man das, was ich tue, nicht nennen.
„So if you think you know how to love me, and you think you know what I need, and if you really, really want …“, ereifere ich mich, als das Handy piepst. Ich schaue kurz drauf. Die Tochter möchte etwas. Eine Sprachnachricht. Ich drehe das Radio leise und höre die Nachricht ab. Musik höre ich und Chris Norman singt in mein Ohr: „So if you think you know how to love me, and you think you know what I need, and if you really, really want …“ Ich antworte was vom selben Sender, von Hühnerpelle und Augenpippi und dass das beim Autofahren nicht gut kommt. Die Tochter antwortet, dass sie auch fährt und im Wagen gerade Putzmusik abfeiert.
Kennt ihr das? Putzmusik ist etwas, dass man vererbt, dass sich nach Zuhause anfühlt und das Herz warm macht. Nicht nur meins.

The next generation

Ich war vierzehn Jahre jung, und schwerst verliebt.
Wie viele andere Mädchen auch, klar, nur war Eddie nicht vorzeigbar. Er war übergewichtig, seine Unfrisur war fettig und er trug die Jeans in den Cowboystiefeln. Dazu zeigte er, dem Übergewicht geschuldet, bisweilen Maurerdekolletè und wirkte im Ganzen nicht sonderlich gepflegt. Ich wusste, dass man das nie verstehen und mich ächten würde. Irgendwann erwähnte ich mal, dass ich Eddie schon ganz gut fände. Es gab gerümpfte Nasen, und sie nannten Eddie – meinen Eddie! – Fleischklops. Als ich dann noch fallen ließ, dass ich auch Frank mochte, war ganz vorbei. Der würde doch nun echt schwul aussehen. Nicht, dass sie sich wirklich ein Urteil hätten bilden konnten, denn Frank kannten sie, wie Eddie auch, nur vom Hörensagen, weil sie sich nie mit ihnen beschäftigt hatten. Fred kannten sie, fanden ihn aber, ob seiner komischen Zähne, auch blöde. Ich möchte Fred aber. Der war irgendwie ein Bisschen wie Frank, oder Frank wie Fred. Hach ne.
Was sie später irgendwann an Fred zumindest mochten, war, dass er Stimmung machen konnte und die Turnschuhfetenturnhallen (kennt ihr so was auch noch?) zum Beben brachte. Ansehen aber mochten sie ihn nicht. Eddie und Frank aber, haben sich ihnen nicht erschlossen. In der Schule war ich deswegen der Alien.
Zuhause war es nicht besser. Mein Vater mochte Fred aber überhaupt nicht. Peter wäre ihm lieber gewesen. Okay, Peter mochte ich auch, aber anders. Irgendwann regte sich der alte Mann mal auf, weil ich Fred so gut rezitieren konnte und gerne „Halt mich nicht auf jetzt, ich will jetzt eine gute Zeit haben!“ vor mich hin sang. „Wenn du die Bibel nur halb so gut auswendig könntest“, hat er tatsächlich mal gesagt. Dazu war er derselben Meinung, wie die Mitschüler. Männer, die sich schminken, und auch nicht davor zurückschrecken, Frauenkleider zu tragen … Zumindest der Fred, der war am Ende ja wirklich schwul. Das ging gar nicht. Seiner Meinung nach, und vor dem Herrgott noch weniger.

Irgendwann wird man ja erwachsen. Sollte man meinen. Aber meine Jugendlieben blieben. Der Exmann hatte da null Verständnis für. Der Sohn zuckte bisweilen resigniert mit den Schultern. Wobei ich sagen muss, dass der Sohn den Heinz – auf den kam ich bald, nachdem mein Herz für Eddie zu schlagen begann – heute zumindest, also Jahre später, gar nicht so uncool findet. Und das Tochterkind … war eigentlich meinungsfrei, was meine Vorlieben für unhübsche Männer angeht. Eigentlich.
Eddie sah ich vor drei Jahren wieder. Alles, was ich von ihm wollte, war sein Taschentuch. Muss keiner verstehen, war einfach so.
Jetzt aber tat das Tochterkind Butter bei die Fische, schickte ein Video von ihrem Fernseher, auf dem ein Musikvideo lief und sagte dazu: Musiktechnisch hast du mich total versaut.

Womit ich mein Lebenswerk als vollendet betrachte.

Die 17 Hippies, die nur 12 sind, aber zu dreizehnt unterwegs waren, und die ich die 14 Hippies nenne

Dass ich in der Pumpe war, liegt wirklich schon ein viertel Jahrhundert zurück. In echt. Damals konnte man dort vor lauter Zigarettenrauch nicht weiter, als bis zum direkten Gegenüber schauen. Und es war nicht nur einfaches Nikotin, das damals in der Luft waberte.
Jetzt ist das anders. Da standen Samstag Altachtundsechziger (einige erwachsen geworden, andere weniger, und noch andere rochen einfach, als hätten sie sich seit seiner Zeit nicht mehr gewaschen – dazwischen ein Paar Kücken, denen man zu ihrem Musikgeschmack gratulieren darf) in künstlich erzeugtem Rauch. Qualm, der für die richtige Atmosphäre sorgen sollte.. „Ich fand das früher besser“, sagte der niemals nicht rauchende Kapitän. „Als man noch rauchen durfte, bekam man von all den anderen olfaktorischen Katastrophen nichts mit.“
Stimmt. Und ich rede nicht von Knoblauchfahnen, oder Achselschweiß. Das schaffe ich zu ignorieren. Nuttendiesel der Marke ultrabillig aber macht mir Kopfweh. Ein Unterschied zu früher. Ein anderer: Wo es früher Cola-Bacardi in Pappbechern gab, liefen Samstag Wein- und Biergläser umher. Sogar Milchkaffeetassen sah ich laufen. Mit Untertasse!
Ich beobachte gerne Menschen. Der Kapitän ist bei derlei Veranstaltungen immer zeitig unterwegs, was dafür sorgte, dass wir die begehrtesten Plätze bekamen. Die auf den am Rand des Saals – neben der Bühne -, gestapelten Paletten. Ein Platz, den man uns neidete. Der Lockenkopf vor uns, dessen Frisur an Marge Simpson erinnerte, versuchte sich drei Stunden lang am tötenden Blick. Ey. Hätte der vor mir gestanden, ohne, dass ich vier Palettenbreiten über ihm hätte stehen können, hätte ich nichts (!) sehen können.
Irgendwann war es vorbei mit Menschen beobachten, weil es dunkel wurde. Schade eigentlich, denn der Typ mit den halblangen und wilden Haaren, in Leinenhemd, grobe Holzfällercordhose – mit ledernen Beuteln und Taschen am Gürtel, und Lederweste gekleidet, dessen Tanz schon arg faszinierend war … Aber wegen dem waren wir ja nun nicht da, sondern wegen der Hippies.
Und das kann ich kurz machen. Es war nur geil. Saugeil.
Ich wollte noch zum Kapitän sagen: „Und jetzt lernst du für mich Schifferklavier, sonst mach ich den Groupie und brenne mit dem Typen auf der Bühne durch“, hatte aber die Antwort schon im Ohr („viel Spaß“) und schenkte es mir.
Ich steh voll auf Akkordeon und auf Männer, die dies Instrument beherrschen.

Widersprüchliches

Bis zu meinem sechsten Lebensjahr und meiner folgenden Einschulung, war mir nicht bewusst, dass es andere Menschen als uns gab. Menschen, die einmal wöchentlich zur Bibelstunde gehen, und zweimal wöchentlich in den Königreichssaal. Essen hatte eine Währung. Für einen vollen Magen musste ich beten. Und während andere Kinder Weihnachtsgedichte übten, lernte ich die zehn Gebote, und was sonst noch Sinnlosesvolles in der Bibel* steht. Ich kannte es nicht anders.
Dazu kannte ich etwas Anderes nicht anders. Dass man Wasser predigte, jedoch Wein soff. Was in der Konsequenz dazu führte, dass ich schnell für mich erkannte, dass es einen Gott nicht geben kann, und er Menschen nur als Alibi dient.
Mit 14 Jahren, und meinem damit endlich erreichten Anrecht auf Glaubensfreiheit, teilte ich der Familie meine Alibitheorie mit, und erklärte, dass Jehova mich mal da kann, wo die Sonne nicht hinkommt. Daran änderte sich auch nichts, als man mich vor den Ältestenrat** setzte, um mich eines Besseren zu belehren. Ich war als Kind schon scheiße, und wo kein Hirn ist, kann man halt auch keines waschen. Praktisch.
Wir waren durch miteinander, der alte Sack oben und ich.
Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Umso erstaunlicher ist, dass ich bei unten folgendem Lied tief berührt werde, weil ich Billy Preston (RIP) jedes Wort glaube, von dem, was er da singt, und dass es mich zu berühren weiß. Warum auch immer.
Aber von vorne.
Es war Sylvester 2003 oder 2004, als der Mister und ich uns einen Ruhigen machten, und das taten, was wir Sylvester immer wieder gerne taten. Auf einem der dritten Programme (ich meine, es ist der WDR), laufen dann alljährlich Konzerte, der besonderen Klasse, und wir freuten uns schon Tage vorher genau darauf.
Wir schalteten rein, und ich sah Eric Clapton in alt, und neben ihn stand doch wahrhaftig der junge George Harrison. What the fuck ging da vor sich? Die Kamera schwenkte und ich erkannte the who is who der internationalen Musikstars der vergangenen vierzig Jahre. Hatte man den knabenhaften George technisch ins Bild geschnitten, und – bei dem Aufgebot an Weltstars wäre das nicht ausgeschlossen gewesen – sollte Elvis der Nächste sein, der die Bühne betritt?
Dann sah ich Ringo Star. Die Kamera schwenkte weiter nach rechts: Paul McCartney. Zusammen auf einer Bühne, in einer Zeit, in der sie sich so gar nicht lieb hatten? Wie ging das? Hielt ich damals den Teufel (an den ich eigentlich auch nicht glaubte, aber egal) für den, der seine Finger im Spiel gehabt haben musste, weiß ich heute, das Eric – the Guitarman – Clapton dies Wunder wieauchimmer bewirkte. Heute weiß ich auch – und das wurde mir schon nach den ersten Momenten des Konzertes bewusst – dass da nicht George stand, sondern Dhany Harrison, der seinen Vater nicht nur aus dem Gesicht, sondern auch aus dessen Seele geschnitten zu sein scheint.
Großartig! War der sich manifestierende Gedanke.
Ich versank in dem, was ich hörte und wippte auf der Couch sitzend vor mich hin. Ungläubig, über das, was ich zu hören und spüren meinte. Die Energie, die diese Menschen verströmten.
Und dann passierte es.
Eric und Dhany spielten die ersten Griffs zu „my sweet lord“ an, die Anderen setzten nach, die Kamera schwenkte auf den hinter einem Keyboard sitzenden Billy Preston, und ich musste lachen und weinen gleichermaßen. Weinen, weil ich Billy jedes Wort glaubte. Ich spürte, dass sein „I really want to see you, really want to be with you. Really want to see you Lord, but it takes so long, my Lord“ aus tiefstem Herzen kam. Ich musste lachen ob des Mannes mit ohne Haare, der heftig wippend und sein Ding lebend mit seinem Tamborin eins wurde.
Das Publikum schien ob der von den Musikern ausgehenden (unglaublichen) Energie zu einem warmen Ding zu verschmelzen.
Ich wippte mit dem Mann mit ohne Haare (ich weiß bis heute nicht, wer das ist) im Takt und bemerkte nicht mal, dass der Mister verschwunden war. Er war aufgestanden, um sein Laptop zu holen. Er kannte mich und wusste „Ich komm ja eh nicht daran vorbei, ihr die DVD zum Konzert kaufen zu müssen“ und tat es stante pede.
Gefühlte tausend Mal habe ich diese DVD laufen lassen (Dolby Surround ist dabei wichtig, sonst kommt nur die Hälfte der Energie dahinter an, was ich bemerkte, als eines Tages das digitale Verbindungskabel einen Knick hatte und verstarb), und jedes Mal passiert an der nun folgenden Stelle dasselbe. Ich muss heulen. Alle anderen Versionen des Liedes sind schön, aber heulen muss ich nur bei Billy Preston und den All-Stars***.
Ach ja …

Wer das ganze Konzert online sehen mag. Bitte schön, hier entlang. Es lohnt sich auf jeden Fall.

*Die Bibel der Zeugen ist bis auf die Benennung Gottes durch Jehova mit dem neuen Testament übereinstimmend, wird eben nur anders ausgelegt.

** Im Halbkreis aufgestellte Tische, an denen die Männer saßen, die bei den Zeugen Wort – und Tatenführend sind, in der Mitte ein Stuhl, auf dem eine jugendliche Jane Blond saß, auf die eingeredet wurde, und der erklärt wurde, dass sie nur vom Weltlichen verblendet sei und sich das wieder läge, würde sie nur an Jehova festhalten.

*** Eine All-Star-Band mit Eric Clapton, Dhani Harrison, Jeff Lynne, Albert Lee, Andy Fairweather-Low, Marc Mann (alle: Gitarre), Dave Bronze (E-Bass), Billy Preston, Gary Brooker, Chris Stainton (alle: Keyboards), Jim Horn, Tom Scott (beide: Saxophon), Ray Cooper (Perkussion), Jim Capaldi, Jim Keltner, Henry Spinetti (alle: Schlagzeug) sowie Tessa Niles und Katie Kissoon (Hintergrundgesang) wurde nach einigen Stücken verstärkt durch Ringo Starr (Schlagzeug), der wiederum Paul McCartney (Gitarre, Ukulele, Keyboard) ankündigte. Für einzelne Stücke stießen zudem Klaus Voormann (E-Bass), Jools Holland (Keyboards) und Sam Brown (Lead- und Hintergrundgesang) hinzu. Als Leadsänger der Stammband traten abwechselnd Eric Clapton, Jeff Lynne, Gary Brooker, Billy Preston, Ringo Starr, Paul McCartney und Sam Brown in Erscheinung. Eigenständige Auftritte hatten Tom Petty & The Heartbreakers, verstärkt durch Jeff Lynne, sowie Joe Brown und seine Band, verstärkt durch Andy Fairweather-Low.
[Quelle: wikipedia.de]