Archiv für den Monat Mai 2017

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Das Video aus dem letzten Beitrag. Eigentlich hätte ich es in diesem Eintrag einfügen müssen. Denn Mann eins war es, der einen Autounfall hatte. Beim Zweiten gab es kein Blut, aber die Situation in der Klinik war am Ende dieselbe. Einmal mit, einmal ohne Blut.
Es war Ende der Neunziger, als ich auf Kai wartete. Er war immer pünktlich. Ich hatte gleich ein ungutes Gefühl, als er mich nicht wie abgemacht abholte … das passte nicht zu ihm.
Es war ein Betrunkener, der ihm reingefahren war. Er hatte keine Chance. Ich wollte ihn nochmal sehen, aber man ließ mich nicht. Er sah zu schlimm aus. „Sie würden ihn nicht erkennen“, hieß es. Zwei Wochen später saß ich in seinem Auto. Die Polizei hatte angerufen, dass der Wagen freigebenen ist, und ich die persönlichen Sachen aus dem Wagen holen kann. Alles war voll getrocknetem Blut. Ich musste die ganze Zeit auf den Cowboystiefel starren, der unter dem Gaspedal festklemmte. Er ließ sich nicht einen Millimeter bewegen, und ich fragte mich, wie man seinen Fuß da rausbekommen hat. Ich stellte mir die Situation vor, wie er in seinem Wagen gefangen saß und wollte schreien. Das Autodach gab es nicht mehr, es war aufgerollt wie der Deckel einer Sardinendose. Hätte er überlebt, dann ohne Beine, querschnittsgelähmt und schwerem Hirnschaden.

Beim Zweiten hatte ich mir anfangs oft gewünscht, sie hätten es auch nicht geschafft ihn zurückzuholen. Es war für ihn immer eine Horrorvorstellung ein Pflegefall zu werden. „Lass das nicht zu …“ sagte er irgendwann mal, als wir eine Doku über häusliche Pflege gesehen hatten, “ … wenn ich auch nur den kleinen Finger bewegen kann, bring ich es selbst zu ende.“ Dass er ein Pflegefall werden würde, war schnell klar. Er wachte nicht aus dem künstlichen Koma aus. Als er nach Ewigkeiten langsam ansprechbar wurde – macht wacht nicht aus einem langen Koma auf, wie man es aus dem Fernsehen kennt – , war er nicht mehr er. Pflegefall Stufe III +H. Diagnose: Zustand nach Vorderwandinfarkt/Reanimation, Hypoxischer Hirnschaden. Es dauerte lange, bis er sich die „einfachsten“ Fähigkeiten zurück erarbeiten konnte, wie schlucken beispielsweise. Nach fünf Jahren häuslicher Pflege starb er.

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Wenn man Menschen zum Weinen bringt, nur weil man ihnen das eine oder andere Persönliche von sich erzählt. Schwierig ist, das ein oder andere Vergangene mit anderen Augen sehen zu können, wenn so etwas passiert. Gut aber zu erfahren ist, dass die Menschheit am Ende noch nicht verroht ist und man hinter all der Professionalität den Menschen noch erkennt, dem Menschsein in dem Moment einfach wichtiger war.

Du pumpst 20 Minuten und wartest auf das erlösende Martinshorn. Zwischendurch merkst du, dass du etwas falsch machst; ihm kommt es sauer hoch, du hast den Magen aufgepumpt. Du drehst ihn auf die Seite, wischt ihm den Mund aus, drehst ihn zurück und machst weiter; den Nacken tiefer in den Rücken gedrückt. Dir ist egal, ob du seine Kotze im Mund hast. Dein Mann darf einfach nicht sterben und es liegt in deiner Hand. Das Martinshorn lässt auf sich warten. Deine Kraft ist eigentlich am Ende, aber du pumpst weiter. Und dann hörst du es, aber es ist keine Erlösung, wie du hofftest, weil du aktiv nichts mehr machen kannst. Du stehst daneben und siehst zu, wie drei Mann in deinem Wohnzimmer versuchen deinen Mann ins Leben zurückzuholen. Strom und Spritzen in seinen Körper jagen, sein Körper sich aufbäumt, wie man es aus dem Fernsehen kennt, nur schlimmer, weil real. Die siehst zu, wie sie auf seinem Brustkorb rumkloppen und du weißt dann, du warst zu zart, obwohl du gepumpt hast, so stark du eben konntest. Wenn nach weiteren 20 Minuten ein „Okay, wir haben ihn“ kommt und man samt Mann im RTW verschwindet … nicht um abzufahren, sondern um ihn zu stabilisieren, damit man überhaupt abfahren kann. Du sitzt dann auf der Treppe vor deinem Haus und siehst zu, wie der Wagen rhythmisch wackelt. Er wieder weg war. Du kannst nichts tun. Du stehst nur da und ahnst ganz leise, dass dies hier zu den Erlebnissen gehört, die dich nie wieder loslassen werden.
Seine letzten Worte waren „Schön, wenn der Schmerz nachlässt.“ Danach grunzte er nur noch. Der Arzt, bei dem er zwei Tage vorher war, hatte den ersten Herzinfarkt übersehen und diagnostizierte eine Zerrung in der Schulter. Das Novalgin war nicht was half. Der Schmerz, der halt einfach nachlässt, ein, zwei Sekunden bevor das Herz aufhört zu schlagen, der brachte die Erleichterung …