Archiv der Kategorie: Erlebtes

Begegnungen

Manchmal kommen Kunden nur in den Laden, weil sie jemanden zum Sabbeln suchen. Meist sind es ältere, und dann bin ich auch offen, wenn die Zeit es zulässt. Gestern (ab sofort wieder Sonntagsschichten :-/ ) wünschte ich mir, dass echte Kunden den Laden stürmen. Ich war hin und her gerissen. Irgendwie tat der vollbärtige Mitfünfziger mir leid.
Man hat ihm zuhause kürzlich die Waffenschränke aufgebohrt. Naja, nicht man, sondern Uniformierte. „Ich wollte vor 25 Jahren mal Amoklaufen, saß dafür ein und danach Bewährung. Ich saß aber nur länger ein, wegen des illegalen Waffenbesitzes, vor allem das Maschinengewehr fanden die nicht witzig.“ Er erzählte auch, wie genau er sich das gedacht hatte, aber das werde ich hier nicht wiedergeben.
Krank durch Unfall, Koma, arbeitsunfähig, und dann kann man schon mal einen von der Rentenkasse an den Kragen wollen. Kann man?
Er wohne in der Zone, habe sich dort ein Haus gekauft, damals, als er aus der Klinik kam. Mehr Baracke als Haus, aber immerhin.
„Neulich“, da wollte er nochmal eine Reha. Die wurde abgelehnt. Dafür kam er letztes Jahr ein Dreivierteljahr in die Geschlossene. „Die Reha wäre denen günstiger gekommen“, meinte er. Das war wohl, als man wieder Waffen bei ihm fand. Diesmal mit ohne Maschinengewehr, aber illegal war der Rest trotzdem. Wozu er die diesmal hortete habe ich nicht hinterfragt.
Irgendwann kippte mein Innerstes von: „Arme Sau“, auf ich weiß nicht was. Irgendwas zwischen „Herrgott, lass ihn diese Geschichte erfunden haben“, und „Sowas kommt eben von sowas.“ Ich war dezent überfordert.

Tage wie diese. Es gibt Geschichten, die möchte ich nicht hören. Dazu gehören solche, in denen Menschen die irre Idee haben, andere umbringen zu wollen. Und sei es nur im Imperfekt.
Und nein, das ist nicht das erste Mal. Ich muss die meinen nochmal Fragen, ob ich wirklich keine Laufschrift auf der Stirn laufen habe. Ich glaube, die flunkern mich bisweilen an, was das angeht.

Der Mut der Verzweiflung?

Ich kaufe gerne vor Ort ein, was ich vor Ort bekomme, weil ich finde, dass man das so machen sollte. Wenn es vor Ort aber drei bis viermal teurer ist als im Netz, komme ich in Versuchung. Ich ringe mich also durch, möchte etwas bestellen und grase ebay ab. Alle, ausnahmslos alle, die verkaufen, was ich begehre, versenden mit Hermes.
Ich aber stehe mit Hermes auf Kriegsfuß.
Das läuft immer gleich ab. Es liegt eine Benachrichtigung im Briefkasten, dass man da war, mich aber – ICH WAR JEDES MAL DEN GANZEN TAG ZUHAUSE, weil man schließlich eine Nachricht bekommt, dass dann und dann ein Paket kommt zwischen dann und dann – nicht erreichte. Oder ich lasse, ob der erhaltenen Lieferungsbestätigung, das Paket in den Hermes-Shop umleiten, wenn ich weiß, dass ich nicht zuhause bin. Wo es dann – oh Wunder – nicht ankommt. Zweieinhalb Wochen bin ich letztes Mal nahezu täglich brav zum Hermes-Shop gelaufen, bis es endlich auch dort lag. Drauf klebte ein Zettel: „WICHTIG! Auslieferung an den Paketshop ist dringend!“ Jaja, ich rief nämlich nach jedem erfolglosen Paketshopbesuch bei Hermes an. Schließlich haben die mich hingeschickt: „Morgen Nachmittag ist es bestimmt da!“
Manchmal passiert auch gar nichts. Keine Benachrichtigung im Briefkasten und nichts. Dann gucke ich, wenn ich denke, eine Woche sollte genug Zeit gewesen sein, in die Sendungsverfolgung und sehe was? Dass mein Paket – ohne, dass man versuchte es auszuliefern – auf dem Rückweg zum Absender ist.
Jedes Mal telefoniere ich dann mit Hermes, jedes Mal entschuldigt man sich. Letztes Mal hieß es, dass unser Hermesbote nun eine Nachschulung aufgedonnert bekäme. Die Liste meiner Beschwerden ist mittlerweile endlos. Die Damen und Herren am Telefon sind immer nett. Sie sehen die Wege meiner Pakete ein, und jedes Mal heißt es: „Ne, das geht so wirklich nicht.“ Ändern tut sich aber nichts.

Es gab eine Ausnahme. Neulich hielt tatsächlich ein Hermesbus vor der Tür. Der Kapitän hat irgendwas Kleines und Ultraleichtes bestellt. Der Mann, der klingelte, war maximal einen Meter sechzig groß und wog nicht mehr als fünfzig Kilo. Ich bestelle immer schwere, teils sauschwere Sachen. Womit klar ist, warum der Mann mit der Auslieferung meiner Pakete überfordert ist, und gar nicht erst versucht, die auszuliefern.
Wird er jetzt ein 7,5kg-Paket ausliefern können? Das zweite Paket wäre leicht aber groß. Größer als der Hermesbote selbst. Man darf sich vorstellen, wie ich, während ich all das schreibe, übergeregt zitternd dasitze, mit den Zähnen klappere und dabei debil grinse.

Was mach ich nun? Ich traue mich nicht mehr, etwas zu bestellen, das mit Hermes geliefert wird. In den sauren Apfel beißen und das Dreifache bezahlen?
Ich brauch das doch so sehr, und am liebsten zeitnah …

Sachen gibt`s …

Da komme ich heute von der Arbeit und vielleicht hundert Meter vorm Haus läuft ein Nackerter. Also richtig nackig, vom Scheitel bis zu den Zehen. Mit ohne Schuhe und so. Ich bin auf den Hof gefahren, und blieb im Auto sitzen. Der Weg, auf dem der Nackerte war, führte zwangsläufig an mir vorbei, und ich wollte mich vergewissern, richtig geguckt zu haben. Ich hatte.
Also stieg ich aus dem Wagen aus und fragte, ob er Hilfe brauche. Er ignorierte mich und schlurfte weiter. In meinem Kopf formte sich das Wort „hilflos“. Es mag ja Menschen geben, die nackert durch die Gegend laufen, aber im Dunkeln bei vier Grad Außentemperatur? Ich lief ins Haus, hechtete die Treppe hoch, zog einen Pulli und eine Hose aus der Kommode des Kapitäns, rannte zum Wagen zurück, startete und fuhr eine halbe Stunde im Kreis. Nichts. Nicht auf dem Strandweg, nicht auf dem Weg dahinter zur Märchentante runter, und auch nicht auf dem Bogen, den ich vom nächsten Dorf aus schlug, um am Haus in Höhe Schlossgraben wieder rauszukommen. Hier ist Wachau, mehr Wege gibt es hier nicht. Weit und breit kein Nackerter. Dreimal fuhr ich alles ab.
Ich hatte wenig Lust morgen im Radio zu hören, dass man einen erfrorenen Mann gefunden hat, der augenscheinlich orientierungslos umhergeirrt sein muss, und ich hätte das verhindern können. Da bin ich Weichei, das wäre zuviel Extragepäck für mich. Also rief ich die Freunde von der Polizei. Der Herr Polizist hatte dieselbe Vermutung wie ich: „Vielleicht einer von den Jungs aus der Drogenwohngruppe …“
Nun suchen die Freunde von der Polizei weiter, und klappern Wohngruppe und so ab und ich darf zu Abend essen. Drei Stunden zu spät und hellwach.

Ja ne, ist klar!

Gegen Homosexualität, pro Familie – Mutter, Vater, drei Kinder, und möglichst die Unscheidbarkeit der Ehe. Nein, wir sind nicht bei der AfD, die ja Ähnliches für uns möchte, sondern bei ihrem Freund.
Das, so hieß es in den Nachrichten, sei das, was Russland gerne hätte. Das stünde in dem gleichen Zusammenhang, der das Gesetz – das ermöglichte, dass Täter zu zwei Jahren Haft verurteilt werden konnten – zurückstufte und häusliche Gewalt nurmehr mit einem Ordnungsgeld bis zu 500,-€ geahndet wird. Nur drei Gegenstimmen gab hierzu es im Parlament. Ich habe nun nicht mitbekommen, wie viele Frauen und Kinder in Russland laut Statistik misshandelt werden, wohl aber, dass es hier jährlich 14.000 (in Worten) vierzehntausend (!!!) Todesfälle gibt; durch häusliche Gewalt. Was gut alle vierzig Minuten eine totgeprügelte Frau bedeutet. Was hingenommen wird. Was man nun sogar mit einem Freifahrtschein belohnt wird.
Willkommen im Gestern und beim „klassischen“ Familienbild mit seinen festgelegten Rollen.
Ein Artikel hierzu aus der Zeit.
Ich bin fassungslos.
Dabei wollte ich eigentlich vom Strandspaziergang erzählen, und dem schissigen Hund, der nicht mehr laufen wollte, weil plötzlich irgendwo draußen auf dem Wasser wieder Übungsmanöver – von denen ich dachte, sie seien vorbei, weil seit Stunden Ruhe war – stattfanden, und er die Salven ebenso doof findet, wie Gewitter oder Silvesterböllerei … und wie er die Steilküste versuchte hoch zu fliehen – was definitiv unmöglich ist -, und nun sauer auf mich ist, weil ich ihn nicht gerettet hab und so. Sorry, Hund. Ich konnte die fünf Kilometer zurück zum Auto nicht in drei Sekunden überbrücken und deine Gedanken, es könnte die Steilküste hoch weniger laut sein … erklär das mal einem hysterischen Vierbeiner.

Brille? Fielmann …

Das meine ich sogar ernst. Mit einem kaum zu übertreffenden Aufwand wird dort die fehlende Sehkraft beäugt und vermessen. Dann – okay, das war weniger gut – wird das mühselig erarbeitete Ergebnis verschlampt, wofür man sich entschuldigte. Es folgen mehrere SMS, dass man das nun gerichtet hätte und ich die Ersatzaugen abholen könnte.

Das taten wir heute. Ich probierte Brille eins und runzelte die Stirn. Bei Brille zwei war.meine Reaktion ebenso verhalten. „Also dahinten gehts“ fuchtelte ich durch den Raum, „da in der Ecke auch noch, aber wenn ich Sie ansehe“, sagte ich zu der freundlichen Brillenverkäuferin, „wird mir schlecht.“ Ich bemerkte meinen Faupax sofort und entschuldigte mich. Die Dame sah schließlich nach allem aus, aber nicht nach einem Brechmittel. „Ist schon okay“, sagte sie, „ich bin das gewohnt, auch wenn es bisher immer nur hieß, dass ich unscharf sei …“

Tja. Und nun muss ich das Brillentragen neu üben. Irgendwer hat mir quasi über Nacht rechts dreißig Prozent Sehkraft geraubt. Passiert wenn man älter wird und aus dem Alter, dass man für Nasenfahrräder gehänselt wird, bin ich deutlich raus. Alles okay also. Jetzt muss nur noch mein Gehirn lernen das Teil zu akzeptieren und mir nicht länger als nötig vorgaukeln, dass der Hubschrauber, der mich sonst nur nach dem zweitem Glas Wein heimsucht, im Anflug ist …

… die Taschen voller Glas

Wir waren gestern Abend noch kurz am Strand, um zu gucken, ob sie wirklich im Anmarscht war. War sie. Während zwanzig Kilometer Luftlinie weiter alles absoff, hat die Sturmflut bei uns nur etwas an der Warft geknabbert. Einen guten halben Meter hat die See sich geholt. Immerhin. Naja, und den Sandstrand. Heute früh guckte ich, was vom Sturme übrig blieb. Jede Menge Meerglas und Hühnergötter. Meine Jacke wog schwer.

Minus drei grad waren es, die sich durch den scharfen Ostwind wie minus zehn oder noch weniger anfühlten. Die Kamera, deren Akku voll war, zeigte ob der Kälte ein leeres Akku an, und auch das Handy fror sich schnell in den roten Bereich. Also gibt es nur das an Bildern, was die bittere Kälte zuließ.

Ah. Vergessen. Also besser spät als nie: Ein tolles 2017 für euch. Möge es werden, wie ihr es braucht.

Die Müllbeutelaffäre und andere Absurditäten

Noch etwas aus der Kategorie: So einen Scheiß kannst du dir nicht ausdenken.

Es war der Dienstag nach Weihnachten 2016. Frau Stiefdings räumte die Schmutzwäsche des alten Herrn zusammen. Jane Blond stand auf der anderen Seite des Bettes und hielt die Schmutzwäschetasche auf, während der alte Herr zwischen beiden am Fußende stand. Einiges hatte sich angesammelt. Mit dem letzten Pyjama zog Frau Stiefdings etwas Unerwartetes und nicht enden wollendes aus dem Schrank. Nach einigen Metern sah sie den alten Herrn an: „Was willst du denn damit, und wo hast du das her?“ „Das“, sagte der alte Herr, „hab ich der Putzfrau aus dem Putzwagen geklaut.“ Er grinste stolz wie breit. „Und was hast du damit vor?“ Der alte Herr wies – über alle Zweifel erhaben – mit der rechten Hand gen Fenster. Genauer gesagt zum dazugehörenden Oberlicht. Was Frau Stiefdings nicht wahrnahm. „Sag schon …“, hakte sie nach, während Jane Blond schon ahnte, wozu das Diebesgut dienen sollte.

„Die heben 160 Kilo“, erklärte der alte Herr sich, während er wieder zum Oberlicht wies. Zehn, neun, acht … Janes Schultern begannen zu beben und ihre Zunge hielt dem Biss, der verhindern sollte dass sie unangemessene Lachkrämpfe bekommt, kaum noch stand … sieben, sechs, fü und pling ging auch Frau Stiefdings ein Licht auf. „Du willst damit …?“ Jetzt wies sie zum Fenster. Jane Blond intervenierte hüstelnd: „Will er nicht. Paps, dir ist schon klar, dass die perforiert ist?“ fragte sie. „Ist sie nicht“, stänkerte der alte Herr gegenan. Jane nahm sich der Rolle Schwerlastmüllsäcke an und trennte erst einen, dann einen zweiten Sack mit nur zwei Fingern ab. Frau Stiefdings hing mittlerweile wiehernd über dem Bett und dem alten Herrn fiel, ob der Feststellung, dass 160 Kilo Tragkraft nichts bringen, wenn nach jedem Meter Plastik akute Reißgefahr besteht, nur ein flüchtiges „Oh“ aus dem Mund.

Mein Vater. Wirklich, er kann gerade wieder gehen, gedenkt aus der Klinik (erster Stock plus Hochpaterre, wobei jede Etage eine Höhe von gut vier Metern hat) zu fliehen. Sich durchs Oberlicht quetschen will er und mit einer Rolle Müllbeutel abseilen. Jetzt erklärt sich auch, warum er vor drei Tagen auf der Fensterbank rumturnte, und mittels eines Rollatorsgriffs – den er hierfür eigen- wie einhändig zerlegt hatte – versuchte das Oberlicht auszuhebeln. In Anbetracht dessen, dass er sich tunlichst nicht die Knochen brechen oder anderweitig verletzten sollte (was auch Fensterbankturnereien ausschließen sollte), weil er unter keinen Umständen jemals wieder nakotisiert  werden darf, eine ebenso dumme Idee, wie die, die sein Bettnachbar Tage zuvor hatte, und die der gesamten Station drei Tage Telefonentzug einbrachte. Weil dieser bei der Polizei anrief und anzeigte, dass man ihn gegen seinen Willen festhalten und seiner Freiheit berauben würde. Ähm. Ja.

Es wird Zeit, dass man die falschen Medikamente aus dem alten Herrn geschlichen bekommt, sonst wird er uns echt noch verrückt und es geht ihm wie einem weiteren Bettnachbarn. Polizeiliche Meldeanschrift: Geschlossene Psychiatrie. In der der alte Herr nur ist, weil er sich im Delir selbst entlassen wollte, respektive im Halbstundentakt abhaute, was ihm – bei gelungener Flucht – ohne Wenn und Aber das Leben gekostet hätte. 

Nein, das alles ist wirklich nicht lustig. Und doch hab ich das bald vergangene Jahr selten einen so bösen Lachanfall bekommen wie an diesem Dienstag nach Weihnachten. Dass Frau Stiefdings, der es ebenso ging, uns heil nachhause brachte, ist rückblickend nicht selbstverständlich. Fahrt mal mit jemanden, der eine Stunde brüllend am Lenkrad sitzt, immer wieder dagegen schlägt, anhaltend „Müllbeutel“ kreischt und vor Lachtränen kaum mehr gucken kann.

PS: Nachdem Frau Stiefdings die unschlaue Idee hatte, die Rolle Müllsäcke bei den Schwestern abgeben zu wollen, was meiner Meinung nach zu entlarvenden Fragen hätte führen können, ließ ich das Korpus Delikte in meiner Tasche verschwinden … 

PPS: Ich kann ihn so gut verstehen. Wenn das Delir sich nur noch ein bis zwei Stunden am Tag zeigt, man den Rest des Tages als einzig Klarer zwischen echt Dauerverwirrten sitzt, wobei sich eine Dame – um die siebzig Jahre alt – im Stundentakt vollständig enkleidet und sich nackert über den Flurboden rollt, eine andere permanent ihren vor 25 Jahren verstorbenen Gatten ruft und sich lautstark mit ihm unterhält, wenn sie ihn gefunden hat, ein weiterer sich gern in die volle Windel greift und das, was er rausholt, an Mitpatienten verteilt … und das meinem Vater, den ich zeitlebens nie ohne Hemd und maßgeschneiderten Anzug – die er selbstredent auch hier trägt – sah … usw. usf. Ich würde auch Schwerlastmüllsackrollen klauen.

PPPS: Herr Dr. Katzentisch fand die Rollatorgriff-Oberlicht-Aushebelaktion, bei der sich der alte Herr dummerweise  erwischen ließ, wenig bis gar nicht lustig und interpretierte sie falsch. Es dauerte etwas, bis ich ihm begreiflich machen konnte, dass mein Vater sowas nicht (!) in verwirrten Momenten macht, sondern in gänzlich klaren. Er war immer irrational in seinem Tun und auf Konsequenzen scheißt er, solange ich ihn kenne. Je mehr man nein sagt, umso drängender strebt er ja an. Charaktereigenschaften halt. Anstrengende, sicher, aber kein Grund, ihn länger als unbedingt notwendig dort zu behalten. Außer ein schwieriger Charakter würde vor dem Amtsgericht als Wegsperrgrund eingeordnet werden.

PPPPS: Beweismittel A, die SLMSR

Weihnachten mit Unbekannten

​Vier sah mich immer wieder fragend an. „Ich kann nichts dafür!“ war jedes Mal meine Antwort. „Ich bin die Älteste, aber nicht verantwortlich“, legte ich bisweilen nach. 

Das Chaos kann man sich nicht ausdenken. All die Zusammenhänge kann man nicht erfinden. Und trotzdem sind die Geschichten so absurd, dass man sie nicht oder nur sehr schwer für wahrhaftig halten kann. Sechs schlug vor, den Stoff in eine Soap zu packen und an einen der nervigen und gern Soaps zeigenden Sender zu verkaufen. In echt jetzt? Das würde selbst denen zu weit hergeholt sein. Ausnahmslos jeder würde sich fragen, welcher Vollhonk das miese Drehbuch dazu verbrochen hätte.

Wie ich nun zu Drei fand wurde bekakelt, und sich nun ein Teil ans andere fügt. Wie Vier vor Jahren zu Drei fand – Austauscheltern hatte sie bekommen und offensichtlich sehr gute -, und weitere Geschichten, über die keiner nienicht wirklich sprach, außer eben leise flüsternd hinter verschlossenen Türen, den Teppich nur minimal anhebend, damit ja nichts rausschlüpfen konnte, was dann freigelassen und unkontrollierbar durchs Haus und schwebte. Gott bewahre!

Ich schnitt ein anderes, vorab mit Drei am Telefon bekakeltes Thema an.“Ne“, sagte Drei, „das hab ich mich nicht getraut Vier zu erzählen, das mach du man.“ Vier sah zwischen Drei und mir hin und her. Ich erzählte und wieder sah Vier mich mit diesem ungläubig fragenden Blick an. Ich zuckte diesmal nur mit den Schultern: „War halt so.“

Ach ja. Hier stelle man sich einen tiefen Seufzer vor. Vier stand vor mir und ich sah Thea. Keiner von uns sieht aus wie Thea. Ich habe sie beobachtet. Unablässlich. Die Mimik, das Kartoffelnäschen, das Lachen. Als stünde Oma vor mir. Ich sehe Vier gerne an, sie sieht angenehm vertraut aus und … nach Zuhause, irgendwie.

Ein Ausflug zum Meer auf der anderen Seite. Gestern meinte die Nordsee es gut mit mir und blieb, obgleich ich auch da war. Und wie sie blieb! Laut tosend schlug sie an Land und der Wind war stark genug, dass man sich in ihn legen konnte. Genau mein Wetter.
Ein Essen beim überteuerten sylter Fischkönig an einem Tisch für sechs, für fünf von acht plus einem Ableger. 

Später, wir landeten bei Drei, stand Wein auf dem Tisch. Ich lehnte ab. Zuhause wartete ein Fall schlimmer Männergrippe und heute stand für mich ein langer Tag mit Frau Stiefdings und dem alten Herrn an, dessen Delir sich bei ihm sauwohl fühlt und darum meint noch ein Weilchen länger bleiben zu müssen. Sechs fuhr wie ich zeitiger ab, aber für Zwei wurde die Schlafcouch bezogen. Ich erinnere mich nicht daran, dass Zwei jemals Wein getrunken hätte und hoffe für ihn, dass der Katzerich heute früh nicht zu groß war. „Lass uns bald eine Pyjamaparty mit allen nachholen“, sagte Drei zum Abschied.
Ich freue mich darauf..

Der vermeintlich lange Tag heute war dann  erstaunlich kurzweilig und erheiternd. So erheiternd, dass Frau Stiefdings am späten Abend noch eine Nachricht schickte: „Was ist schwarz, perforiert und hebt 160 Kilo?“ 

Aber das ist eine komplett andere Geschichte …

Frau Stiefdings, ihr Mann und sein Vater

Frau Stiefdings ist round about zehn Jahre jünger als der alte Herr. Seit fast einem Vierteljahrhundert teilen sie mittlerweile Tisch, Bett und Nachnamen. Frau Stiefdings wird nicht müde von früher zu erzählen. Sie erzählt eigentlich jedes Mal von früher. Wie schön meine Mutter damals war, mit ihrer toupierten Hochsteckfrisur. So schlank und so schön und so fein ihre Mimik. Ich möchte erwähnen, dass ich nichts von all dem geerbt habe. Frau Stiefdings erzählt auch immer gerne, wie sie mich im Kinderwagen durch die Gegend schob. Da war sie selbst ein Teenager, knappe dreizehn Jahre alt. Ich muss im weltschönsten Kinderwagen überhaupt gelegen haben und ein ansehnliches Kind gewesen sein. Denn Frau Stiefdings suchte genau danach. Nur mit den allerhübschesten Kinderwagen mit den süßesten Babys darin wollte sie umherflanieren, und mit mir flanierte sie oft. Sie hat mich beknuddelt und abgeknutscht. Später dann Michel, der von alldem nichts wusste. Michel weiß generell erstaunlich wenig von früher. „Doch, Frau Stiefdings hat auch dich abgeleckt!“ Michel wollte es nicht glauben und fragte sofort bei der vermeintlich Abknutschenden nach. „Und wie ich das habe“, lachte sie.
Bei alldem hatte sie immer eineinhalb Augen auf den alten Herrn gerichtet. „Aber der war unerreichbar. Käthe war so viel schöner als ich, und ich war ohnehin viel zu jung, als dass der alte Herr mich überhaupt wahrgenommen hätte.“
Das änderte sich zwanzig Jahre, eine weitere gescheiterte Ehe und nochmal sechs Kinder später. Wobei sie meint, nur zweite Wahl zu sein: „Seine große Liebe bleibt Käthe.“ Ein Satz, der mich anhaltend irritiert und sich nicht setzen will, passt er doch in keines der Bilder. „Doch, doch. Er schwärmt noch heute von ihr.“
Hm.
Frau Stiefdings weiß mehr, als alle anderen. Und Frau Stiefdings erzählt mehr als alle anderen. Selbst die familiären Tabuthemen fallen ihr unbedacht aus dem wirklich nicht unhübschen, mich vor 45 Jahren abknutschenden Mund.
Sie erzählt auch von Opa. „Oh, den mochte ich auch so arg leiden. Der war so charmant und toll.“
Wäre da nicht die Tatsache, dass das früher, also ganz früher und vor meiner Zeit, anders war. Nichts, was ich nicht wüsste. Tabuthemen wurden bei uns manchmal hinter verschlossenen Türen in abgedunkelten Zimmern ausgegraben. So leise es irgend ging, aber ich hatte schon als Kind gute Ohren. Weswegen ich auch von Nummer Vier wusste. Nummer Vier ist so ein Hinterverschlossenertürgeheimnis. Auch wenn ich falsch gelauscht hatte, und Vier ein Mädchen und kein Junge ist. Dass ich Vier vernahm, bleibt aber Fakt. Frau Stiefdings ist in ihrem Element: „Richard hier, Richard da, aber Richard auch so und so.“
Es gibt Momente, da muss ich dann dichtmachen.
Liebe Frau Stiefdings, du weißt um all das, was sonst so war. Nimm mir bitte nicht das Stückchen heile Kindheit, das präsent ist. Ich selbst kenne nur den charmanten Richard. Einen anbetungswürdigen Richard, ohne all die Wenn und Aber.
Tja, und tags drauf dann schaut der alte Herr auf, blickt wieder zu Boden und sagt wie ein getretener Hund: „All das ist meine Schuld. Ich alleine habe alles kaputtgemacht. Es tut mir leid.“ Wer den alten Herrn kennt, weiß, dass das mehr ist, als man von ihm erwarten würde. Denn das erste „tut mir leid“, kam vor geraumer Zeit schon, und ich nahm es an, ohne jemals wieder das Gefühl zu haben, irgendwas aufrollen zu müssen. Das ist jetzt sein Ding.
Ich spreche später nochmal mit Frau Stiefdings. „Er ist kein schlechter Kerl“, sagt sie, „sondern auch nur ein Opfer seiner verkorksten Kindheit.“
Ich lege den Zeigefinger auf meine Lippen, zische ein Pscht, nicke ein „ich weiß“ und denke mit einem gleichermaßen warmen Gefühl an Opa Richard und an seinen Sohn.

Ringring

Sie so: „Er hat mir eine Sprachnachricht auf den Hausanschluss geschickt. Ich soll ihn in fünfzehn Minuten vom Bahnhof abholen. Was mach ich denn jetzt?“
Ich so: „Äh. Nein. Der kommt da nicht raus. Ruf da mal an, da macht einer dumme Späße.“
Sie also angerufen. Die Dame am anderen Ende der Leitung – ich wurde mit dem anderen Telefon zum Lauschen in die Leitung gequetscht und hörte: „Der schläft wie ein Stein, aber der Bettnachbar spielt mit dem Telefon.“
So hat Frau Stiefdings am Ende eines doofen Tages doch noch lachen können.
Ich muss mich da wohl bei ihm entschuldigen, wenn er wieder ansprechbar ist. Er war weder bockig noch ungezogen, sondern dabei etwas anderes zu entwickeln.  Etwas wenig witziges. Ich hoffe, dass der alte Herr das Delir jetzt wegschlafen kann und es am Ende nicht noch eine vaskuläre Demenz oder sowas wird.
Leben und so. Merkwürdiges kreuz und quer.
Also alter Herr. Hast du mal auf den Zeitmesser geguckt? Nun Aber! Du weißt ja, mit 66 Jahren und so …