Archiv für den Monat Juni 2016

Eine Münze für den Fährmann

Ich war um die zwölf, dreizehn Jahre alt, als Jungs wie aus dem Nichts heraus anfingen, diese farblosen Parka, mit großen aufgesetzten Taschen und Stehkragen zu tragen; in denen sie aussahen, wie reingeprügelt. Schmalschultrig, wie sie waren. Sie ließen sich die Haare wachsen, bis sie frisurlos genug waren, versuchten sich im selbstbewusst coolen Gang und lehnten sich gegen Mauern, als könnten sie sie umwerfen. Sie übten sich im Türknallen und schlechte Laune möglichst betont lässig zu präsentieren. Egal ob Frank oder Olaf, ob Oli oder Sven. Sie wollten so cool sein und bei den „Frauen“ ankommen können, wie der Horst. Wobei Oli, der deutlich käftiger gebaut war als der Rest der Milchgesichter, dem Idol am nähesten kam. Obwohl er der Einzige war, der seine Haare weiter kurz trug.
Die Schimanskimanie war ausgebrochen, und von jetzt auf gleich war Tatort gucken nicht mehr nur was für „die Alten“. Tatort gucken wurde cool, und wehe dem, der eine Folge verpasste und tags drauf auf dem Schulhof nicht mitreden konnte, weil man aus irgendeinem – gefühlt lapidaren – Grund Fernsehverbot bekommen hatte. Eigentlich kein Drama, wir hatten es alle nicht wirklich mit dem Fernsehen. Aber die Alten wussten, dass das an den Sonntagabenden, an denen Schimi lief, die ultimative Höchststrafe war. Schlimmer noch, als jeder Handyentzug heute sein könnte.
Ich gestehe, ich gehörte dazu. Zu den Mädels, die auf Horst standen. Mein Gott, ich war halt dreizehn! Aus heutiger Sicht verehre ich ihn für ganz andere Rollen. Der Totmacher, Zivilcourage oder der Novembermann. Damit hat der Götz gezeigt, dass der deutsche Film mehr kann, als nur schlechterdings Hollywood zu immitieren. Er war immer da, solange ich denken kann. Auch wenn er nicht mehr spielen wollte, wir sind um einen großen Schauspieler ärmer.
Einen, der es schaffte die Schulhöfe und die Jugend auf ihnen über Jahre mitzuprägen. Wobei er das selbst wohl am meisten infrage stellte.

Mach`s gut Schimi.

Ein dufter Spaziergang

Schade, dass es kein Geruchsinternet gibt. Ich hätte euch gerne etwas Entspannendes mitgebracht.
Dafür gibt es schlechte mäßige Handyfotos (morgen nehm ich die Kamera mit …).
Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie das duftet. Kamillefelder in vergehendem Raps. Soweit das Auge reicht. Der Geruch von Meer, und um die Ecke Unmengen blühender Heckenrosen. Feuchte Luft dabei, die den Duft noch eindringlicher Macht. Klebrig schwer, aber wer Kamille mag (ich liebe sie), möchte sich hineinlegen und schlafen, so beruhigend wirkt diese Kombination aus Düften.

… bis die Wolken wieder lila sind

Lila waren sie gestern nicht, sondern gelb.
Oma mochte diese Art Himmel nicht. „Schwefelhimmel“, nannte sie ihn. So sah der Himmel im Krieg oft aus, wenn Brandgase in der Atmosphäre standen. Bei feuchter Witterung nicht höher kamen, und wie Nachwehen von vieler Menschen Leid alles in mahnendes Orange färbte.
Immer, wenn der Himmel gelb wird, muss ich an Oma denken. Damals ahnte ich nicht, was in ihr vorging, wenn ihr Gesicht steinernd wurde. Heute berührt mich jeder Schwefelhimmel auf unangenehme Weise.

Dieser Moment,

in dem du, den Blick auf den Bildschirm gerichtet und im Satz vertieft, blind die Haut von deinem Milchkaffee schlürfst, und merkst, dass der Knubbel darin eine Fliege ist …

Die spinnen, die Briten

Einerseits besorgt mich das Ergebnis des Referedums: Was nach Umfragen die Mehrheit sein sollte, war sie am Ende nicht. Die stillen Stimmen, die, die sich öffentlich nie äußerten, waren wohl die gefährlichen. Eben diese beunruhigen mich in Bezug auf die AfD und die rechte Ecke im Allgmeinen. Wenn selbst die Wettkönige sich so verhauen, und die Quoten waren wohl mehr als eindeutig, trau ich keiner Umfrage mehr.
Andererseits sinkt der Pfund rasant auf Rekordwerte – ich empfinde etwas Schadenfreude dabei – und ich frage mich, ob das den Briten nicht klar war?
Vorbei die Zeiten der Extrawürste.
Das UK stellt einen – soviel ist klar; man lässt kein Volk abstimmen, um dann zu sagen: „Mir doch egal, was die Mehrheit will“ – Scheidungsantrag. Den wird Schottland – in logischer Schlussfolge –  dann sicher auch stellen, sich wieder mal vom vereinigten Königreich trennen wollen und es diesmal auch tun, um sich später allein mit der EU zu vermählen. So wird aus Great Britain Small Inselanien. Dazu haben die Iren wohl (das hab ich noch nicht ganz verstanden) auch für den Verbleib gestimmt. Bye, Baby bye?

Ich verstehe nicht allzu viel von Europapolitik, aber ich kann, auf die Vergangenheit schielend, eins und eins zusammenrechnen, und manchmal frage ich mich, ob denken und vorab schlussfolgern tatsächlich eine so schwere Sache ist. Ich bin gespannt, was das gibt. Nicht morgen, aber in zwei, drei Jahren, wenn der Stempel auf dem Scheidungspapier getrocknet und das Ganze rechtskräftig ist. Wird Small Inselanien irgendwann später dann doch wieder an die Tür der Union klopfen? Wie schon damals, als den Unionsstaaten gutging, aber den Briten, die auf sich allein gestellt waren, nicht? Mit einer Lastwagenladung voll mit wunderbarster englischer Rosen bewaffnet, sehe ich sie vor meinem inneren Auge und höre die Worte: „Es tut mir leid, ich war in der Mitlifecrises! Ich hab dich doch lieb, nimmst du mich zurück; darf ich wieder einziehen?“.
Ich sehe auch Schotten. Viele, vor Genugtuung überquellende Schotten. Und einen Cameron, der aus Grambeugung in Siegerpose wächst.
Ich persönlich lebe gerne grenzenlos und finde die Möglichkeiten, die ein geeinigtes Europa allen Menschen in ihm bietet, schon ziemlich genial.  Aber, aber ... Nichts aber! Am Ende ist es mir wurscht, ob die EU uns Dinge aufdiktiert, die wir als unsinnig erachten, oder – ohne EU – der eigene Vater Staat ähnlichen Blödsinn …

Juni-Abriss

Gefahrene Kilometer: 2500irgendwas.
Ein Wochenende im Hafenhaus des Bruders verbracht, um abzubrechen und den blutpinkelnden Hund dem heimischen Tierarzt vorzuführen. Alles wieder gut.
Der alte Herr sagt immer: „Uckermark, so geil“. Ich also hin da. Uckermark. Allein der Name schon, und es ist wie es heißt. Platter und trostloser als Dithmarschen und Nordfriesland zusammen. Kann man hinfahren, muss man aber nicht.
Wenn ich also nicht hier bin, bin ich im  Auto.

Düt und dat

Ich will nicht von den großen Dramen wie Berlin oder Stuttgart reden. Aber seit fünf Jahren versucht (!) Rendsburg den Kanaltunnel auf einer Strecke von 650 Metern zu sanieren.
Ende nicht absehbar.
Das darf man keinem Schweizer erzählen. Die haben pro Jahr drei-komma-irgendwas Kilometer in den Gotthard gekloppt, vergleist, be- und entlüftet, verkabelt und was weiß ich nicht noch alles.
Vielleicht sollten wir darüber nachdenken von ihnen zu lernen. Da gäbe es einiges mehr als nur Straßenbau … beispielsweise – und das fand ich faszinierend als ich dort war – lebt man dort hauptsächlich – gesetzmäßig festgelegt meine ich – von regionalen Produkten, wodurch der ansässigen Landwirtschaft es weit besser geht, als der bei uns. Ich habe echt eine Abneigung gegen diese Geiz-ist-geil-Mentalität von uns Deutschen, und da ist es nicht so, dass ich nicht auf mein Geld achten müsste. Mitnichten.
Ich stand gestern im Supermarkt an der Kasse und haderte – als ich weniger zahlen musste als geglaubt – mit meinem Magen, der keine nicht entfettete Milch verträgt. Zu gerne würde ich industrialisierte Milchprodukte boykottieren! 0,42€ für den Liter Milch. Unfassbar! Wie kann man das aufhalten?
Ich hab mittlerweile meine Mühe mit Politik. Ne, heute gehts nicht um die AfD. Die demontieren sich suksessive selbst, da bin ich zuversichtlich. Deren verbalen Entgleisungen sind derart lächerlich, dass es mir schwerfällt zu glauben, dass irgendwer das längerfristig nicht durchschaut.
Aber der Trump. Ich kann mir nicht erklären, wie er nun wirklich zum Präsidentschaftskandidaten aufgestiegen ist. Was läuft da falsch? Und im Gegensatz zur Lage mit der AfD hat der keine so schlechten Chancen Präsi zu werden. Der haut da Bolzen raus, einer unsachlicher als der andere, dass man denkt, der könnte Mitglied bei der AfD sein.
Und dann die Sache mit dem nun so deklarierten Völkermord im Osmanischen Reich, und der Schelte der Türken für uns, mit dem Hinweis, dass wir selbst Dreck am stecken haben. Da gibt es nur einen Unterschied. Wir wissen es, geben es zu und haben – zumindest großteils – daraus gelernt, wogegen der Türke nichts gemacht haben will.
In der Türkei ist das gerade wie bei den Russen. Nein, bei uns ist kein Atomreaktor in die Luft geflogen. Oh doch, aber es ist nichts Schlimmes passiert … Das ist nicht unser abgesoffenes Atom-UBoot, keine Ahnung, warum da was in kyrillischer Schrift draufsteht. Wobei die AfD da dann wieder gut reinpasst. Was soll ich gesagt haben?
Manchmal komme ich mir verarscht vor. Son Büschen. Ich verstehe die Welt nicht wirklich.
Und bei uns in Deutschland so?
Ich bin gespannt, ob die schnelle Hilfe für die Flutopfer im Süden Deutschlands tatsächlich so unkompliziert vonstatten geht, wie versprochen. Das ist echt gruselig, was da passiert ist.
1500,-€ für Einzelpersonen, 5000,-€ für Familien sollten spontan und unbürokratisch ausgezahlt werden; und irgendein Politiker (ich bekam das nur am Rande aufdem Weg zur Arbeit mit) sagte wohl auch, dass man sogar die Häuser auf Kosten des Staates ersetzen wird, wenn die Versicherungen ausfallen. Ganz ohne dass ein Herr Schröder zur Wahl stünde und ohne großen Trommelwirbel.
Wenn das stimmt, mecker mir keiner mehr, wenn wir Auslandsnothilfe leisten, von wegen, uns hilft auch keiner. Wir sind die Reichen und können uns scheinbar doch auf unseren Staat verlassen. Auch wenn das die Allzeitjammerer gerne anders sehen.
Wie man merkt, der Kapitän hat mich wieder verlassen. Ich habe Zeit für andere Gedanken und zum Bloggen 😉

Noch mehr Vogelcontest

Wir haben Probleme in der Nachbarschaft.
So richtige Probleme. Herr und Frau S. interessieren sich heiß für das Innere des Hauses und gucken durch alle Fenster. Neulich erwischte ich sie sogar im Bad. Drinnen!
Und nicht nur da. Im Schlafzimmer waren sie und im Büro. Alles, wirklich alles haben sie mir zugeschissen. Und nicht nur das. Die Decke im Badezimmer war gesprenkelt.
Die beiden wollten doch tatsächlich auf dem Kopf dieses Regenduschendingens ein Nest bauen. Darauf klebte schon reichlich verspeichelte Erde.
Ich fing an mich selbst einzusperren und stellte die Fenster auf Kipp. Herr S. fand das unlustig und flog vor dem Badezimmerfenster Angriffe. Irgendwann stellte er fest, dass er auch durch das auf Kipp gestellte Fenster kommt. Der Nestbau im Bad ging weiter. Seitdem liegen überall zu Würsten gerollte Handtücher auf den oberen Schlitzen. An den Seiten kommen die Vögel nicht durch. Ich hatte gewonnen. Dachte ich.
Aber da hatte ich die Rechnung ohne Herrn und Frau S. gemacht. Denn nun haben sie in der Badezimmerfensterleibung gebaut, und die Fenster werden den Sommer über geschlossen bleiben müssen, respektive müssen diese Handtuchwürste bleiben. Und ich muss damit leben, dass Familie S. Ablenkangriffe fliegt, wenn ich unter dem Fenster vorbeigehe. Womit ich leben kann, nur der Hund ist immer recht irritiert.

Alte Bauernregel: Schwalbennester entfernen bringt Unglück ins Haus!