Archiv für den Monat April 2016

Raus aus meinem Kopf!

Mal wieder – Auslöser sind diesmal die Wahlen im Ösiland, die ja nicht erst seit Kurzem Zeitgenossen hervorbringen, die meinen, sie seien Mittelpunkt der ultimativen Rasse – mache ich mir Gedanken über den allgemeinen Rechtsruck in Europa, und wie so etwas möglich ist.
Das ist absurd. Einerseits greift der um sich, andererseits aber dürften wir Deutschen ratzfatz im Fokus der Welt stehen, sollten Rechtsextremisten (für mich ist die AfD das ohne Wenn und Aber) bei uns an Macht gewinnen. Die Welt lässt kein zweites Mal zu, dass „wir“ eskalieren. Der Russe haut uns schneller auf den Kopf, als wir das Wort Umdenken auch nur denken könnten. Hand in Hand mit dem Ami. Darauf verwette ich meinen Arsch. Sollte der dann noch was Wert sein …
Man mag kotzen. Ich mag kotzen. Im Kreis, im Quadrat, oder einfach nur an die Wand. Was auch meinem Fernsehkonsum geschuldet ist. Ich habe mir heute auf Phoenix den AfD-Parteitag angesehen. Was war ich doch tapfer!
Was, und man möge mir verzeihen, dass ich nicht anders kann, als die Worte heute beim Namen zu nennen, für eine saublöde und affektierte Kuh ist diese Petry? Ich könnte glatt meine sonst so sichere Fassung verlieren.
Ich versuche das mal zusammenzufassen.
Zugeschaltet hab ich bei: Die AfD sieht sich als liberale Partei. Sagte die Dame. Ich wäre fast hintenüber gefallen und mein Finger zuckte auf der Fernbedienung. Übelkeit hin oder her, ich wollte es wissen, live hören, ehe man wieder aus zweiter Hand bombadiert wird, und einer den Anderen Lügen straft. Frau Petry freute sich über den Rechtsruck (den sie anders nannte, ich komme gerade nicht drauf …) in Österreich, und hoffte, dass das Beispiel bei uns Schule macht.
Das Gewaltmonopol soll beim Staat bleiben und sie verspricht unseren „Gesetzeshütern“, ihnen den Rücken freizuhalten. Leidtragene eines irregeleiteten Staates ist nämlich die Polizei.
Sie „bat“ (verlangte … Bitten im Imperativ sind de fakto keine Bitten.) die Presse umzudenken und der AfD auf Augenhöhe, und auf einer menschlich (!) fairen (!) Ebene zu begegnen. Nachtragend erklärte sie in einem Interview, was sie damit meinte. „Dass man uns nicht immer Worte in den Mund legt, und falsch schlussfolgert, was dazu führt, dass wir gar nicht anders können, als uns zu verteitigen und somit in Interviews an Sachlickeit verlieren.“ What the fuck?! Nur mal so: Das macht die Presse generell. Beispielsweise uns Angie lächelt sowas entgleisungsfrei weg. Wobei ich nicht sehe, was die Presse aus dem Gesagten machen sollte. Es ist kacke. Wer den heutigen Parteitag verfolge, braucht keine „Lügenpresse“, um zu erkennen, was für ein Haufen Idioten da sitzt und sich gegenseitig beklatscht. Okay, sich gegenseitig beklatschen tun die anderen Parteien auch … Trotzdem. Btw: Die anderen Parteien sind (!) nur neidisch auf Frau Petrys Erfolg und statt sich um die eigenen Wahlprogramme zu kümmern, sind die 24/7 ausschließlich damit beschäftigt auszubaldowern, wie sie der AfD schaden könnten. Sagte Frau Petry.
Die AfD hat übrigens beschlossen, einen Kanditaten für die Wahl des Bundespräsidenten zu stellen. Ahäm. Zumindest in der nächsten Periode ist die Gefahr, dass sich da ein Unheil raufbeschwören könnte, noch recht klein.
Die AfD ist natürlich (!) nicht (!) dafür, dass alle Ausländer das Land zu verlassen haben. Die gut Integrierten, die ihren Glauben still für sich in ihrem Zuhause (interpretiere nur ich da Kopftuchverbot hinein?) leben, die dürften bleiben. Das war damals (und die AfD gibt es ja erst knappe drei Jahre, wovon man sie zumindest das erste Jahr nicht ernsthaft als Gefahr ansah) anfänglich auch so, ehe man begann, alle, die nicht nach Hitolf Adlers Oberlippenbart waren, zu vergasen. Egal ob Juden, Zeugen Jehovas oder sonstwie Andersgläubige. Ich will der AfD nun nichts unterstellen, aber wenn ich mir diese Vergleiche ansehe/höre … Ey, so weit her hole ich meine Befürchtungen nicht. Und wie ich eingangs schrieb, verliere ich gerade die Fassung. Man möge es mir also nachsehen. Unsachlichkeit passiert schließlich auch dem besten AfDler, wenn er nicht weiter weiß.
Die AfD sei lediglich, hieß es weiter, eine konservative (später auch bezeichnet als) prodeutsche Partei (Ich dachte liberal? Was sich, legt man das Programm zugrunde, beißt, denn „frei“ ist anders …), die dafür sorgen würde, dass die Manipulation, unter der das Deutsche Volk zu leiden habe, beendet werden würde. Der Deutsche solle unter der AfD einen gesunden Patriotismus leben lernen. Die Erklärung, was gesund sei, war: Ungesund sei Nationalismus. Das sei die AfD nicht. Ich Dummerchen, ich.
Wir Deutschen seien unterjocht.
Ach so, und der Austritt Deutschlands aus dem Euro ist bei/für der/die AfD beschlossene Sache. Als ob die D-Markt (sooft ich sie zurückwünschte anfänglich) uns heute, 15 Jahre nach dem Euro, noch wieder stärker machen würde? Man möge sich nun vorstellen, wie ich darüber nachdenkend, mein Kinn auf Daumen und Zeigefinger abgestützt, den rechten Ellenbogen dabei in der linken Handfläche liegend, in die obere rechte Raumecke schaue.
Geil war auch Petrys Einwurf, dass sie vor einigen Tagen etwas ganz ganz ganz Tolles erlebt habe. Ihr Rechtschreibprogramm habe das englische Wort Age automatisch gegen AfD austauschen wollen. Und das, wo das (ich zitiere) Age der AfD doch noch so jung ist. Das fand sie richtig gut. Zufrieden aber sei sie erst, wenn eben dieses Programm das Kürzel ARD gegen AfD tauschen wird wollen. Ei, was hat sie sich gefreut! Kopf->Tisch->Kopf->Wand!
Apropos Fernsehen. Die GEZ und mit ihr die öffentlich rechtlichen Sender sollen abgeschafft werden. Klar. Doofdeutsche brauchen privatliberal konservatives Fernsehen. Eine naheliegende Mutmaßung meinerseits wäre aber auch staatlich kontrolliertes Fernsehen.
Ich sehe vor meinem inneren Auge Frauen, die am Herd stehen, und darauf warten, dass der Gemahl von der Arbeit kommt (wie auch immer das gehen soll. Mit einem einzigen Verdienst auszukommen, ist heute – in der sogenannten Mittelschicht, die es nicht mehr wirklich gibt – nahezu utopisch), während das Kind eben aus dem – nach dem Nazi Steiner konzipierten – Kindergarten (oh, jetzt oute ich mich aber …) gekommen ist und nun am Tisch sitzend bunte Bilder von Frau Petry malt. Im Fernsehen laufen nebenher Bilder, die – wie auch immer – deutsch sind. Strike. Überzogen. Einstweilen zumindest, aber manchmal worstcase ich gern etwas. Außerdem hatten wir es genau so schon mal.
Wobei anzunehmen ist, dass die AfD dann sicher was in petto hat, was das Thema Journalismus angeht. Mit der Pressefreiheit hat die gute Frau Petry es ja nicht wirklich.
Noch mehr Platz für Werbung wird es geben, denn die AfD ist was? Eine Wirtschaftspartei, denen im Grunde egal ist, was „der kleine Mann“ hat oder nicht. Ich überlege noch, was die AfD mit den Geldern vorhaben könnte, die sie als Führungspartei sparen würden, weil es kein Sozialsystem mehr geben wird, wie wir es kennen. Sozialleistungen wird es nicht mehr geben. Was immerhin darauf hoffen lässt, dass die AfD keine einzige Legistaturperiode überstehen könnte. Damit sägen sie schließlich am Ast, auf dem sie sitzen.
Arbeit für alle gab es nie und wird es nie geben.
Schön ist auch Frau Petrys Bescheidenheit, wie sie sich bei ihren Parteimitgliedern bedankte, und meinte: „Ich brauche euch und freue mich, dass ihr hinter mir steht. Aber ihr braucht mich als Leitperson der Partei ebenso.“
Die Grenzen Deutschlands sollen gewahrt und verteidigt werden. Was auch immer das heißt. Ich überlege schon mal prophylaktisch mich als Einzelperson von den Däneländern annektieren zu lassen.

Edit: Statt eines Kommentars hat der Kapitän mir diesen Link geschickt.
Vor dem Standing des Herrn Petry kann ich mich nur verneigen.

Finde den Fehler

Als ich gestern die Ladentür hinter mir abschloss, hing mein Magen in den Knien. Die Aussicht auf eine Stulle (wobei ich zu den Menschen gehöre, die ohne Brot nicht leben wollen), oder den Herd noch anwerfen zu müssen (was mich generell nicht stört), war wenig verlockend. Der Arbeitstag war nervig genug gewesen. Ich machte also einen Umweg zum Dönerladen um die Ecke. Wenn schon Fastfood, dann Dürüm. Das Zeug hat ob des Grünszeugs wenigstens den Anschein nahrhaft zu sein.
Der Laden war recht voll. Neben mir warteten Mutter und Sohn auf ihre Bestellung. Die augenscheinlich etwas auf sich warten ließ, weil die Menschen im Gastraum vor ihnen dran waren. Mutter (um die 100kg schwer) daddelte am Geldspielautomaten – etwas, das mir eine völlig fremde Welt ist – und Sohnemann (sicher 150-160kg auf den Hüften) trat von einem Bein aufs andere.
Ich bin kein Mensch, der andere ob ihres Gewichtes (oder der Hautfarbe, oder ihrer sexuellen Orientiertung oder sonstwas) diskriminiert, das wären auch aus dem Glashaus geworfene Steine ;-), aber das, was dann kam, berührte mich schon peinlich.
Sohn, zum Dönermann, der gerade große Portionen Pommes für vier Pommdöner und zwei Dönerteller in sechs Kunststoffboxen verteilte: „Dauert dat noch lange?“
Dönermann: „Ich bin jetzt bei eurer Bestellung.“
Mutter: „Mach auf alles doppelt Hollandaise drübber.“
Sohn: „… und mach hinne, The Biggest Loser fängt an.“

Frauen im Baumarkt

Ich war im Baumarkt. Mitarbeiter Nummer Eins, männlich, lief quasi vor mir oder meiner Frage weg. Mitarbeiter Zwei, auch männlich und um die zwei Meter irgendwas hoch, entkam mir nicht.
„Haben Sie keine Stemmhammer?“ fragte ich, nachdem ich beim besten Willen keine finden konnte.
Hatte er nicht, könne er aber bestellen, wenn wir zusammen einen in der Liste finden, den ich haben wollen würde. Fand ich doof, denn dann hätte ich ja gleich einen im Internet bestellen können. Ich wies beidhändig an mir runter gestikulierend auf meine reduzierte Körpergröße hin, und dass ich das Gerät gerne handhaben würde vor dem Kauf und dabei auch gerne zwischen einer zumindest kleinen Auswahl würde wählen wollen. Dabei zeigte ich noch mal auf meine nicht vorhandene Größe und meinte, dass ich den Hammer ja auch heben können muss. Da gibt es gerade im Gewicht immense Unterschiede.
Das kitzelte den Scherzkeks aus Mitarbeiter zwei raus. „Tjaha“, sprach er, mich dabei abschätzig taxierend, „das ist schon ein anspruchsvolles Gerät.“
Am liebsten hätte ich mir eine Leiter geholt, um ihm an den Kragen gehen zu können, und ein paar Takte reinzudrücken. Ich hätte ihm von meiner durchaus mehr als gut ausgestatteten Werkstatt erzählt, dass ich auch vor industriellen Großmaschinen keine Angst habe, und dass ich durchaus sogar einen „anspruchsvollen“ Stemmhammer bedienen kann.  Was keine Mutmaßung ist, sondern Erfahrung. Wobei ich ihm dann meinen Kettensägenschein links und rechts und wieder links um die Ohren gehauen hätte.
Wäre ich nicht zu faul gewesen, mir eine Leiter zu holen und hätte ich entsprechendes Dokument dabei gehabt.
Ich verließ (nicht sonderlich frustriert, denn irgendwann ist frau es gewöhnt, dass insbesondere männliche Baumarktmitarbeiter sie nicht ernst nehmen) die Örtlichkeit und wollte nebenan nur noch schnell Hundefutter besorgen, als ich plötzlich vor einem Douglas stand. Quasi der Baumarkt für echte Frauen. Farben und Lacke gibt es da schließlich mehr als bei Obi, Hornbach und Toom zusammen. Trotzdem ist Douglas ein Laden, in dem ich mich maximal eineinhalb Minuten aufhalten kann, ohne dass ich Migräne bekomme. Weswegen ich ihn meide.
Im Abstand von ein bis zwei  Jahren traue ich mich jedoch dort rein. So auch heute.
Ich checkte noch draußen stehend ab, in welche Richtung ich gehen musste, holte einmal tief Luft, ging schnellstmöglich zum Regal mit der Aufschrift „Gucci“, griff den roten, rechteckigen Flakon, gab mir eine Dosis auf den Handrücken und flüchtete.  Sobald sich das Wirrwarr aus Gerüchen aus meiner Nase verflüchtigt hatte, schnupperte ich vorsichtig an meiner Hand und wartete. Wartete auf das, was dabei gemeinhin passiert. Was nichts so Schönes ist.
Heute, etliche Jahre später also, war es ein anderes Gefühl als damals und in den Jahren danach.
Heimelig wurde mir, und warm im Bauch. Nur eine winzige Brise Wehmut konnte ich erkennen.
Es roch sonst, wie beim allerersten Mal. Die dunkle Note war verschwunden. Nahezu frei von Vergangenheit.
Auch wenn ich es selten bis gar nicht benutze, weil ich es lieber natürlich mag, ala an meine Haut kommt nur Wasser und CD,  ich kann mir mein Lieblingsparfüm wieder kaufen.
Scheiß auf sexistische Baumarktfuzzies, oder auf Mitarbeiter Nummer drei, der mit „Häh? Wat fürn Zeug?“ antwortete, als ich nach Weißfeinkalk fragte. Manmanman … Der Tag war gut!

Lieber Gott,

es hat den Anschein, dass du Großes planst. Eine Riesensause mit den Who is Who des Musikgeschäftes auf der Bühne.  Wen nur erwartest du, dass du so gewaltig auffahren musst? Wem gilt dies Empfangskomitee?
Ich hoffe keinen der Meinen.
Sicher nicht, denn da ist keiner bei, der für sich selbst einen solch unglaublich dekadenten Einstieg bei dir oben bräuchte. Wir sind einfache Menschen. Wie die meisten Anderen hier unten auch. Darum denke ich, dass du uns die uns noch verbliebenen Musiker etwas lassen könntest. Man muss wirklich nicht so auffahren. Egal, wen du erwartest, Bescheidenheit ist mehr als nur eine Zier und eigentlich auch eine Eigenschaft, die du uns (das habe ich gelesen und auch mehrmals gehört) lehren willst, und die deinem Auge wohlgefällt.  So zumindest sollst du deinen Sohn damals erzogen haben.
Bitte.
Am Ende können wir sonst alle nur noch Schlager hören und landen durch Verzweiflungstaten wohlmöglich in der Hölle …
Da du jetzt auch noch mit purpurnem Regen auffahren kannst, reicht es, glaube ich, wirklich.
Nochmal Bitte. Und Danke. Ach ja, klar. Und Amen selbstverständlich.
Ps. Grüße an du weißt schon wen.

Null Uhr null und null Sekunden

Drei waren wir, plus ältester Enkel.
Abwechselnd lag der alte Mann, der nur noch ein Schatten seines Selbst ist, weinend in den Armen meines Bruders, dann wieder in meinen. Angefasst fuhren wir Geschwister irgendwann zurück und waren uns einig: Vergessen wir den gewesenen Mist und schauen, dass der alte Mann in Frieden leben kann. Ein Stückweit mit uns. Drei von acht. Immerhin.
Nummer vier, genaugenommen Nummer Sieben (seven of eight, not nine) rief am nächsten Tag an. Sie wolle auch Frieden schließen.
Wobei sie damit schon vor längerer Zeit anfing. Unsere Namen trägt Seven 24/7 seit einem halben Jahr auf ihrem Arm mit sich herum. Großformatig.

Ich war nie ein rachsüchtiger oder nachtragender Mensch. Wenn kein Miteinander möglich ist, weil man nicht dieselbe Sprache spricht und in völlig verschiedenen Welten lebt, gebe ich irgendwann auf und ziehe mich ohne weitere Worte zurück. Jeder bekommt x Chancen bei mir. X Mal lasse ich mir ans Bein pinkeln, um brav zu hinterfragen, warum ich in nasser Hose dastehen muss. Bis zum buchstäblichen Gehtnichtmehr.
Sei es Stärke oder Schwäche, das ist egal. Ich kann fast alles verzeihen. Und hier geht es nur um die Einsicht dahinter, die eigentlich schon letztes Mal kam: „Wir müssen uns mal in Ruhe über die Vergangenheit unterhalten. Ich habe viel verbockt.“
Was das ist, steht außer Frage. Darum erübrigen sich weitere Worte, und man kann die Uhren stillschweigend jetzt auf null stellen. Das Bedauern, die Trauer, die Reue, das Vermissen standen erdrückend im Raum. Anbei etwas Selbstmitleid, aber auch das darf sein. Mehr braucht es nicht, um wirklich neu anfangen zu können.

„Es kann nicht alles schlecht gewesen sein“, sagte der Kapitän neulich, als ich ihm Bilder einer glücklichen Familie zeigte. „Sie sehen stolz aus. Irgendwann sind deine Eltern wahrscheinlich über sich selbst gestolpert, und haben dabei die Kurve in die für euch richtige Richtung nicht gekriegt.“
Recht hat er.
Am Ende können Blicke, und seien sie nur auf Fotopapier gebannt, doch nicht Lügen.

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Chewie, the little Terrorist

Um halb acht heute Früh, stand ich vor der Tierarztpraxis und lieferte den Hund ab. Gegen elf Uhr wachte er auf, war aber nicht wach genug, um vor der Mittagspause nach Hause zu dürfen. Um 16.30 Uhr stand ich wieder vor der Praxis und hörte, kaum hatte ich die Tür geöffnet, mein Tier jammern, winseln, jaulen, kläffen.
Es dauerte eine weitere Stunde, bis ich zu ihm konnte. Der Hund jammerte, winselte, jaulte und kläffte ohne Unterbrechung weiter.
Das ging so, sagte die Ärztin, seit er aus der Narkose aufwachte. Ohne Unterlass. Erst als er mich sah, war Ende. Dafür klammerte er sich an mir fest, als ich ihn aufgehoben und vor den bösenbösenbösen Kittelträgern gerettet hatte.
Schon schön, wenn man so vermisst wird. Sünde aber, dass das Tier sechs Stunden am Stück darunter litt. Jetzt liegt er platt danieder, und ich bin mir nicht sicher, ob es noch von der Narkose kommt, oder von dem sechs Stunden dauernden Terror, den er veranstaltete. Wer in so einer Tierarztpraxis arbeitet, sollte gute Nerven haben.
Dafür hat er die Zähne schön. Keiner musste gezogen werden. Perfekt! Am Ende machte nur eine Zahntasche den ganzen Ärger. Bei dem, was er vorletzte Woche an Blut verlor, ging ich von weit Schlimmeren aus …

Stalking

Oder mein Handy und ich.
Ungefragt weiß google jederzeit, wann ich wo bin. Ob der Regelmäßigkeit des Dortseins, weiß google, wo ich arbeite, und informiert mich über die Dauer meines Heimweges. Arbeite ich nicht, meint google mir mitteilen zu müssen, wie lange ich zur Arbeit bräuchte. Wobei google anhand der angegeben Zeit ganz klar weiß, dass ich die Strecke mit dem Auto zurücklege.
Bin ich andernorts unterwegs, unterstützt google mich auch, indem es mir andauernd mitteilt, wie lange ich bis Zuhause bräuchte. Oder informiert mich – ebenso ungefragt, wie alles andere auch – über Staus, Unfälle oder Baustellen.
Das nenne ich wirklich mal gläsern. Wie schaltet man solche Funktionen ab?

All you need …

… is a memory.

Thea war eine Dame. Sie war immer chic und trug gern Pelz. Als ihre Haare dünner wurden, sah man sie außerhalb des Hauses nie ohne Perücke. Eine, die ihrer ursprünglichen Frisur gleich war.
Ich habe sie, glaube ich, auch innerhalb ihrer vier Wände so gut wie nicht ohne Perücke gesehen. Zumindest sehe ich sie in meiner Erinnerung nur ein einziges Mal, wie sie den Fiffi vom Kopf zieht. Sie saß in ihrer Stube, auf dem mit dem Rücken zur Tür stehenden Sessel, und klagte über dicke Füße.
Thea wollte auch aus ihrer Enkeltochter eine Dame machen. Mädchen tragen Kleider, hieß es, und nur zähneknirschend nahm sie hin, dass ich lieber die Lieblingslatzhose trug. Nadelgestreift in Blauweiß. Matrosenlike und gar nicht mädchenhaft. Diese Hose trug ich, bis sie mir so zu klein wurde, dass sie mir merklich in den Hintern krabbelte. Ich weiß es nicht, aber ich denke, Oma hat sie heimlich entsorgt. Sie war von jetzt auf gleich weg.
„Ein Mädchen tritt nicht mit den Fersen auf. Sie setzt einen Fuß vor den anderen. Vor, und nicht daneben“, hieß es weiter. Ich gehe noch heute wie ein Bauerntrampel. Und manchmal spüre ich heute noch ihre Hand auf meiner Schulter, und wie sie bei den Gehübungen neben mir herläuft und versucht mich zu motivieren, wie eine Dame zu gehen. „Nun geb dir doch mal Mühe!“ Ich bekam sogar extra Lackschuhe mit kleinen Absätzen. Das muss schlimm ausgesehen haben: Holsteener Fööd in Pariser Schooh.
Andauernd zupfte sie an mir rum, knöpfte Knöpfe, zog Reißverschlüssse zurecht, richtete Krägen und wischte mit Spucke befeuchteten Tüchern Flecken weg, die es sicher nicht wirklich gab.
Opa lächelte Theas Macken weg. Opa war egal, wie ich lief oder was ich trug. Die Hauptsache war, dass mir das Eis von Eismayer schmeckte. Manchmal kaufte er es mir heimlich. „Aber nichts Oma erzählen!“ Er zwinkerte dann immer und lächelte schelmisch. Lange habe ich den Laden gemieden, nach Opas Tod. Das war sein Eisladen. Als ich Jahre später wieder dort war, war das enttäuschend. Das Eis schmeckte anders, als das, das Richard mir immer gekauft hatte.
Richard war die Güte in Person. Fragt man meinen Vater, sieht er das anders, aber ich kenne Richard nur als den weltbesten Großvater. Nie gab es ein böses Wort uns Enkeln gegenüber. Obwohl ich nur für mich sprechen kann, und ich war seine Prinzessin. Sein heiliges Ein und Alles. Seine Motte. Vielleicht war das aber auch anders, und er hat jedem von uns genau dies Gefühl geben können, etwas ganz Besonderes und der Mittelpunkt seines Universums zu sein. Das traue ich ihm zu.
Sein Blick wurde weich, sobald wir Kinder in der Nähe waren. Thea nahm es hin, und sah über das Eine oder Andere hinweg, das nicht wirklich in ihrem Sinn war.
Es war egal, was wir zusammen machten, es war toll. Sogar seine beruflichen Messen, auf die er uns mitnahm, waren großartig. Dass wir kleinen Butscher in den Messehallen nicht für alle Zeit verloren gingen, wundert mich noch heute. Es gab keine Fragen. Es gab keinen Stress. Er nahm uns mit, und die Arbeit wurde nebenher erledigt. Im Mittelpunkt standen wir auch hier. Wir liefen von Messestand zu Messestand, und sammelten Aufkleber, Schlüsselanhänger, Kugelschreiber und wenn wir Glück hatten, gab es sogar Schirmmützen.
Abends gab es oft frischen Fisch, vom Fischladen gegenüber. Noch heute denke ich bei jedem Stück Makrele an Opa. Das ist aber wie beim Eismayereis. Mit Richard schmeckte Makrele besser.
Durch Thea wurde ich zur Leseratte. Das erste echte Buch, das ich von ihr zu lesen bekam, war von Malpass. Ich war wohl acht, und das Buch kein Kinderstoff. Ich glaube, dass das erste richtige Buch das Wichtigste ist. Danke Oma, für diese Auswahl.
Richards Leidenschaft war die Musik. Er war Organist. Immer wieder hat er versucht, mir das Spielen beizubringen, aber über den Flohwalzer bin ich nie hinausgekommen.
Beruflich vertrieb er deutschlandweit Sprudelbäder. Bis heute liebe ich diese Blubbermatten, und habe eine Affinität für ätherische Öle. Melisse riecht nach Richard.
Das Bad in der Gravelottestraße Nummer zwei war mit einem sehr dicken braun-beige gemusterten Teppichboden ausgelegt und war immer überheizt. Es roch nach diesen Ölen, und wenn ich badete, stand der Kompressor auf dem Klodeckel. Oma suchte das passende Öl aus. Mal sollte es müde machen, mal den Appetit anregen. Ich habe die Uhr am Kompressor immer heimlich zurückgestellt, und wirklich geglaubt, Oma würde es nicht merken.
Wenn es dann nach Hause zu den Eltern ging, mussten wir in Opas Stube: „Hier, ein Heiermann, aber sagt Oma nichts davon“, um dann in Omas Stube gerufen zu werden: „Fünf Mark für euch, aber erzählt das Opa nicht.“

Eigentlich, so dachte ich immer, haben Thea und Richard gar nicht zusammen gepasst. Wahrscheinllich war es ganz anders.

 

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