Archiv der Kategorie: Alter Scheiß

Gebohrdingst

Er so: Das müsste mal neu.
Ich so: Das geht noch.
Er so: Wenn du meinst.
Nein, ich rede nicht vom Tablet. Obwohl das über einen ähnlichen Zeitraum Thema war. Wann immer wir einen Baumarkt betreten – was nicht selten der Fall ist – er so: „Bist du sicher, dass es keinen neuen Akkuschrauber braucht?“
Ich so: Siehe oben. Dabei ist dies Gerät das einzige, das weniger und weniger mit mir spielen will.
Ich habe eine gut ausgerüstete Werkstatt für eine Frau (ich hasse es, wenn ich mir irgendwo Werkzeuge oder Gerätschaften borgen muss, wodurch ich wirklich alles habe, was man für Holzbearbeitung braucht – alt zwar, aber zu neunzig Prozent funktionsfähig), und nenne sage und schreibe fünf Akkuschrauber mein Eigen, von denen einer zickiger ist als der andere. Von dem Paar Bosch kann ich mich schwer trennen. Ein gutes viertel Jahrhundert ist es alt, und wer so alt ist wie ich, weiß, dass die damals ein kleines Vermögen gekostet haben. Die funktionieren auch noch gut, nur gibt es die Akkus nicht mehr nachzukaufen. Ich hoffte da bisher auf ein Wunder. Die anderen sind Billigheimer, die ich im halbtoten Zustand sammle, weil bei dem einen das zickt, was bei dem anderen noch geht. Außerdem schmeißt kein Handwerker Bohrfutter weg, weil die wirklich immer dann kaputt gehen, wenn man keines in Reserve hat. Wodurch ich permanent am hin- und herbasteln bin, wenn es etwas zu Bohrschrauben gibt. Mein ehemaliger Chef sagte immer, und das habe ich zu meinem Motto gemacht: „Alle Köche sind beschissen, die sich nicht zu helfen wissen!“ Ich habe trotzdem beschlossen, sie jetzt doch zu beerdigen, ja, alle zusammen feierlich beizusetzen, denn der Kapitän war ohne mich im Baumarkt und so war keiner da, der hätte sagen können: „Das geht noch.“
Kennt ihr noch die Szene aus Krokodil Dundy?
„Das soll ein Messer sein?“ Dundy zieht breit grinsend seines: „DAS hier, das ist ein Messer!“
So darf man sich die Szene in der Küche vorstellen. Wobei ich mit leuchtenden Augen dastehe, wie sie kein Brilliant der Welt so hätte glänzen lassen können.
So sehr ich mich im Vorwege immer wehre, so geil finde ich später das Ergebnis. Jetzt muss ich nur was zum Schrauben finden.

Unterwegs

Kappeln hatte ein Alkoholverbot für gestern ausgesprochen. Ich fragte mich, in welchen Bereichen das galt. Nur auf den Straßen? Im eigenen Garten? Auf den Gastterassen? In den Kneipen? Gar in den eigenen Häusern? Man weiß es nicht genau. Der Mann im Radio sprach nur von einem Alkoholverbot.
Die ersten Bollermänner sah ich auch erst gute zwanzig Kilometer weiter. Hackenkackendicht (um 11Uhr) und eigenwillig gekleitet. Nackt, bis auf den pinkfarbenden Plüschbademänteln, und, wie ich hoffe, Unterhose. Auf den Köpfen trugen sie Burgerkingkronen.
Ansonsten sah man nur wenig „Väter“.
Ich war auf dem Weg nach Flensburg. Dabei hätte ich es besser wissen müssen. Trotzdem fragte ich google, ob irgendwo Flohmarkt war. Laut google ja. War aber nicht, und dabei ich dachte noch: „Na, ob das sein kann?“
Wenn man dann schon in Flensburg ist, und nicht mit leeren Händen heimkehren will, hat man es nicht weit bis nach Däneland. Und in Däneland gibt es was? Loppes. Haus- Scheunen- und Garagenflohmärkte. Wo die sind, weiß man als Auswertiger nur, wenn man auf entsprechende Aufsteller an den Straßen achtet und diesen folgt. Drei fand ich, drei Sachen hüpften ins Auto. Zwei Tassenregale aus den Sechzigern, die ich aus dem Auto raus winseln höre: „Streich uns“ und einen Regulator aus dem Jugendstil. Der bleiben darf, wie er ist – schließlich bin ich kein Kulturbanause – und er macht gerade, noch mit Spinnenweben verhangen, einen Testlauf. Ein angenehm dumpfes Ticken, und der Stundenschlag ist leise. Leicht blechernd dabei, aber schön klingt er und erinnert an die Stundenschlag der Turmuhr des Guts hinter uns. Der Hund ist jetzt zum dritten Mal in den Flur gehechtet, um die schlagende Uhr anzukleffen. Bis zum Abend sollte er sich dran gewöhnt haben.

Apropos Hund. Ich kriege schlechte Laune, wenn ich zum Strand gehe, und den Hund anleinen muss. Zu dieser Jahreszeit kommen wir nicht bis an Wasser, außer wir halten uns auf dem Hundestrand auf, und laufen dort im Kreis. Was sogar dem Hund zu doof ist.
Was nun nicht der Grund ist, warum ich meinen Hund anleinen musste. Sondern die anderen Hundehalter, die Großhunde unbeaufsichtigt laufen lassen. Die Dänische Dogge war freundlich. Aber wenn 80-90 Kilo auf einen 5,2 Kilohund zulaufen, ungebremst, bekommt die Fußhupe Panik und wird hysterisch. Irgendwann kam dann ein Mensch, männlich, um die 1,60 groß, mit Wohlstandsbäuchlein – woraus ich schließe, er muss dasselbe wiegen, wie sein Hund – und brüllt: „Der tut nichts, der will nur spielen“, worauf ich zurückbrüllte (ich hab dann immer Marin Rütter im Innenohr sitzen): „Meiner aber!“ Leider beeindruckt das weder Dogge noch Doggenhalter. Manchmal behaupte ich auch, dass mein Hund Flöhe hat. Danke Herr Rütter, das zieht immer.
Schlimmer aber sind meine Lielingsfreunde. Die Touristen. Ich weiß, ihr könnt es nicht mehr lesen, aber ich muss das auch aushalten. Dazu möchte ich gerne begreifen können, wie man im Urlaub so schlechte Laune haben kann. Das ist mir fremd. Das ist für mich nicht zu verstehen.
Wir gingen auf dem Reitweg spazieren. Ein schmaler Trampelpfad zwischen Strand und Wiesen. Hinter uns klingelten Fahrradfaher. Ich rief den Hund, der inzwischen frei lief, ran und ließ ihn absitzen. Die Fahrradfahrer dachten nicht daran, ihr Tempo zu drosseln, aber egal, der Hund saß rechtzeitig bei Fuß und wurde nicht überrollt. Die rüstigen Rentner rauschten, mich mürrisch ansehend, an uns vorbei.
Ich flötete ihnen lächend hinterher: „Bitte schön, gern geschehen und Ihnen auch einen schönen Tag noch!“
Umdrehen tut sich daraufhin jeder (schlechtgelaunten Touristen freundlich hinterzuflöten gehört sommers zu meinen Hobbies), aber glaubt man nicht, dass die merken, wie arschig sie sich verhalten.
Da lobe ich mir die Däneländer, denen man allzeit anmerkt, dass sie mit Recht als glücklichstes Volk der Welt bezeichnet werden. Die sind immer freundlich, und ich liebe es, wenn Däneländer deutsch sprechen.
Erwähnte ich schon, dass ich mich gerne von ihnen annektieren lassen würde?

Wenn es reicht, reicht es auch

Manchmal zumindest.
Gestern war ich in der Landeshauptstadt. An jedem ersten Sonntag im Monat ist dort von April bis Oktober Flohmarkt. Schon immer. Na ja, zumindest so lange, wie ich zurückdenken kann. Anfänglich nur auf dem Rathausmarkt, heute zieht sich das quer von der Ostseehalle durch die Innenstadt zum Rathausmarkt hin, auf dem nur noch wenig los ist. Im Gegensatz zu früher. Dafür kann man in der Stadt kaum noch treten vor Menschen. Geschweigedenn an die Tische kommen, um das Angebot zu sondieren. Ich bin da generell fix. Adlerauge, das sich schnell einen Überblick verschafft. Was mit mir nach Hause will, springt mich meist sofort an, ohne, dass ich groß danach suchen muss.
Gestern war ich genervt von all den Menschen. Menschen mit Kinderwagen, die anderen damit in die Rücken schoben. Menschen mit Hunden. Hunde, die wie ich total überfordert waren.
Das Angebot selbst war, was ich erkennen konnte, eher mau. Eigentlich hätte ich fahren mögen, aber da ich um 15Uhr in Stadtnähe zum Essen eingeladen, und es bis dahin noch zwei Stunden dauerte, gab es wenig Alternativen, außer, mich kurz auszuklinken, Dänisches Softeis mit echter Lakritze zu kaufen, und auf der Mauer sitzend die Hektik an mir vorbeiziehen zu lassen. Dänisches Softeis mit echter Lakritze hebt meine Laune immer.
Als ich später gen Auto gehen wollte, einmal zurück durch das ganze Chaos, hatte sich selbiges etwas gelichtet. Das Angebot war großteils wirklich traurig, und ich fragte mich, was Menschen dazu bewegt, Dinge anzubieten, die ich im Müll entsorgen würde. Würde sich derlei bei mir ansammeln, was es nicht tut. Dann sah ich in die Gesichter hinter den Tischen und stellte fest, wie verlebt einige davon waren. Es ist wohl aus Not geboren, und mir wurde flau im Magen. Ihre Tische waren voll, und nicht nur ich interessierte mich nicht für ihr Angebot. Ich meine, das hat man ja immer mal. An Ständen mit Elektro oder Angelkram gehe ich auch stur vorbei. Aber da bleiben halt andere stehen und kaufen. Ich musste das flaue Gefühl abschütteln, und hoffte auf ein Erfolgserlebnis. Es ist frustrierend für mich, stundenlag über Flohmärkte zu laufen, und mit ganz leeren Händen gehen zu müssen.
Manchmal aber ist es gut, die Hände frei zu haben. Spätestens dann, wenn man an einem Stand vorbeiläuft, hört, wie eine Frau nach dem Preis für „den Spiegel da“  fragt, der Verkäufer mit „Fünfzehn Euro“ antwortet, der Frau der Preis zu hoch ist und sie pikiert abzieht. Der Spiegel stand so ungünstig, dass man ihn kaum sah. Ich wäre dran vorbeigelaufen. Hätte ich das Wort „Spiegel“ nicht aufgeschnappt. Spiegel gehen immer. Nach Spiegeln sollte man Ausschau halten, wenn man vernimmt, dass irgendwo einer stehen soll. Ich sah ihn und zückte mein Portemonnaie. Ein traumschöner Jugendstilspiegel, der ein Vielfaches mehr Wert ist, als der geforderte Kaufpreis. Ich schäme mich immer wieder, wenn ich solche Schnäppchen mache. Das Wissen, dass er viel wertvoller und teurer ist, ist mir peinlich. Geiz ist geil, ist nichts, womit ich umgehen kann. Ich handle nie auf Teufel komm heraus. Wenn ich mir etwas nicht leisten kann, ist es eben so.
Trotzdem zog ich mit dem monsterschweren Teil aus Stuck, Kupferlegierung und Kristallglas davon. Ich kam keine zehn Meter weit, als mir der Erste den Spiegel abkaufen wollte.
Dann kam ein Zweiter, ein Dritter, und ein Vierter. „Nein, den geb ich nicht her.“
Ich hatte schnell das Gefühl stehend Gras pflücken zu können, und stellte den Spiegel kurz ab, um meine Arme auszuschütteln. Ein Antikhändler kam hinter seinem Stand vor: „Wat haste dafür gegeben?“ Ich nannte den Preis und er antwortete: „Mist, den hab ich offensichtlich übersehen.“ Tja, er und viele andere auch. Einschließlich mir, ich hörte den Spiegel ja nur.
Sicher hätte ich den Spiegel abgeben können, und Gewinn machen damit. Schließlich wohnen viele seiner Brüder und Schwestern schon bei mir. Wollte ich aber nicht, denn wie gesagt: Alte Spiegel gehen immer. Wie auch alte Rahmen und alte Kerzenständer immer gehen. Naja. Wer mich kennt, weiß, dass Altes generell immer geht. Schlimm wird es bei Stühlen. Stühle sind böse. Sie verfolgen mich, und ich hab am Ende des Sommers keinen Platz mehr. Da bin ich maßlos, und der Kontrollverlust ist groß.
Beweismittel A: Ich bekenne mich schuldig.

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Meine gesamtes Mobiliar hat nicht mehr als Tausend Euro gekostet. Vieles ist vom Sperrmüll. Ich mochte immer genau das, was andere nicht mehr wollten. Das Durchschittsalter meiner Möbel beträgt einhundertzwanzig Jahre plus. Früher hat man mich dafür belächelt. Heute ist mein Wohnstil quasi en vogue.
Shabby chic nennt man das heute. Ich war der Zeit da um ein Vierteljahrhundert voraus. Mit dem Unterschied, dass das, was heute als shabby angeboten wird, gerne industriell gefertigte und auf alt getrimmt Möbel aus dem Möbelhaus sind, und für teuer Geld verkauft werden. Keine Ahnung, warum Menschen so etwas kaufen, wo es doch immer noch überall so schöne Sperrmüllhaufen gibt.
Für mich war diese Art zu leben immer mehr. Eine Lebenseinstellung. Weg von der Wegwerfgesellschaft wollte ich. „Du machst aus Scheiße Bonbons“, sagte meine Mutter früher immer. Was keine Zauberei ist. Das kann jeder, der ein wenig Phantasie und das richtige Auge hat. Es ist eine Leidenschaft. Der Kapitän nennt es mein größtes Talent.
Ich mag in meinem „alten Scheiß“ sitzen und die Ruhe genießen, die dieser ausstrahlt. Schließe ich die Haustür hinter mir, bin ich in einem anderen Jahrhundert, und es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht frage, was die Möbel und Gebrauchsgegenstände wohl alles zu erzählen hätten, könnten sie reden. Jede Delle im Holz wirft Fragen auf, jede Beule im Metall zeugt von Erlebnissen.
Es reizt mich anhaltend, und so werde ich auch das nächste Vierteljahrhundert an keinem Sperrmüllhaufen, Floh- oder Trödelmarkt vorbeikommen. Nur den Kieler Stadtflohmarkt, den werde ich absehbar meiden. Spiegelschnäppchen hin oder her. Ich werde zu alt für das Geschiebe.

Einmal Mittelalter und zurück

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Das absolut Beeindruckendste und Schönste, was mir bisher an Kirche unterkam. Zumindet bei uns in Deutschland: Kloster Corvey.

 

Nicht die besten Bilder, aber ich empfand es ohnehin schon fast als respektlos, in diesem Demut erzeugenden“Ambiente“ zu fotografieren. Da wollte ich nicht lange nach der passenden Einstellung suchen. Außerdem war ich nur fasziniert und glotze mir einen Wolf.
Das Bauwerk stammt wohl aus dem achten Jahrhundert. Ein karolingischer Bau. Die Einrichtung selbst dünkt mir aus dem Barock zu sein. Ich habe hier nicht richtig aufgepasst, kann mir aber nicht vorstellen, dass es im Mittelalter derart imposant zuging.
Lächelnd registierte ich, dass die dort verwendeten Farben den Meinen (ich töne die nicht nur selbst ab, wie ich es brauche, sondern mische die seit geraumer komplett selbst zusammen) gleichen, und sogar meine Art der Verarbeitung scheint der gleich zu sein, die die Restauratoren anwendeten. Etwas, dass mich ein kleines Stückchen wachsen lässt.

Oben, wo die Mönche einst studierten, lehrten und beteten, geht es weit weniger prunkvoll zu, als unten, wo die Herrschaft ihre Seele reinwaschen ließ.

 

Nichtsdestotrotz empfand ich den Teil ebenso beeindruckend. Auch wegen der ursprünglichen Wandmalereien. Oder das, was davon übrig ist.

Einfach nur ein Traum alter Baukunst und absolut zurecht Unesco Welterbe. Auch wenn ich erst dachte, ich höre falsch, als es hieß, dass man einen Euro Eintritt für die Kirche zu zahlen habe. Im Nachhinein ist das mehr als okay. Ich möchte nicht wissen, was für Unsummen die Instandhaltung verschlingt …

Alle Köche sind beschissen, die sich nicht zuhelfen wissen

Sagte ein Chef aus vergangenen Zeiten immer.
Ich war diese Woche im Harz unterwegs. Was ich da in meinem Zimmerchen, in einem wirklich sehrsehrsehr alten Haus sah … ich merkte schon beim Gehen in dem Raum, dass da irgendwas nicht im Lot war. Aber Fühlen uns Sehen sind dann doch zweierlei:

 

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Was für Köche gilt, gilt auch für andere Handgewerke.

Zeit ist relativ

Was dem einen zu schnell geht, dauert dem anderen zu lang.
Wenn ich mich so umsehe, kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass ich der geduldigste Mensch bin, den ich kenne. Ich bin … beinahe gleichmütig (?!) geworden.
Das war früher anders, ergab sich aber im Zuge des Misters Erkrankung. Ich habe so lange und oft warten müssen, dass ich mir irgendwann selbst verordnete dabei Ruhe zu bewahren. Was erstaunlich gut geklappt hatte, und bis heute anhält, beziehungsweise weiter gewachsen ist, sich quasi generalsiert hat.
Ich lasse mich kaum noch aus der Ruhe bringen und hechte niemandem mehr hinterher. Anzunehmen, dass die Dinge eben solange dauern, wie sie dauern, ist irgendwie entspannend. Im Gegenzug aber, mache ich damit andere – weniger geduldige – Menschen irre, weil das irgendwie so in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass ich mich auch nicht mehr hetzen lasse. Manchmal – wirklich selten – bekomme ich dann noch ein schlechtes Gewissen, aber das lässt sich auch immer öfter schnell wieder abschütteln.
Und so sitze ich nun im Chaos der letzten Woche und lächle. Ich hab das Wohnzimmer auseinandergerissen. Das des Kapitäns. Das dauert selbstredent keine ganze Woche, aber mir kam die Küche dazwischen. Die bis vor wenigen Tagen auch halbfertig dastand. Das große Wohnzimmerbuffet hat er selbst getötet. Diese alten Schränke sind ja für die Ewigkeit gemacht. Außer man lagert in ihnen gute zwei Kubikmeter Bücher. Dann hängen sie irgendwann durch und man kriegt die Türen nicht mehr auf. Ein so verzogenes Buffet ist schlichtweg tot. Da mir aber die Auflage – die sich nicht mit hat runterziehen lassen – gefiel, dachte ich, das würde eine gute Küchenarbeitplatte abgeben. Resteverwertung bis zum geht nicht mehr.
Was Zeit braucht, und so rinnt sie dahin, die Zeit. Zwei Tage habe ich noch, um das Wohnzimmer wieder wohntauglich herzurichten. Ohne mich dabei hetzen zu lassen. Das müsste – trotz arbeiten gehen zu müssen und einer Verabredung zum Essen mit dem Bruder – zu schaffen sein. Wenn ich mich denn jetzt langsam erhebe … ganz langsam!

Frau Ticktack und die Zeit

Ich war heute im Nordfriesischen, bei meiner Schwedenbegleitung.
Dass die Dame ein kleines Bisschen verrückt ist, bemerkte ich schon beim ersten Besuch in ihrem Zuhause. Standuhren allüberall. Heute zeigte sie mir die restlichen im Haus verteilten. Soweit man sie denn sehen konnte, denn in einem Raum stehen sie auf Halde, die Restaurationsobjekte. Eine ungezählte Menge, weil sie dicht an dicht gedrängt stehen, ohne dass man sie zählen könnte. Jede wird gerichtet, jedes Uhrwerk funktioniert danach auch – nach 150 bis 250 Jahren – wieder auf die Minute genau.
Eigentlich hätte ich eine mitnehmen mögen, konnte mich aber nicht entscheiden. Männliche Form, oder weibliche? Frau oder Fräulein? Dänische oder Schwedische? Mit Krone oder ohne, oder doch lieber nur nach dem Klang der Sekunden auswählen? Oder nach Farbton? Mit oder ohne Ornamentik? Zart oder voluminös? Vergoldet, naturbelassen oder verspielt?
Welch ein Schatz! Und zu jeder Uhr gab es eine Geschichte. Faszinierend und beruhigend zugleich. Nivelliert das doch meine Stuhlsucht beträchtlich …

Zeitlos

Ich habe keine Zeit.
Quasi gar keine.
Neben der Arbeit richte ich das Altholz her. Wenn ich weder arbeite, noch Altholz herrichte, bastle ich an der Kapitänsbude. Tue ich nichts von dem, ist irgendwo Trödel, auf dem ich weiteres Altholz oder Zubehör organisiere. Ich schlafe gedanklich mit einem Pinsel in der Hand ein, und streichle am Morgen – nach dem ich den Hund gekuschelt habe, ist klar – zuerst das zuletzt bearbeitete Stück.
Wenn ich schlafen sollte, recherchiere ich lieber, wie ich günstig an alte Originalstoffe komme (ein wirklich hoher Kostenfaktor sind alte Stoffe), und wenn ich arbeite, bin ich gedanklich wieder in Malerkleidung.
Und dann habe ich noch ein weiteres Problem. Ich habe keinen Platz. Der Schuppen ist voll von aufgearbeiteten Stühlen, und zwar nicht nur der vom Kapitän, sondern auch der, der Nachbarinnen, die mir dankenswerter Weise etwas Raum überließen.
Ich könnte anfangen zu verkaufen, aber irgendwie … ich bin noch nicht im Verkaufsmodus. Nicht, dass ich mich nicht trennen könnte, aber wann sollte ich mich noch darum kümmern können, wenn Tage nur vierundzwanzig Stunden haben? Außerdem bin ich ein denkbar schlechter Verkäufer.
Warum ich das dann alles tue? In erster Linie aus Liebe zum Alten. Mittlerweile bekomme ich Zuspruch ohne Ende, weil meine Sachen „einfach nur gut“ sind. Lob, von Menschen mit Ahnung, tut einfach gut und bestärkt mich in dem, was ich tue. Neulich schrieb mich ein Antikhändler an, ein studierter. Da wachse ich schonmal, wenn solche Menschen sagen, dass meine Sachen „toll sind und es klasse ist, wie ich scheinbar Unrettbares und Totgeglaubtes neu aufleben lasse. Klasse, weil sie anders sind, als das, was man sonst auf dem Markt findet. Nicht einfach nur shabby, sondern wirklich toll und anders. Individuell, das Alte hervorhebend …“
Das motiviert ungemein, sorgt aber auch dafür, dass die Tage noch kürzer werden, weil ich abends kein Ende finde, und morgens unausgeschlafen zur Arbeit gehe.
Ich brauche Zeit. Ganz dringend. Hat zufällig irgendjemand so circa fünf Stunden pro Tag über, die er/sie an mich abtreten würde?
Ich wäre aber auch für drei oder vier schon sehr dankbar.