Archiv für den Monat September 2016

Schland den Schlandingern

Oder: ein Selbsttest. Bis an den Rand dessen, was erträglich ist.

Letztlich habe ich mich auf AfD-Seiten herumgetrieben. Neben mir auf dem Tisch, der Becher Kaffee, darunter ein KotzSpuckeimer.
Ich wollte wissen, wer diesen Kegelverein wählt. Ich schwöre: Es ist das nackte Grauen.
Deutsche, also richtig echte Deutsche, beschweren sich in schlechtem, also richtig schlechtem Deutsch darüber, dass man um die eigene Kultur, das Vaterland und die Muttersprache bange. Ich konstatiere: Das mit der Muttersprache kann so schwerwiegend nicht sein.
Wie steht es also um den Rest?
Aber das ist noch harmlos. AfD-Anhänger rufen zum Bürgerkrieg auf (kein Witz!). Man solle sich zu Tausenden vor dem Reichstag einfinden, diesen stürzen und Lynchjustiz sollte man eh wieder einführen. Merkel und Co gehörten an den Strick. Der Holocaust habe nie stattgefunden. Der Hooton-Plan erlebt eine Renaissance. Man beruft sich auf diese tatterige Greisin, die vor dem Gericht als „unbelehrbar“ eingestuft wurde, ehe sie wegen Volksverhetzung und Holocaustleugnung zehn Monate einsitzen musste. Die Dame stellt derzeit gerne Videos von sich ins Netz stellt, um für die neue „Volkspartei“ Werbung zu machen. Wahlweise dürfe man die NPD wählen.
Ich nenne hier keine Namen, und binde keine Links ein. Ihr müsst das einfach so glauben oder eigens einen Selbsttest machen.
Also weiter. Die Juden haben sich selbst vernichtet. Dazu, ich weiß ja nicht, ob ihr es wusstet: Die Erde ist doch eine Scheibe. Ne, das war was Anderes … Der zweite Weltkrieg wurde nicht von den Rechten, sondern von den Linken provoziert. Das „S“ in NSDAP stünde schließlich für „sozial“. Ich las, überlegte kurz, ob ich den Eimer zu meinen Füßen bräuchte – mein Kopf wollte derweil mit Gewalt auf die Tischplatte schlagen – und plötzlich ging mir ein Licht auf: Klar, das „D“ in DDR stand ja ganz in echt auch für Demokratie. Darum sind – logischerweise – die Linken und die Sozialdemokraten die Schuldigen und die Rechten die Guten. Wie da der Hooton-Plan reinpasst, habe ich am Ende nicht wirklich verstanden.
Der Kragen drohte mir zu platzen, als die AfD ein Bild von Willy Brandt vertonte, um ihm Worte in den Mund zu legen, die die AfD ins – ahäm – rechte Licht rücken sollten … Hallo? Wer war linker angesiedelt als the good old Herbert Frahm? Ich dachte, die Linken waren die pösen Puben. Andererseits. Wenn die Linken die echten Rechten waren, müssen die echten Rechten die Linken sein. Man kann einfach niemandem mehr trauen. Danke, Frau Merkel!
Sei es drum. Weiter im Text.
Nachdem ich so hier und da las (wer hat den Strochenvogel eigentlich auf die Menschheit losgelassen?), dachte ich mir: Sagste da mal was zu.
Beim Vogel flog ich im hohen Bogen raus. Dabei war nicht ich es, die unsachlich und beleidigend wurde. Auch egal. Irgendwo fand ich einen Gesprächspartner. Seines Zeichens Politiker bei der AfD Hamburg. Ich fragte – so rein interessehalber, und weil ich dachte, ich lasse die sogenannte Flüchtlingskrise mal außen vor -, wie man denn gedenkt, Inklusion einzudämmen und die Gleichstellung einzustampfen, ohne dabei gegen das Grundgesetz zu verstoßen. Und wie die AfD meint, die Renten retten zu können. Man verwies mich auf das Programm – das ich da schon, unter Zuhilfenahme des KotzSpuckeimers gelesen hatte, und in dem nichts dazu stand. Ich trieb es auf die Spitze und wiederholte meine Fragen, die wie folgt – nicht – beantwortet wurden:

cats123
Die Festung Europa bauen?! Wie das, wenn man doch den Dexit will? Klingt ein Bisschen nach Groß-Deutschland. Hat aber noch immer nichts mit Nichts zu tun. Ebenso, wie Folgendes nur rein zufällig das Nomen zu dem ist, was der Herr, der hier offiziell für die AfD spricht, vor hat zu tun.

De·por·ta·ti·o̱n
Substantiv [die]
der Vorgang, dass einzelne Menschen oder ganze Volksgruppen aus ihrem Lebensraum zwangsweise an einen anderen Ort verschleppt werden.

Echt jetzt mal. Ich, als bekenndende Alitsche-S´-Dogma-Verachterin, bin alles, aber keine Frauenrechtlerin. Trotzdem, oder gerade deswegen: Wie viel Angst muss ein Mann vor Frauen haben …? Mal davon abgesehen, ist Deutschland, was die Frauenquote angeht, eines der Schlusslichter. Nochmal: Ich wollte nicht über Flüchtlinge sprechen, sondern über das AfD-Parteiprogramm, respektive die Fragen, die es aufwirft.

An anderer Stelle griff ich die Rentenfrage auch noch mal auf. Es kann ja nicht sein, dass AfD-Wähler die AfD wirklich nur ob ihrer „Flüchtlingspolitik“ wählen. Oder? Schließlich betont die Anhängerschaft ja gerne, wie sehr man hinter der AfD und ihrem ganzen Programm stünde.
De Facto hat die AfD null Plan, wie sie insbesondere die Rentenfrage angehen könnte, und hofft einfach, der Dummdeutsche würde das nicht merken und sie quasi „blind“ wählen.
Man habe, so schrieb mir Frau KePetrys Admin (den ich in den Tagen, da ich mitlas, nicht einmal eingreifen sah), das Schweizer Rentenmodell im Kopf und prüfe dessen Umsetzbarkeit. Ich erklärte dann freundlich aber mit faktisch fundamentiertem Halbwissen, warum das in Deutschland nicht funktionieren würde. Worauf man mich dann des Hauses verwies.
Und wie ich plötzlich vor verschlossener Türe stand, zeigte Facebook am … ahäm … rechten Rand Themen, die mich interessieren könnten. Der Oberfuzzi der NPD Meckpomm deklarierte dort ein Plagiat. Die AfD habe sein Programm Punkt für Punkt abgekupfert und sich nicht mal die Mühe gemacht, große Teile umzuschreiben, sondern habe diese eins zu eins übernommen.
Was tat ich dann? Richtig, ich las (im Eimer war noch etwas Platz) das Parteiprogramm der NDP. Was soll ich sagen? Die AfD hat abgeschrieben. Sechs, setzen!

Ich habe es gerade eben so überlebt. Und wenn ihr mal Bock auf richtig schlechte Laune habt, schaut euch an, wie und mit welchen Parolen die AfD gerade und insbesondere auf Facebook auf Rattenfang (und da nehme ich die Ratte wörtlich. Denn wer sich so benimmt, und Menschen anderer Herkunft derart verunglimpft, und jeden, der anderer Meinung ist, aufs Übelste diffamiert, ist für mich kein menschliches Wesen) geht.
Ich habe mich lange mit der Geschichte rund um das Dritte Reich befasst. Ich wollte vor vielen Jahren mal verstehen, wie das passieren konnte. Wirklich angekommen war das bei mir nicht. Jetzt aber, jetzt bekomme ich langsam ein Gefühl dafür. Es geht um nichts weiter, als Angst zu schüren. Das eint den Teil des „Volkes“, der sich ohnehin andauernd zurückgesetzt fühlt.

Ach so. Den Titel hab ich geklaut. Mit vorher Fragen selbstverständlich. Ich heiße ja nicht Frau KePetry.

Anders 

​Da ist dieser eine Kunde, der seit einigen Monaten regelmäßig kommt. Vielleicht zehn Jahre jünger als ich. Er fällt auf durch seine Kleidung. Aber nicht nur dadurch. Irgendwie passt seine Kleidung nicht mit seiner rauen Sprache und seiner Art sich zu bewegen zusammen. Dadurch fällt er richtig auf. Mir zumindest.

Heute trug er eine kunterbunt gestreifte knielange Short, knallige Farben auf weißem Grund, ein unglaublich pinkes Shirt, mit einer riesigen Eule aus Strasssteinen auf der Brust und eine Schlappmütze in Rosa. Darunter wirkte er, bis auf den Zehntagebart, haarlos. Und er trug diesen großen Damenring, den er neulich, neben zwei weiteren Ringen, bei mir kaufte, und von denen ich wieder dachte, sie wären für seine Freundin. Aufmerksamer Mann, der seiner Herzdame regelmäßig etwas mitbringt. Sie scheint Schmuck zu mögen. 

Seine Art einzukaufen ist anders, wie er anders ist.  Rastlos wirkt es. Rastlos wirkt er.

Er kommt … nein, er stürmt in den Laden, immer einen Kaffeetogobecher in einer Hand, kommt an den Tresen, guckt einmal über die Ringe, greift sich zwei oder drei, ohne auf die Preise zu gucken  – das alles dauert kaum länger als eineinhalb Minuten -, bezahlt, strahlt mich an, und ist wieder weg.

Zwei Ringe sind es heute. Auf einem ist eine pariser Szene dargestellt, den anderen ziert pinker und klarer Strass.

Ich lächle bevor er es kann. „Cooles Shirt, passt zum Ring vom letzten Mal.“ Ich nicke in Richtung des kleines Fingers seiner rechten Hand. Der Stein im Ring hat dasselbe Pink, wie sein Shirt. Er freut sich, dass ich ihn wiedererkenne. Das ist nicht schwer. Immer wiederkommend ringkaufende Männer in einem Tussiladen fallen auch ohne pinkfarbende Shirts auf.

Jetzt lächelt er, aber irgendwie gequält: „Das gehörte einem Mädchen, das ich kannte.“ Er ließ im Nebensatz fallen, was sie ihm antat. Ich nicke, weil ich verstehe und weil es jetzt keine Worte braucht. Es war wohl sein Baby, das sie nicht wollte. Er deutet auf seinen Kettenanhänger, der an einer überlangen Silberkette unter den Füßen der Strasseule hängt. Ich kenne dieses Steuerrad, das kaufte er auch irgendwann bei mir. „Soll ich dir verraten, was das bedeutet?“ fragt er. Ich antworte mit „Wenn du magst.“ 

„Das hab ich mir gekauft, als ich zwei Monate trocken war. Ich bin auf’m Campingplatz und entziehe alleine.“ Er sieht mich offen an. „Kaffee und Ringe, das brauche ich als Alkoholersatz!“ 

Ich ignoriere die offensichtlich pikierten Kundinnen vor dem Aufsteller mit den Sommerschlussverkaufssommerkleidern und halte ihm meine Hand in Kopfhöhe hin.  Es klatscht laut, als er einschlägt. „Danke“, sagt er. Ich ziehe meine Mütze, deute eine Verneigung an und sage: „Respekt!“ Das ist, was ich empfinde. Er lacht stolz und scheint ein wenig zu wachsen. 

„Bis bald“, sagt er. „Bis bald“, sage ich.

Manchmal sind die Dinge ganz anders, als man denkt. Denke ich, als er geht. Er dreht sich in der Tür nochmal um und sagt: „Manchmal, da sind die Dinge ganz anders, als man so denkt …“

Etwas wenig Blut im Adrenalin

Es gibt so Arbeiten, die möchte man nicht unbedingt wiederholen müssen.
Dazu gehört das Ansetzen von Sumpfkalk. Ich wollte es aber nicht anders.
Ging mir der Puls! Man kommt offensichtlich nicht grundlos schwer an das Zeug.
Schutzbrille, Ganzkörperkondom, Atemschutzmaske und das freundliche Lächeln bitte bewusst vergessen, denn es ist scheiße heiß darunter (man beachte bitte den roten Teint) und man bekommt nicht wirklich gut Luft.

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Mut zur Hässlichkeit

Und dann kippst du, wissend, dass es gleich einen Höllenlärm geben wird, wenn du den Weißfeinkalk in die mit Wasser gefüllten Regentonnen gibst, Selbigen in Selbige. Tapfer stehst du vor der spontan und laut brodelnden Masse und rührst und rührst und … hast ein kleines Bisschen Angst. Vor dir hast du immerhin zwei Hundert-Liter-Tonnen voll richtig heißer und ätzender Suppe. Darum hoffst du, dass die Tonnen der Hitze, wie angegeben, standhalten können, und dein Keller nicht am Ende einen Bodenbelag aus gesumpften Kalk bekommt …
Solche Aktionen sind nichts für Weicheier, und ich hoffe, dass ich mit den jetzt angesetzten 200 Litern die nächsten Jahrzehnte hinkomme.
Das Zeug hat kein Verfallsdatum, und wird besser, je länger es steht. In zwanzig Jahren ist es quasi unbezahlbar. Allein dadurch, dass ich den Kalk in Wasser kippte, hat sich sein Wert verzehnfacht. In sechs Wochen dann verdreißigfacht, und er wird wertvoller, je länger er steht. Da hat sich der Kackstift, wie man bei uns sagt, wenigstens gelohnt.
Wann hat man eigentlich damit aufgehört, Althergebrachtes (und dazu günstiges) zu nutzen und angefangen sich die Wände mit teuren Giftstoffen vollzuklatschen? Nur um Jahrzehnte später festzustellen, dass das doch gar nicht so schlecht war, und dann bei einer handvoll (!) Hersteller völlig überteuert das kaufen zu müssen, was früher jeder selbst machte. Für’n Appel und ’n Ei. Das muss gewesen sein, als ganz Deutschland sich isolierverglaste Fenster einbaute. Das machte richtig Sinn, dann zu Farben zu greifen, die für Schimmel ein Paradies sind … Aber das ist ein anderes Thema.

Was ich dazu richtig gut finde (ich werd echt noch zum Öko), ist, dass man das Zeug, wird es mal hart, weil man den Deckel vergessen hat, einfach auf den Kompost kippen kann und dem Garten damit auch noch was Gutes tut. Genial, oder?

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In der linken Tonne brodelt es noch.

Gutes Gefühl, mehr als ausreichend Farbe auf Lebzeiten (dafür reichen 200 Liter nicht, ne, aber es ist die Basis für ausreichend Caseinfarbe, die dann auch nicht mehr so abfärbt, wie Omas Kellerwand früher) griffbereit zu haben, und das Bisschen Adrenalin ist hoffentlich bald wieder raus, aus`m Körper.

Überaus dankbar bin ich für den Tipp, nur die Hälfte des Kalks in der vorgeschriebenen Menge Wasser für die ganze Masse abzulöschen, und den Rest erst am Tag darauf dazuzugeben. Ich möchte nicht wissen, wie heiß es wird, wenn man alles in einem Rutsch ansetzt … Wie getan reichte es schon, den Keller in eine Sauna zu verwandeln.