Archiv für den Monat März 2017

Die spinnen, die Ösis

Die Maut ist beschlossen. Wir dürfen demnächst bezahlen, wenn wir die Autobahnen nutzen wollen. Ich finde es okay. Zudem war das absehbar. Ich hab da viel früher mit gerechnet. Dann müssen, was mein Dieselchen betrifft , eben 170,-€ investiert werden. Daran ändert sich nichts, wenn ich jetzt heule, zetere und mich bedauere.
Der Mann im Radio brachte mich also auf den neusten Stand, und ergänzte: „Österreich will gegen die Maut in Deutschland klagen!“
Habe ich da irgendwas nicht mitbekommen? Dürfen wir – sollten sie diese Klage gewinnen, wovon wohl eher weniger auszugehen ist – deren Autobahnen dann auch kostenfrei benutzen?
Kann mir bitte irgendwer erklären, was ausgerechnet die Österreicher daran stört? Ich kann ja verstehen, wenn Länder meckern, in denen man kostenfrei die Autobahnen benutzen darf, aber Österreich?

ÜüberrraschuuUuung

Da standen die Ex-Lieblingsnachbarinnen gestern plötzlich im Laden. Mir fiel die Kinnlade runter und ich vergaß die Kunden um mich herum. Ich glaube, wir kreischten dreistimmig und deutlich hörbar. Ich stürmte mit offenen Armen auf die Damen zu.
„Wir haben dein Auto gesehen, und wussten, dass du da sein musst. Wir waren schon so oft hier, um nach dir zu gucken.“
So tolle tolle Frauen. Da läuft einem das Herz über. Samstag gibt es lecker Kuchen und ganz viel Neuigkeiten auszutauschen. Man sollte Herzensmenschen nur einmal aus den Augen verlieren. Dreimal mehr nicht wieder, wenn sie wieder – und diesmal für immer – um die Ecke wohnen.

„Friesisches“

Es gibt so Sachen, die fühlen sich nach Zuhause an.
Dazu gehört für mich Friesland Ammerland. Ja, das ist Geschmackssache, aber selbst ich finde es (heute) nicht (mehr) sonderlich schön. Trotzdem mag ich es sehr, vor allem die Haptik. Ich habe damals – in meinem ersten Haushalt – lange gespart, um es mir leisten zu können. Sehr lange. Und dann habe ich unerbitterlich zugeschlagen, nachdem der Weihmnachtsmann das Restgeld hierfür brachte.
Wir hatten in meiner Kindheit ein ähnliches Geschirr. Auch aus Keramik, aber eher so eine klassische Siebzigerjahre-Sache. Oben Beige ohne Lasur, unten braun lasiert. Später hatten wir das in Orange-braun, aber da erinnere ich, dass das was aus Däneland war. Ich mochte das als Kind schon.
Mein Ammerland hat – warum auch immer – der Ex bekommen. Ich weiß gar nicht, ob das noch lebt … und so schlawenzel ich seit geraumer Zeit wieder um Ammerland rum. Meine Güte, das ist ja nicht günstiger geworden. Wobei das nicht stimmt. Neu kostet Ammerland Blau als Essservice um die 110,-€. Gebraucht dasselbe, oder teilweise mehr. Die scheinen sich ihre Teller damals alle vom Mund abgespart zu haben, dass die so horrende Preise haben wollen. Vor allem die innig geliebten Suppenteller, kosten heute mehr als damals. Ein einzelner 25,-€!
Mein Ehrgeiz ist geweckt, ich bin auf Schnäppchenjagd. Wobei mir egal ist, ob rot, braun, blau oder grün. Hauptsache Ammerland.

Realsatire 

Beim allmorgendlichen Lesen der Nachrichten schwebe ich meist zwischen Hilflosigkeit und Verzweiflung.  Kein Wunder bei dem,  was da in der Welt passiert.  Heute aber musste ich laut lachen.  Türkei weißt holländische Rinder aus. Kannst dir nicht ausdenken,  den Scheiß. 

Hauptsache es reimt sich

Oder wie ich durch die AfD anfing in VFersen zu denken.

Habt ihr es auch schon gelesen?
Das neue Programm der AfD.
Als wär damals nichts gewesen,
und Hitler brachte uns kein Weh.

Ich habs mir gestern angetan,
frei von jeweder Pietät,
der Muslime sein Fett abbekam.
Für mich wars eine fein Diät.

Danach wars das mit dem Hunger.
Hetze, Phrasen, Trug und Hass.
Moslems woll`n nur nutzlos lungern,
morden, meucheln, ist das krass?

Deutschsein soll man wieder lernen.
Schon die Kleinen in der Schule.
Stramme Kinder für Kasernen
Nix Genderkram nur über Schwule.

Wehrpflicht soll es wieder geben,
Grenzen zu und Sicherheit.
Deutsche nur für Deutschland leben,
an der Grenze schussbereit.

Frauen sollen Frauen werden,
hübsch mit Mann und Kind, Kind, Kind.
Stehen sie wieder hinter Herden,
man sich auf Wichtiges besinnt.

Ich glaube, ich erwähnte schon,
Deutschsein ist das Maß der Dinge.
Familie gehört auf den Thron,
und wenn man es denn erzwinge.

Abtreibung gehört abgeschafft
Dafür werden sie dann sorgen
der Deutsche nur für Deutschland rafft
Besser heute schon, als morgen.

Damit das und mehr auch werden kann
ein Schelm, der Böses dabei denkt,
gehen sie an das Grundgesetz ran,
damit sich eins ins andre renkt.

Was nicht passt, wird passend gemacht,
finden die Alternativen,
dafür wird gelogen, dass es kracht,
Fakenews sind die informativen.

Dazu, wer hätte das gedacht,
auch darum wollen sie g`winnen
wird Höckes G`schichtswende gemacht.
Das Gute sollen wir besinnen.

Schluss, aus, vorbei, die schlimme Mär,
Hitler, ja, doch, was denn weiter?
Doch Deutschland, nie nur böse wär,
Angela ist der arg Verleiter

Die Frau, die Deutschland hat verraten
ihr ahnt es, logisch ist es doch,
soll in der Hölle brutzeln, braten,
die blöde Kuh, das Arscheloch.

Ich könnte ewig weiterreimen,
wenn ich es denn können könnt,
doch gleiten die Worte zum Unfeinen,
das ist den Braunen nicht vergönnt.

Der Mut der Verzweiflung?

Ich kaufe gerne vor Ort ein, was ich vor Ort bekomme, weil ich finde, dass man das so machen sollte. Wenn es vor Ort aber drei bis viermal teurer ist als im Netz, komme ich in Versuchung. Ich ringe mich also durch, möchte etwas bestellen und grase ebay ab. Alle, ausnahmslos alle, die verkaufen, was ich begehre, versenden mit Hermes.
Ich aber stehe mit Hermes auf Kriegsfuß.
Das läuft immer gleich ab. Es liegt eine Benachrichtigung im Briefkasten, dass man da war, mich aber – ICH WAR JEDES MAL DEN GANZEN TAG ZUHAUSE, weil man schließlich eine Nachricht bekommt, dass dann und dann ein Paket kommt zwischen dann und dann – nicht erreichte. Oder ich lasse, ob der erhaltenen Lieferungsbestätigung, das Paket in den Hermes-Shop umleiten, wenn ich weiß, dass ich nicht zuhause bin. Wo es dann – oh Wunder – nicht ankommt. Zweieinhalb Wochen bin ich letztes Mal nahezu täglich brav zum Hermes-Shop gelaufen, bis es endlich auch dort lag. Drauf klebte ein Zettel: „WICHTIG! Auslieferung an den Paketshop ist dringend!“ Jaja, ich rief nämlich nach jedem erfolglosen Paketshopbesuch bei Hermes an. Schließlich haben die mich hingeschickt: „Morgen Nachmittag ist es bestimmt da!“
Manchmal passiert auch gar nichts. Keine Benachrichtigung im Briefkasten und nichts. Dann gucke ich, wenn ich denke, eine Woche sollte genug Zeit gewesen sein, in die Sendungsverfolgung und sehe was? Dass mein Paket – ohne, dass man versuchte es auszuliefern – auf dem Rückweg zum Absender ist.
Jedes Mal telefoniere ich dann mit Hermes, jedes Mal entschuldigt man sich. Letztes Mal hieß es, dass unser Hermesbote nun eine Nachschulung aufgedonnert bekäme. Die Liste meiner Beschwerden ist mittlerweile endlos. Die Damen und Herren am Telefon sind immer nett. Sie sehen die Wege meiner Pakete ein, und jedes Mal heißt es: „Ne, das geht so wirklich nicht.“ Ändern tut sich aber nichts.

Es gab eine Ausnahme. Neulich hielt tatsächlich ein Hermesbus vor der Tür. Der Kapitän hat irgendwas Kleines und Ultraleichtes bestellt. Der Mann, der klingelte, war maximal einen Meter sechzig groß und wog nicht mehr als fünfzig Kilo. Ich bestelle immer schwere, teils sauschwere Sachen. Womit klar ist, warum der Mann mit der Auslieferung meiner Pakete überfordert ist, und gar nicht erst versucht, die auszuliefern.
Wird er jetzt ein 7,5kg-Paket ausliefern können? Das zweite Paket wäre leicht aber groß. Größer als der Hermesbote selbst. Man darf sich vorstellen, wie ich, während ich all das schreibe, übergeregt zitternd dasitze, mit den Zähnen klappere und dabei debil grinse.

Was mach ich nun? Ich traue mich nicht mehr, etwas zu bestellen, das mit Hermes geliefert wird. In den sauren Apfel beißen und das Dreifache bezahlen?
Ich brauch das doch so sehr, und am liebsten zeitnah …

Ups

Ich habe mich gestern beim Schubladendenken ertappt.
Im Laden. Ein sächsisches Ehepaar. Das ich nicht auf Anhieb als Sachsen wahrnahm, weil sie sauberes Hochdeutsch sprachen. Das ist so das Standardrepertoire, wenn ich merke, das Kunden auf Unterhaltungen aus sind: „Woher kommen Sie zu uns?“ Die Vorsaison beginnt, und da sind die netten Touries unterwegs, die im Sommer nie auf die Idee kämen herzukommen, weils nur gruselig ist. Diese Art Touries unterhält sich halt gerne.
In mir baute sich ad hok Widerstand auf, als der Mann seine Herkunft kundtat, und als hätte der Mann das gespürt, sagte er: „Genau genommen aus dem Moloch Bautzen.“
Der Begriff Moloch brach das Eis sofort wieder und wir unterhielten uns. Es war nicht mein innerer Widerstand, den er wahrgenommen hatte, vielmehr fühlt er als Sachse stigmatisiert. Und er schämt sich für seine Sachsen. Insbesondere seine Mutter, eine aus Schlesien Geflohene, leidet sehr unter der Stimmung dort. „Als ob die Rechten eine Ahnung vom Krieg, dem dritten Reich oder davon hätten, was es bedeutet, um sein Leben zu laufen.“ Oft ruft sie ihn an, und erzählt, wie unerträglich das rassistische Gegröle auf den Straßen für sie ist. Wenn Sachsen unter Sachsen leiden … Mir wurde die Brust eng. Ich möchte da nicht begraben sein.

Klar ist mir bewusst, dass nicht alle Sachsen rechte Arschlöcher sind, aber die Assoziation ist beängstigend da. Sobald einer sächselt, erstarre ich innerlich. Ich muss da an mir arbeiten. Unbedingt!
Ich bin da bisweilen ohnehin in einem Zwiespalt. Wie reagiert man, wenn redselige Kundschaft meint, ihre braune Gesinnung offenlegen zu müssen? „Das mit den ganzen Flüchtlingen geht so echt nicht weiter. Merkel hat Schuld!“
Glaubt man nicht, aber auch sowas passiert bisweilen. Neulich erst, eine Frau eben über siebzig.
Im Privatleben ist mir das egal. Zumal das da auch nicht passiert. Passierte es, hätte ich da aber keinerlei Hemmungen, offen zu sagen, was ich denke.
Ich bin im Laden aber keine Privatperson. Einerseits darf ich den Kunden nicht ungeschönt vor den Kopf hauen, was ich denke, weil das dem Laden und der Chefin schadet, andererseits kann ich mir auch nicht auf die Zunge beißen. Dann kommt von mir: „Das sehe ich grundlegend anders.“ Bisher war es so, dass damit das Gespräch beendet war. Braune Denke ist nicht darauf geeicht, wirklich zu diskutieren. Vielmehr erstarren sie in dem Moment und fühlen sich … ich würde sagen: ertappt. Glücklicherweise passierte derartiges bisher nur beim Zahlvorgang. Ich befürchte aber, dass ich damit eines Tages Kunden vergraule und mit Frau Chefin in Clinch gerate, weil ich da schwer bis gar nicht aus meiner Haut kann. Ich bin ein schlechter Diplomat.

Lächeln to go

Gratis, oder der Kreislauf von Freundlichkeit.
Einer Dame, die durch eine Chemo alle Haare verlor, gezeigt, wie man Kopftücher flott bindet.
Dem älteren Ehepaar, das im Laden war um „irgendwas vom Strand“ zu kaufen und es dann den Enkeln zu schicken, ein Paar Hühnergötter aus meiner Jackentasche geschenkt.
Dafür bekommen: „Danke für Ihre liebevolle Beratung“ und glückliches Lächeln.
*hach*