Archiv für den Monat Mai 2016

Serienjunkies

Bekennende. So genau weiß ich nicht mehr, was noch angeguckt werden muss.
Außer bei den Wichtigen, wie The Walking Death. Neulich schlief ich unter einem Acrylbild des Covers, der Neffe liebt sie ebenso, wie ich. Hab ich gut geschlafen!
Doof sind aber immer die Wartezeiten zwischen den einzelnen Staffeln. So ein Jahr kann lang sein, und ich muss mir manchmal selbst auf die Finger hauen, wenn ich, wie neulich beim Zappen, in einer Folge lande,  die ich nicht kenne. „Nicht gucken! Umschalten! Nein, auch nicht nur bis zur nächsten Werbung …“
Darum gucken wir mehrere Serien. So hat man im Schnitt alle zwei, drei Monate irgendeine Staffel zu bestellen.
Wie die neue und jetzt  endgültig letzte Staffel von Heros. Ich liebe diesen kleinen Japaner!
Breaking Bad ist auch durch, Misfits ebenso abgedreht. So schade!
How I Met Your Mother auch.
Dafür ist The Big Bang Therorie glücklicherweise eine Never ending Story. Ein Leben ohne Sheldan Cooper ist möglich aber recht öde. 
Kürzlich stolperte ich über The Fall und war gleich infiziert. Die wartet jetzt im Schrank darauf, dass wir 4400 durch geguckt haben. Da weiß ich noch nicht, was ich davon halten soll. Gute Story mit schlechter Besetzung.
Vorher gabs aber die neueste Games auf Throne. Echt jetzt mal, wieso lässt man John Schnee bitte sterben? Wäre ich reanimationstechnisch nicht rückversichert, könnte ich mir so was nicht ansehen. Ihr hättet mich mal erleben müssen, als Hershel „damals“ von seiner Tochter wiederbelebt wurde. Die Haare hab ich mir gerauft und bin zeternd umhergelaufen … Wehe irgendwer spoilert jetzt, ich muss mich da reinsteigern!
Und weil Medizinmänner jedweder Art eine Sauklaue haben müssen, damit Angehörige ja nichts entziffern können, wenn sie, wie ich es gerne tue, ihre Nase verbotenerweise in Krankenakten stecken, kann ich mit der Liste, die der Kapitän mir unter die Nase hielt, nichts anfangen.

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Irgendwer muss ja den Überblick behalten. Dafür kann ich, wenn ich deswegen angerufen werde, aus dem Stehgreif sagen, wo sich die Küchenschere befindet. Was auch immer noch rein will, das DVD-Fach muss umziehen. Das Volumen ist gecrasht.

Wenn einer eine Reise tut …

Eineinhalb Stunden im Stau gestanden. Harmlos sind die, die sich zwischendurch die Füße vertreten.

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Zum Mörder könnte ich aber werden, wenn ein Scherzkeks meint, er müsse Zeit gut machen, indem er über den Parkplatz rast, 100 Meter weiter vorne wieder einschert und hundert andere es ihm nachmachen. Liebe Autofahrer, das ist sinnentleert!

Zum Glück hat der Flieger noch mehr Verspätung als ich.

Ich war mal wieder …
Kloriositäten.

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Husum war gar nicht so un-in.
Und dann hab ich mich aufklären lassen, was ein Frappodingsbums ist. Saulecker, macht aber Hirnspasmen.

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Echt, echter, norddeutsch

Es gibt Menschen, die sind echter als andere. Unecht zu sein, heißt nicht zwangsläufig falsch, auch wenn ich gelernt habe, dass es bisweilen gemeinsam daherkommt.
Vielmehr ist es ein anerzogenes Dasmachtmannicht. Etwas, das dem Norddeutschen eher fremd ist.
Der Bruder beispielsweise ist echt. So richtig echt. So, wie ich früher auch war. Befragt man den Kapitän diesbezüglich, hat er Angst vor meinem auf der Zunge liegendem Herzen und wird denken: Na ja! Daran könnte sie aber noch etwas arbeiten. Was mich aber vom Bruder unterscheidet, ist die Tatsache, dass ich – heute – meine Worte bisweilen so verpacke, dass auch die Menschen, die südlich des Hamburgäquators geboren wurden, sie besser verstehen, ohne sich gleich getreten zu fühlen. Ich habe Diplomatie gelernt. Mäßig und auch gezwungenermaßen nur, aber immerhin. Und Mensch lernt ja nie aus. Diplomatie ist ein Fach ohne Klassenende.
Was ich an echten Menschen mag, ist, dass sie dir kein X für ein U vormachen. Keinerlei Bedürniss haben, das überhaupt zu versuchen. Da kriegt man dann auch mal ein „Leck mich am Arsch“ aber das sagt alles. Gerade wir Norddeutschen verstehen das als das, was es ist. Kein Bruch in der Beziehung, sondern die Ansage, dass es eine Auszeit braucht und man vielleicht kurz mal den Mund halten sollte.  Der Norddeutsche hat keine enger gesteckten Grenzen, er tut sie nur früher und präziser kund. Warum sich unnötig selbst stressen? Das Leben an der Küste ist hart genug. Klar, heute nicht mehr, aber das liegt halt in unseren Genen.
Es gibt da aber auch den Umkehrschluss. Wenn dich ein Norddeutscher in den Arm nimmt, ist das weitab von „weil man das so macht“ und Bussibussigeschiss. Dem Norddeutschen ist Anstand zwar nicht fremd, aber er nimmt ihn nicht allzu Ernst. Es bringt ihm nichts sein „Arschloch“ wortreich zu umschreiben, wenn es am Ende doch aufs Arschloch rausläuft. Und so ist seine Umarmung ebenso echt, wie alles andere an ihm. Es gibt wenige Menschen, die einen so echt in den Arm nehmen können, wie der Bruder. Das macht das eine oder andere unbedacht aus dem Mund gefallene Wort wieder wett.
Ich schätze diese Kleinigkeiten so sehr weil sie von Herzen kommen. Und Herz besitzt der Norddeuschte wie jeder andere auch. Es ist nur mit den wesentlicheren Dingen beschäftigt, statt sich darum zu scheren, was der Nachbar von ihm denken könnte. Wobei das selbstredent nicht für alle Norddeutschen gilt, und mir diese Echtheit bisweilen enorm auf den Geist geht, wenn Menschen sich so wenig im Griff haben, dass sie dich jede Laune spüren lassen und dadurch zum Energiefresser werden. Aber die sind zum Glück Ausnahmen, respektive habe ich einen integrierten Scanner, der mich rechtzeitig genug vor ihnen warnt, und mir Umleitungen an ihnen vorbei zeigt.
Zurück aber zu den Worten.
Nun bin ich eine Frau, und Frauen haben (sogar die Norddeutschen) erwiesenermaßen mehr Worte zur Verfügung als Männer. Der Kapitän rollt bisweilen mit den Augen und muss, wenn wir etwas zu besprechen hatten, erstmal zwei Wochen lang neue Worte sammeln. Ja. Männer im Allgemeinen, aber insbesondere den Norddeutschen betreffend, können zwar auch längere Gespräche führen, sind dann im wahrsten Sinne wortleer. Darum wundere ich mich auch immer, wenn ich die Bücher des Kapitäns lese. Woher nimmt er all die Worte dafür? Ein Buch hat ja doch wesentlich mehr, als ein man in ein einstündiges Gespräch packen könnte. Okay für ein Buch hat man mehr Zeit als für ein Gespräch und er ist eigentlich nur zugewandert, kein gebürtiger Norddeutscher. Das wäre auch ein Widerspruch in sich: Norddeutscher Autor. Aber er ist gut integriert. Das mit der Wortkargheit, die der Norddeutsche offen leben darf, läuft ihm gut rein, warum er Norddeutschland auch zu seiner Wahlheimat gemacht hat.
Der Bruder ist wie ich gebürtiger und da ist es noch etwas krasser. Wenn die Worte aus sind, sind sie aus. Ende. Aber für eine echte Umarmung zum Abschied, reicht es auch dann noch, wenn das letzte Wort vor Ladenschluss „Arschloch“ war. Es gibt nämlich eines, dass ich noch schrecklicher finde als unnötige und bisweilen unechte Worte: Unechte Umarmungen.

Sorry, aber einmal im Jahr muss der sein <3

Some days are diamonds
Some days are rocks
Some doors are open
Some roads are blocked

Sundowns are golden
Then fade away
And if I never do nothing
I`ll get you back some day, ‚cause

You got a heart so big
It could crush this town
And I can’t hold out forever
Even walls fall down

All around your island
There’s a barricade
That keeps out the danger
That holds in the pain

Sometimes you’re happy
Sometimes you cry
Half of me is ocean
Half of me is sky, but

You got a heart so big
It could crush this town
And I can’t hold out forever
Even walls fall down

Some things are over
Some things go on
Part of me you carry
Part of me is gone, but

You got a heart so big
It could crush this town
And I can’t hold out forever
Even walls fall down

[Walls – Tom Petty and the Heartbreaker]

„Nett“ ist nicht immer die kleine Schwester von ihr wisst schon wem

Ich schreibe gerne mal Rezensionen. Nicht hier, aber bei A. Ich finde es wichtig. Eigentlich nur bei Büchern aber. Insbesondere (gute) Selfbublisher leben davon, dass man auf sie aufmerksam wird. Dabei kann man helfen, und das tue ich gerne, wenn mich ihr Buch überzeugen konnte. Manchmal aber schreibe ich auch für andere Dinge eine Rezension. Wenn ich etwas besonders (!) gut oder doof finde. Und so passiert es seit einigen Jahren, dass ich immer wieder mal Angebote bekomme, ob ich dieses oder jenes Produkt testen wollen würde. Bisher wollte nicht. Ich will nichts (auch wenn es dann kostenlos ist) bestellen, das ich nicht brauche. Ballast. Ich mag keinen Ballast und keine Dinge testen, die ich normal nicht nutze.
Vor vier Tagen bekam ich wieder drei Anfragen. Nein, eine Hundetür brauche ich nicht. Auch eine Klimmzughilfe … vielleicht gar nicht dumm das, aber ich habe keine Klimmzugstange. Aber die Tonerpratrone, die kam wie gerufen! Die im Drucker ist bald leer.
Das Elend nahm seinen Lauf, und ich verneige mich vor dem Anbieter, der dem Deutschen nur mittelgut mächtig ist, aber mir Blondchen nach langem Hin und Her doch noch dazu verhalf, mit dem Code zu bezahlen, den er mir zuschickte.
Was ich eigentlich sagen will: Manchmal bekommt man sogar etwas zurück, wenn man sich die Zeit nimmt, Dinge zu beurteilen.

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Bin ich zu pingelich oder stört es euch auch, wenn sich in professionell verlegten und damit auch lektorierten Büchern Fehler finden lassen? War das schon immer so, oder sind mir Fehler früher einfach nicht aufgefallen und ich werde auf meine alten Tage stieselig? Ich hänge dann immer über drei Seiten hinweg an dem Fehler und muss diese drei, vier oder auch mal fünf Seiten noch mal lesen.
Sicher mache auch ich hier Fehler, aber ich habe a keinen Lektor/Korrektor hier und b ist mein Geschreibsel umsonst und kostet keine 16,99€. Als eBook. Die Druckversion kostet noch mal drei Euro mehr.
Besonders schade finde ich es, wenn ich einen Bestseller diesbezüglich bemängeln muss, wobei das Buch an sich grenzwertig genial ist.

Unterwegs

Kappeln hatte ein Alkoholverbot für gestern ausgesprochen. Ich fragte mich, in welchen Bereichen das galt. Nur auf den Straßen? Im eigenen Garten? Auf den Gastterassen? In den Kneipen? Gar in den eigenen Häusern? Man weiß es nicht genau. Der Mann im Radio sprach nur von einem Alkoholverbot.
Die ersten Bollermänner sah ich auch erst gute zwanzig Kilometer weiter. Hackenkackendicht (um 11Uhr) und eigenwillig gekleitet. Nackt, bis auf den pinkfarbenden Plüschbademänteln, und, wie ich hoffe, Unterhose. Auf den Köpfen trugen sie Burgerkingkronen.
Ansonsten sah man nur wenig „Väter“.
Ich war auf dem Weg nach Flensburg. Dabei hätte ich es besser wissen müssen. Trotzdem fragte ich google, ob irgendwo Flohmarkt war. Laut google ja. War aber nicht, und dabei ich dachte noch: „Na, ob das sein kann?“
Wenn man dann schon in Flensburg ist, und nicht mit leeren Händen heimkehren will, hat man es nicht weit bis nach Däneland. Und in Däneland gibt es was? Loppes. Haus- Scheunen- und Garagenflohmärkte. Wo die sind, weiß man als Auswertiger nur, wenn man auf entsprechende Aufsteller an den Straßen achtet und diesen folgt. Drei fand ich, drei Sachen hüpften ins Auto. Zwei Tassenregale aus den Sechzigern, die ich aus dem Auto raus winseln höre: „Streich uns“ und einen Regulator aus dem Jugendstil. Der bleiben darf, wie er ist – schließlich bin ich kein Kulturbanause – und er macht gerade, noch mit Spinnenweben verhangen, einen Testlauf. Ein angenehm dumpfes Ticken, und der Stundenschlag ist leise. Leicht blechernd dabei, aber schön klingt er und erinnert an die Stundenschlag der Turmuhr des Guts hinter uns. Der Hund ist jetzt zum dritten Mal in den Flur gehechtet, um die schlagende Uhr anzukleffen. Bis zum Abend sollte er sich dran gewöhnt haben.

Apropos Hund. Ich kriege schlechte Laune, wenn ich zum Strand gehe, und den Hund anleinen muss. Zu dieser Jahreszeit kommen wir nicht bis an Wasser, außer wir halten uns auf dem Hundestrand auf, und laufen dort im Kreis. Was sogar dem Hund zu doof ist.
Was nun nicht der Grund ist, warum ich meinen Hund anleinen musste. Sondern die anderen Hundehalter, die Großhunde unbeaufsichtigt laufen lassen. Die Dänische Dogge war freundlich. Aber wenn 80-90 Kilo auf einen 5,2 Kilohund zulaufen, ungebremst, bekommt die Fußhupe Panik und wird hysterisch. Irgendwann kam dann ein Mensch, männlich, um die 1,60 groß, mit Wohlstandsbäuchlein – woraus ich schließe, er muss dasselbe wiegen, wie sein Hund – und brüllt: „Der tut nichts, der will nur spielen“, worauf ich zurückbrüllte (ich hab dann immer Marin Rütter im Innenohr sitzen): „Meiner aber!“ Leider beeindruckt das weder Dogge noch Doggenhalter. Manchmal behaupte ich auch, dass mein Hund Flöhe hat. Danke Herr Rütter, das zieht immer.
Schlimmer aber sind meine Lielingsfreunde. Die Touristen. Ich weiß, ihr könnt es nicht mehr lesen, aber ich muss das auch aushalten. Dazu möchte ich gerne begreifen können, wie man im Urlaub so schlechte Laune haben kann. Das ist mir fremd. Das ist für mich nicht zu verstehen.
Wir gingen auf dem Reitweg spazieren. Ein schmaler Trampelpfad zwischen Strand und Wiesen. Hinter uns klingelten Fahrradfaher. Ich rief den Hund, der inzwischen frei lief, ran und ließ ihn absitzen. Die Fahrradfahrer dachten nicht daran, ihr Tempo zu drosseln, aber egal, der Hund saß rechtzeitig bei Fuß und wurde nicht überrollt. Die rüstigen Rentner rauschten, mich mürrisch ansehend, an uns vorbei.
Ich flötete ihnen lächend hinterher: „Bitte schön, gern geschehen und Ihnen auch einen schönen Tag noch!“
Umdrehen tut sich daraufhin jeder (schlechtgelaunten Touristen freundlich hinterzuflöten gehört sommers zu meinen Hobbies), aber glaubt man nicht, dass die merken, wie arschig sie sich verhalten.
Da lobe ich mir die Däneländer, denen man allzeit anmerkt, dass sie mit Recht als glücklichstes Volk der Welt bezeichnet werden. Die sind immer freundlich, und ich liebe es, wenn Däneländer deutsch sprechen.
Erwähnte ich schon, dass ich mich gerne von ihnen annektieren lassen würde?

Nicht gesucht und doch gefunden

Ich habe etwas Bestimmtes gesucht und etwas Anderes gefunden. Wie das so ist. Und weil ich sie so sehr mag, las ich sie, und fand, ich müsste sie überarbeiten. Die Geschichte vom Flaschengeist.

Es war ein doofer Tag. Ein richtig saublöder Tag sogar. Eigentlich hätte er schön werden sollen. Schließlich war es Idas vierzehnter Geburtstag, aber der endete in Tränen. Nicht, dass Ida keine Geschenke bekommen hätte. Der Esstisch war schön hergerichtet gewesen, als sie am Morgen aufgestanden war, und runterging. Liebevoll verpackte Geschenke, ein Geburtstagskuchen mit vierzehn Kerzen, ein Strauß Sonnenblumen, Mutti und Vati standen mit ihrer Schwester um den Tisch herum und sangen ihr strahlend ein: „Wie schön, dass du geboren bist …“
Ida war bescheiden, immer mit dem zufrieden, was sie bekam und freute sich über alles, was von Herzen kam.
Alles war gut. Bis zum Nachmittag. Idas Freundin Clara lag, um ein Paar Mandeln ärmer, im Krankenhaus, ihre Cousine war mit ihren Eltern auf irgendeiner spanischen Insel, und die Mitschüler, die sie eingeladen hatte, waren nicht gekommen.
Als absehbar war, dass auch keiner mehr kommen würde, schnappte Mutti den Autoschlüssel, warf ihn Vati zu und bestimmte: „Wir fahren zum Strand!“
Alle Aufmunterungsversuche scheiterten. Idas kleine Schwester war es, die eine alte Flasche fand. Überschwänglich lief die Kleine zu ihr: „Heute ist dein Geburtstagsglückstag! Eine Flaschenpost nur für dich!“ Ida versuchte zu lächeln und steckte die dunkelgrüne Flasche unbesehen in ihren Rucksack. Matilda konnte schließlich nichts für diesen Tag, der alles war, nur nicht glücklich. Auch der Kinofilm, in den Ida von ihrer Familie geschleppt wurde, hob ihre Laune nicht.
Am Abend saß Ida auf ihrem Bett und haderte mit sich und der Welt, als sie eine leise Stimme  hörte: „Ist ja gut, Djinni. Beruhige dich, es wird schon … Gemach, gemach!“ Lauschend sah Ida zur Seite, verharrte einen Moment und sah dann wieder nach vorne. Die Stimme blieb und die Geräusche schienen aus der gefundenen Flasche zu kommen, die sie in ihren Händen drehte. Erschreckt ließ sie die Flasche fallen: „Was ist das?!“. In der Flasche rumorte es: „Autsch!“ Ida hob die bauchige Flasche vorsichtig mit Daumen und Zeigefinger ihrer rechten Hand auf, ging ans Fenster und hielt sie umständlich ins Licht. Egal, wie sie die Flasche hielt und drehte, da war nichts, was sie hätte erkennen können. Das Grün war zu dunkel und die Oberfläche des Glases zu zerkratzt.

Ida setzte sich wieder und stellte die Flasche vor sich auf den Tisch.
Da war sie wieder, diese Stimme. Ein langes Stöhnen folgte. Ida kniete sich vor den Tisch, stützte ihre Hände darauf, beugte sich vor und legte ihr Ohr an die Flasche. Die Stimme kam tatsächlich aus deren Inneren: „Danke, das war der Steiß!“
Der Tag war hinüber und konnte nicht viel schlimmer werden. Ängstlich aber doch entschlossen griff sie zum Korken, der die Flasche verschloss, und zog ihn heraus. Es zischte kurz; ein Geräusch, wie ein weichendes Vakuum. Grüner Nebel stieg auf. Unwirklich grün leuchtender Nebel, der begann sich zu formen und Gestalt anzunehmen. Ida erstarrte und hielt den Atem an. Mit offenem Mund folgte ihr Blick dem Nebel bis unter die Decke. „Das passiert gerade nicht, ich muss träumen. Ganz sicher, ich schlafe und träume!“ Gedanken schwirrten durch ihren Kopf, stolperten übereinander und hinderten sich gegenseitig daran, klar werden zu können. Ida kniff sich selbst: „So was gibt’s nur im Fernsehen.“.

Den Nebel interessierten Idas Gedanken nicht. Er schien sich zu schütteln, während er einen Leib, Arme, Beine und einen Kopf bekam. Einen Kopf mit einer Nase, groß und rund wie eine Kartoffel. Vor ihr, in der Luft schwebend, saß jetzt ein kleiner dicker und sonderbar bekleideter Mann. An seinen Füßen Schuhe, deren Enden sich spitz und lang nach oben bogen, und er trug ein weißes Kleid, oder war es ein Nachthemd? Irgendetwas Langes in Weiß. Schmutziges Weiß. Idas Mund stand noch immer offen und sie glaubte weiter nicht zu sehen, was ihre Augen ihr bestimmt nur vortäuschen wollten. Ganz, ganz sicher war sie in einem Traum und so konnte auch die Stimme, die jetzt deutlicher zu sprechen begann, nicht real sein: „Ooaaahhrrr… Tut das gut!“ Der Flaschengeist reckte sich bei diesen Worten und sagte weiter: „Ich danke dir, du liebes Menschenkind. Dreihundert Jahre in dieser viel zu kleinen Flasche tun meinen alten Knochen nicht gut. Ich werde langsam wirklich zu alt für den Dienst.“
Idas Unterkiefer sank tiefer und tiefer.
Der Kerl aus der Flasche schien zu ahnen, dass sich das nicht so schnell ändern würde, erwartete kein „Bitte, gerne“ und redete weiter: „Dafür, dass du mich befreit hast, hast du drei Wünsche frei. Aber Obacht! Deine Wünsche sollten wohl überlegt sein und damit du ein wenig Zeit zum Nachdenken hast und du dir nichts Dummes wünscht, werde ich dir jeden Tag nur einen erfüllen. Einen morgen, einen übermorgen und den Letzten in drei Tagen.“
„La la lalala …“ Kopfschüttelnd hielt Ida sich die Ohren zu und sang spöttisch vor sich hin: „Es gibt dich nicht, es gibt dich nicht!“ Matilda machte das immer, wenn ihr etwas unheimlich war, und schloss dabei die Augen. Ida war eigentlich zu alt für so ein kindisches Verhalten, aber bitte: Ein Flaschengeist? Ida schloss ihre Augen, und als sie sie nach einigen Minuten wieder öffnete, war der Geist weg. Die Flasche stand noch auf dem kleinen Holztisch. Der Korken lag daneben.

Ida lag auf ihrem Bett und kicherte hysterisch. „Jetzt werde ich verrückt!“ Der Himmel vor ihrem Fenster brannte dunkelrot, die Sonne war hinter den Dächern verschwunden.
„Sollte ich nicht verrückt werden, ist das so verrückt, dass ich es keinem erzählen kann, ohne für verrückt gehalten zu werden!“
Die Nacht war lang. Ida hatte, statt zu schlafen, überlegt, was das war. Ob es an ihr lag. Ob sie zum Arzt gehen, oder Mutti fragen sollte, ob es da in ihrer Familie Veranlagungen gibt, von denen sie wissen sollte. Als der Morgen dämmerte, lag Ida auf ihrer rechten Seite und starrte auf die Flasche. „Was aber …“, Ida redete laut mit sich selbst, „was ist, wenn das wirklich passiert ist? Man wird doch nicht mir nichts dir nichts verrückt und sieht Dinge, die es nicht gibt.“
Ida nahm die Flasche, sah in die Öffnung aber da war nichts außer grüner Dunkelheit. Sie machte einen Deal mit sich selbst. Sie würde abwarten was passiert. Einen Tag, vielleicht auch zwei. Was wusste denn sie davon, ob und wie pünklich Falschengeister sind. Sollte an Tag drei kein Flaschengeist aufgetaucht sein, würde sie Mutti auf etwaige Veranlagungen ansprechen. Idas Lider wurden schwer und sie schlief ein.

Die Sonne blendete Ida, als sie die Augen wieder aufschlug. Als sie gegen das Licht ansehen konnte, schwebte der Djinn vor ihr über dem Tisch.
„Scheiße aber auch!“
„Dir auch einen guten Morgen, Menschenkind.“
Ida konnte sich die Augen reiben, wie sie wollte. Es schwebte ein Flaschengeist mit einer grünen Aura in ihrem Zimmer. „Okay, das ist jetzt echt abgefahren. Aber für den Fall, dass du echt bist, und du scheinst krass echt zu sein, was gut ist, denn sonst wäre ich verrückt, habe ich mir letzte Nacht was überlegt.“
Der Djinn kratze sich am Kopf, wobei sein Turban verrutsche, und lächelte: „Ich höre!“
„Ich möchte bitte meine Ängste los und mutiger werden, einfach mal machen können!“
„Oh! Es tut mir leid, Angst kann ich dir nicht nehmen, denn wenn ich dir die nehme, dann bist du nicht mehr du und das kann ich nicht tun, denn wir müssen immer das sein, was wir eben sind“, antwortete der dicke Kerl.
Ida sah ihn an. Ihr Blick wanderte zum Boden, wieder hoch und blieb an der grünen Flasche auf dem Tisch haften. „Nicht? Aber Flaschengeister …“
„Nichts, was deine ursprüngliche Persönlichkeit angeht, kann ich ändern.“
„Dann möchte ich bitte meine Zweifel loswerden und nicht mehr über alles nachdenken müssen. Vom Grübeln bekomme ich immer Kopfweh und das mag ich nicht mehr.“
Die Stimme wurde etwas leiser, als sie Ida erneut enttäuschen musste: „Auch das kann ich dir leider nicht nehmen, denn wenn ich dir das nehme, dann bist du nicht mehr du und das kann ich nicht tun, denn wir müssen immer das sein, was wir eben sind.“
„Schade …“ Ida war geknickt. Das bittere Gefühl vom Vortag hatte sie eingeholt. Irgendwas von dem, was ihr wichtig war, müsste er doch ändern können. Sind Zweifel und Ängste denn erhaltenswert? Es dauerte einen Moment, bis sie sich traute, einen anderen Wunsch zu äußern: „Ich möchte nicht mehr so viele Gefühle haben, möchte sie bitte wenigstens verstecken können, denn wenn ich sie zeige, werde ich immer wieder verletzt.“
„Das geht leider auch nicht, denn wenn ich dir das nehme, dann bist du nicht mehr du und das kann ich nicht tun, denn wir müssen immer das sein, was wir eben sind.“, wiederholte die unwirkliche Gestalt, die ein bisschen so aussah wie das Michelinmännchen mit einem Badetuch in XXXL auf dem Kopf, zum dritten Mal und sagte weiter: “Auch wenn du es jetzt vielleicht nicht verstehen magst, du wirst Menschen treffen, die genau das Alles zu würdigen wissen und dich deiner Selbst wegen lieben, ohne dich zu enttäuschen. Kopf hoch kleines Mädchen, ich werde dir dafür etwas Anderes schenken! Ich werde dir Weisheit schenken, dass du zu erkennen weißt, was gut für dich ist und was nicht, und so wirst du lernen, mit deinen Ängsten, Zweifeln und Gefühlen, die nun einmal zu dir gehören, die dich ausmachen, umzugehen.“, sagte der Djinn und verschwand, wie er gekommen war – in grünem Nebel.

Ida ging in ihrem Zimmer auf und ab. Während sie vor sich hingrübelte, hatte sie noch die Worte des Djinns im Ohr: „Wir müssen immer das sein, was wir eben sind!“ Wenn das nur so einfach wäre… Ida fand das doof doof doof! Das Einzige, was gut zu sein schien: Sie war nicht verrückt. Immerhin!
Staub wirbelte auf, als Ida mit ihren Fersen fest in ihre Matratze trampelte. Sie hielt sich die Hände vors Gesicht, schüttelte den Kopf, grummelte, seufzte, stöhnte, aber jeder etwaige Wunsch, der ihr in den Sinn kam, würde bestimmt die schon dreimal bekommene Antwort nach sich ziehen.
Wie oft hat man wohl die Möglichkeit sich etwas wünschen zu dürfen? Und dann, wenn man sie bekommt, fällt einem nichts ein. „Heiliges Posaunenrohr!“, schimpfte sie in ihr Kissen. „Was? Was nur wünsche ich mir?“
Ein neues Handy? X-Box? Einen schnelleren PC? Ein Pferd? Eine Kuh? Ein Flugzeug? Einen eigenen Jahrmarkt? „Aaaaargh!“ All diese Dinge, schienen ihr nicht wichtig genug, um einen Wunsch zu daran verschwenden. Einen Bruder, dachte sie, könnte sie sich wünschen. Ein großer Bruder wäre toll! Aber wie sollte sie den ihren Eltern erklären können?
Ida fasste einen Entschluss. Sie wollte sich weiter wünschen, was ihr wichtig war!

Tags drauf, um genau dieselbe Uhrzeit, da sie vor zwei Tagen die Flasche entkorkte, hüllte sich ihr Zimmer in grünen Nebel. Dasselbe Bild wie am Tag zuvor. Ein sich scheinbar schüttelnder Nebel, der sich zu einem dickbäuchigen Fabelwesen heranwuchs: „Guten Tag, liebes Menschenkind! Wie versprochen bin ich wieder da und hoffe doch sehr, dass ich dir heute einen Wunsch wirklich erfüllen kann!“
Ida stampfte den rechten Fuß auf den Boden und schnaufte laut auf, so tief holte sie Luft, bevor sie anfing ihren Gedanken freien Lauf zu lassen:
„Erstens: Ida. Ich heiße Ida und nicht Menschenkind! Zweitens: Du bist spät dran heute! Und doch zu früh, als dass ich wüsste, woran ich einen Wunsch verschwenden sollte. Und drittens: Ich will weiterhin meine Ängste loswerden! Ich will auch meine Zweifel nicht mehr haben müssen und ich will ganz bestimmt keine Gefühle mehr haben. Bitte, ja? Was nützt mir alle Weisheit, wenn ich den Sinn dahinter nicht verstehen kann? Wenn ich doch weitergrübeln muss! Ich will endlich einmal tapfer und mutig genug sein. Ich will auch nicht mehr weinen müssen, weil man mir wehgetan hat. Nicht mehr traurig sein. Ich will nicht immer und immer wieder überlegen müssen, ob Dinge, die ich tue oder auch nicht tue, richtig sind. Das und nichts anderes wünsche ich mir noch immer! Ich möchte einmal nur in den Himmel lachen können und wissen, dass meine Überzeugung echt ist. Wissen, dass er mich wirklich nicht getroffen hat, der Tritt gegen mein Schienbein. Ja, und ich möchte …“
Den Moment, den Ida brauchte um luftzuholen, während ihre Tränen unaufhaltsam über ihr Gesicht rannen, nutzte der Djinn um sie zu unterbrechen: „Weine ruhig. Tränen sind heilsam aber lass mich auch kurz zu Wort kommen. Wenn ich es könnte, würde ich dir raten, dir zu wünschen, dass deine Zunge ein wenig langsamer wird. Die schlägt Purzelbäume beim Sprechen. Ich würde dir weiter raten, dass du dir etwas gegen deine Bockköpfigkeit und deine starrsinnige Beharrlichkeit wünschen solltest, aber das kann ich nicht. Derart Wünsche könnte ich dir genauso wenig erfüllen, wie deine gestrigen. Dein Dickkopf und deine Überschwänglichkeit gehören ebenso zu dir, wie deine Ängste, Zweifel und Gefühle. Sie machen dich aus, machen dich zu dem, was du bist: Du!“
Der Djinn sah Ida an. Ganz still saß sie da, in sich zusammen gesunken, ihr Gesicht verweint, und in ihren Augen konnte der Flaschengeist Unverständnis erkennen. Ida seufzte herzzerreißend auf, als die schwebende Gestalt ihr ein schon arg zerlebtes Stofftaschentuch reichte und wartete, bis sie zu Ende geschnäuzt hatte, ehe er weiter sprach: „Ich werde dir heute Vertrauen schenken, damit du erkennen lernst, dass es niemals so hoffnungslos ist, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Vertrauen in dich selbst, damit du siehst, wer du bist und was dich ausmacht und Vertrauen darein, dass es Menschen geben wird, die dich wollen, wie du bist. Denen es ein Bedürfnis ist, dir zuzuhören und dir nah zu sein. Menschen, die dir zur Seite zu stehen, die dich vielleicht mal zur rechten Zeit anstupsen, aber niemals verletzen werden.“
Wortlos sahen sie sich noch eine Weile an. Weiches Schweigen erfüllte den Raum. Schweigen, das von zartgrünen Nebelschwaden durchzogen wurde. Ohne weitere Worte war der Djinn wieder verschwunden.
Mutlos saß Ida auf ihrem Bett. Schwer wie Blei waren ihre Lider, ob der geweinten Tränen und der schlaflos vergangenen Nächte. Sie starrte Löcher in die Decke, bis sie in einen traumschweren Schlaf fiel.

Es war nicht mehr Nacht aber auch noch kein Morgen, als Ida langsam aufwachte. Wirr waren ihre Träume gewesen, an die sich zu erinnern versuchte, als sie zu sich kam.
Sie setzte sich in ihrem Bett auf. In ihrer Hand hielt sie noch immer das Taschentuch, das mindestens so lange nicht gewaschen wurde, wie der Flaschengeist in seiner gläsernen Behausung gefangen gewesen war. Ida ging nämlich nicht davon aus, dass dort Platz für eine Waschmaschine war. „Toll, dreihundert Jahre alter Dreck und ich wisch mir damit das Gesicht ab!“ Ihr Dickkopf regte sich. Ohne viel nachzudenken, beschloss sie, sich heute einfach gar nichts zu wünschen. Welchen Wert sollte es auch darstellen, sich etwas zu wünschen, das ohnehin nicht erfüllt werden kann? Andere Wünsche hatte sie einfach keine. „Nein, soll er mir doch wieder irgendetwas schenken“, bockte sie vor sich hin. Ihr war’s egal. War es ihr sicher nicht, aber so machte sie es sich selbst vor. Ida war Königin darin, sich selbst etwas vorzumachen und sich selbst bedeutungsloser zu sehen, als sie war.

Die Sonne hatte sich ganz aus der Nacht geschält. Ihre wärmenden Strahlen fielen durch das Fenster und ließen den in der Luft tanzenden Staub glitzern. Ungewaschen saß Ida auf ihrem Bett und wartete, dass sich ihr Zimmer grün verfärbte. Sie stopfte das Taschentuch in die Flaschengeistflasche. Sie nahm ein Buch aber konnte sich nicht konzentrieren. Sie spielte an ihrem Handy. Sie schaltete das Laptop ein und wieder aus. Sie lief auf und ab und wartete und wartete und wartete. Als Ida sich aufgerafft hatte duschen zu gehen und danach in ihr Zimmer zurückkam, schwebte der Djinn vor ihrem Bücherregal und studierte Buchrücken.
Ida begrüßte ihn wortlos mit vor der Brust verschränkten Armen und ließ sich auf ihr Bett fallen.
„Guten Morgen Mens… Ida! Ich hoffe, du hast dich ein etwas erholt von gestern, und dass es dir wieder besser geht“, hörte sie ihn sagen, schaute unbeteiligt und wartete auf die Frage nach ihrem letzten Wunsch, die aber nicht kam. Der Djinn sah ihr an der Nasenspitze an, was unter ihrem Blondschopf vor sich ging: „Wie ich sehe, ist dir weiterhin nichts eingefallen, das für dich wertvoll genug wäre, gewünscht zu werden?!“
Ida zuckte mit den Schultern und verzog dabei das sommersprossige Gesicht zu einer schiefen Schnute mit krauser Nase, die so verzogen nicht mehr ganz mittig saß und jetzt ein wenig Ähnlichkeit mit der Kartoffelnase ihres Gegenübers hatte.
Auch der Djinn zog die Schulter hoch: „Was machen wir nun?“ Ohne, dass er auf ihre Antwort wartete, sagte er weiter: „Du bist ein schwerer Fall! Sehr schwer, aber nicht hoffnungslos. Ich verrate dir, was ich dir heute schenken werde. Heute bekommst du von mir Zuversicht! Die Zuversicht, daran glauben zu können, dass alles gut werden wird. Die Zuversicht, immer an dich selbst zu glauben und weiter daran, dass nicht alle Menschen schlecht sind. Die Zuversicht, daran zu glauben, dass nach jeder Nacht ein neuer Morgen erwacht und dass um jedes Tal herum ein Berg sein muss. So wirst du erkennen, dass Licht die Dunkelheit braucht, um sein zu können.“
Umständlich entknotete der Djinn seine zum Schneidersitz verschränkten Beine, schwebte vom Regal weg über den Tisch und wartete auf eine Reaktion. Er erkannte schnell, dass da nichts kommen würde: „Irgendwann wirst du an mich zurückdenken und wissen, dass ich Recht hatte und du wirst die Dinge, die ich dir schenkte, zu schätzen wissen. Nicht heute und auch nicht morgen, aber der Tag wird kommen, an dem du erkennen wirst, wer du bist und wo im Leben du stehst!“
Heute wog das Schweigen schwer.
„Es wird für mich Zeit zu gehen.“
Ida sah ihn bittend an, als er schon dabei war, sich aufzulösen: „Jetzt, da du mir drei Wünsche erfüllt hast, die ich nie äußerte, fällt mir gerade doch noch einer ein …“
„Nur zu, ich höre!“ Der Djinn lächelte sein breitestes Lächeln.
„Ich wünsche mir nur eine Sache. Ich wünsche mir, dass du Recht behältst!“
Während Ida endlich einen eigenen erfüllbaren Wunsch äußerte, hatte der Djinn sich schon fast aufgelöst. Wie von weit weg hörte sie ihn sagen: „So soll es sein!“

Und die Moral von der Geschicht’?
Erkennst du sie denn nicht?
Ich bin ich, bin ich, bin ich!

 

Wenn es reicht, reicht es auch

Manchmal zumindest.
Gestern war ich in der Landeshauptstadt. An jedem ersten Sonntag im Monat ist dort von April bis Oktober Flohmarkt. Schon immer. Na ja, zumindest so lange, wie ich zurückdenken kann. Anfänglich nur auf dem Rathausmarkt, heute zieht sich das quer von der Ostseehalle durch die Innenstadt zum Rathausmarkt hin, auf dem nur noch wenig los ist. Im Gegensatz zu früher. Dafür kann man in der Stadt kaum noch treten vor Menschen. Geschweigedenn an die Tische kommen, um das Angebot zu sondieren. Ich bin da generell fix. Adlerauge, das sich schnell einen Überblick verschafft. Was mit mir nach Hause will, springt mich meist sofort an, ohne, dass ich groß danach suchen muss.
Gestern war ich genervt von all den Menschen. Menschen mit Kinderwagen, die anderen damit in die Rücken schoben. Menschen mit Hunden. Hunde, die wie ich total überfordert waren.
Das Angebot selbst war, was ich erkennen konnte, eher mau. Eigentlich hätte ich fahren mögen, aber da ich um 15Uhr in Stadtnähe zum Essen eingeladen, und es bis dahin noch zwei Stunden dauerte, gab es wenig Alternativen, außer, mich kurz auszuklinken, Dänisches Softeis mit echter Lakritze zu kaufen, und auf der Mauer sitzend die Hektik an mir vorbeiziehen zu lassen. Dänisches Softeis mit echter Lakritze hebt meine Laune immer.
Als ich später gen Auto gehen wollte, einmal zurück durch das ganze Chaos, hatte sich selbiges etwas gelichtet. Das Angebot war großteils wirklich traurig, und ich fragte mich, was Menschen dazu bewegt, Dinge anzubieten, die ich im Müll entsorgen würde. Würde sich derlei bei mir ansammeln, was es nicht tut. Dann sah ich in die Gesichter hinter den Tischen und stellte fest, wie verlebt einige davon waren. Es ist wohl aus Not geboren, und mir wurde flau im Magen. Ihre Tische waren voll, und nicht nur ich interessierte mich nicht für ihr Angebot. Ich meine, das hat man ja immer mal. An Ständen mit Elektro oder Angelkram gehe ich auch stur vorbei. Aber da bleiben halt andere stehen und kaufen. Ich musste das flaue Gefühl abschütteln, und hoffte auf ein Erfolgserlebnis. Es ist frustrierend für mich, stundenlag über Flohmärkte zu laufen, und mit ganz leeren Händen gehen zu müssen.
Manchmal aber ist es gut, die Hände frei zu haben. Spätestens dann, wenn man an einem Stand vorbeiläuft, hört, wie eine Frau nach dem Preis für „den Spiegel da“  fragt, der Verkäufer mit „Fünfzehn Euro“ antwortet, der Frau der Preis zu hoch ist und sie pikiert abzieht. Der Spiegel stand so ungünstig, dass man ihn kaum sah. Ich wäre dran vorbeigelaufen. Hätte ich das Wort „Spiegel“ nicht aufgeschnappt. Spiegel gehen immer. Nach Spiegeln sollte man Ausschau halten, wenn man vernimmt, dass irgendwo einer stehen soll. Ich sah ihn und zückte mein Portemonnaie. Ein traumschöner Jugendstilspiegel, der ein Vielfaches mehr Wert ist, als der geforderte Kaufpreis. Ich schäme mich immer wieder, wenn ich solche Schnäppchen mache. Das Wissen, dass er viel wertvoller und teurer ist, ist mir peinlich. Geiz ist geil, ist nichts, womit ich umgehen kann. Ich handle nie auf Teufel komm heraus. Wenn ich mir etwas nicht leisten kann, ist es eben so.
Trotzdem zog ich mit dem monsterschweren Teil aus Stuck, Kupferlegierung und Kristallglas davon. Ich kam keine zehn Meter weit, als mir der Erste den Spiegel abkaufen wollte.
Dann kam ein Zweiter, ein Dritter, und ein Vierter. „Nein, den geb ich nicht her.“
Ich hatte schnell das Gefühl stehend Gras pflücken zu können, und stellte den Spiegel kurz ab, um meine Arme auszuschütteln. Ein Antikhändler kam hinter seinem Stand vor: „Wat haste dafür gegeben?“ Ich nannte den Preis und er antwortete: „Mist, den hab ich offensichtlich übersehen.“ Tja, er und viele andere auch. Einschließlich mir, ich hörte den Spiegel ja nur.
Sicher hätte ich den Spiegel abgeben können, und Gewinn machen damit. Schließlich wohnen viele seiner Brüder und Schwestern schon bei mir. Wollte ich aber nicht, denn wie gesagt: Alte Spiegel gehen immer. Wie auch alte Rahmen und alte Kerzenständer immer gehen. Naja. Wer mich kennt, weiß, dass Altes generell immer geht. Schlimm wird es bei Stühlen. Stühle sind böse. Sie verfolgen mich, und ich hab am Ende des Sommers keinen Platz mehr. Da bin ich maßlos, und der Kontrollverlust ist groß.
Beweismittel A: Ich bekenne mich schuldig.

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Meine gesamtes Mobiliar hat nicht mehr als Tausend Euro gekostet. Vieles ist vom Sperrmüll. Ich mochte immer genau das, was andere nicht mehr wollten. Das Durchschittsalter meiner Möbel beträgt einhundertzwanzig Jahre plus. Früher hat man mich dafür belächelt. Heute ist mein Wohnstil quasi en vogue.
Shabby chic nennt man das heute. Ich war der Zeit da um ein Vierteljahrhundert voraus. Mit dem Unterschied, dass das, was heute als shabby angeboten wird, gerne industriell gefertigte und auf alt getrimmt Möbel aus dem Möbelhaus sind, und für teuer Geld verkauft werden. Keine Ahnung, warum Menschen so etwas kaufen, wo es doch immer noch überall so schöne Sperrmüllhaufen gibt.
Für mich war diese Art zu leben immer mehr. Eine Lebenseinstellung. Weg von der Wegwerfgesellschaft wollte ich. „Du machst aus Scheiße Bonbons“, sagte meine Mutter früher immer. Was keine Zauberei ist. Das kann jeder, der ein wenig Phantasie und das richtige Auge hat. Es ist eine Leidenschaft. Der Kapitän nennt es mein größtes Talent.
Ich mag in meinem „alten Scheiß“ sitzen und die Ruhe genießen, die dieser ausstrahlt. Schließe ich die Haustür hinter mir, bin ich in einem anderen Jahrhundert, und es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht frage, was die Möbel und Gebrauchsgegenstände wohl alles zu erzählen hätten, könnten sie reden. Jede Delle im Holz wirft Fragen auf, jede Beule im Metall zeugt von Erlebnissen.
Es reizt mich anhaltend, und so werde ich auch das nächste Vierteljahrhundert an keinem Sperrmüllhaufen, Floh- oder Trödelmarkt vorbeikommen. Nur den Kieler Stadtflohmarkt, den werde ich absehbar meiden. Spiegelschnäppchen hin oder her. Ich werde zu alt für das Geschiebe.