Archiv für den Monat Dezember 2015

Das weltbeste Geburtstagsgeschenk ever!

Es gibt ja Menschen, die sind in jungen Jahren schön anzusehen, werden aber im Alter eher unansehnlich. Dann gibt es die, die als junger Mensch unscheinbar sind, bis unattraktiv, die aber, mit jedem Jahr, das sie altern, schöner werden.
Bei ihm ist das anders. Er sah nie besonders aus, und auch heute ist das Bild, das man von ihm im Kopf hat, wenn er singt, ein anderes, als das, dass er darbietet.
Drauf geschissen. Ich steh eh mehr auf Verstand, als auf Optik.
Er, eine Gitarre und ein Klavier. 165 Minuten One-man-show, ohne Pause. Abendfüllend klug, berührend, humoristisch. Stimmlich überzeugt er mich live noch mehr, als aus der Konserve.
Ich überlegte zwischendurch, wie ich diese zweieinhalb Meter (wir hatten den besten Platz (!) in der ersten Reihe, zwischen seinem Klavierplatz, und dem, an dem er Gitarre spielte), die uns die ganze Zeit trennten überwinden könnte, ohne aus dem Saal geworfen zu werden.
So in Ohnmacht fallen …, dachte ich dann, aber als eine Saite seiner Gitarre riss, und er unbeirrt weiterspielte, befürchtete ich, er würde auch mich, so vor ihm liegend, ignorieren.
Vielleicht ein anderes Mal. Diesmal kam ich nicht an ihn ran. Was ich gewollt hätte? Ihm um den Hals fallen, und ihm ins Ohr flüstern, dass ich ein Kind vom möchte. Oder so. Obwohl, dazu bin ich zu alt, und er auch.
Egal.
Es war fast vorbei, die erste Zugabe gelaufen. Ich war mir sicher, davongekommen zu sein. Dann kam er noch einmal raus, setze sich ans Klavier, und nach den ersten drei Tönen sah ich zum Kapitän, stöhnte: „Kacke, nein!“

Der Kapitän registrierte das Überlaufen, wühlte in den Hosentaschen nach den – vorsichtshalber noch flink – eingesteckten Papierservietten, und reichte sie mir.

Leute, wenn ihr seine Musik mögt. „Einstimmig“ ist toll. Heinz Rudolf Kunze pur.

Früher war nicht alles besser

Weihnachten ist wortwörtlich gegessen. Die besten Weihnachtsgrüße gab’s vom Bruder:“Es ist Heiligabend, mach das Beste draus!“ Wir hatten die gleiche Kindheit … 

Jetzt sitze ich und gucke auf zdf.kultur die Hitparade aus dem Jahr 83.

Ein Lied schlimmer als das Vorherige. Nino de Angelo besingt, komplett – sogar die Schuhe – in feuerwehrrotes Leder gekleidet, Louisa. Schlager und die EAV kann man noch als Zeitgeschehen hinnehmen, aber was echt nicht geht, ist Rotersand (ein Projekt von den Teens, was ja für sich sprechen sollte) mit Wellenreiter.

Ich kann mich glücklicherweise nicht daran erinnern, derartiges jemals freiwillig gehört zu haben. 

Weihnachtsgedanken

Still weihnachtet es vor sich hin. Hier zumindest. Ich mag es auch nicht anders. Ich verweigere diesen Konsumwahn vor den Festtagen, und ich finde es grässlich, wie sich Menschen zum Beieinandersein zwingen, ohne sich wirklich leiden zu können, weil es sich eben so gehört. Ich will nicht jedem unterstellen, dass er Friede, Freude, Eierkuchen mimt, aber wenige sind es erfahrungsgemäß nicht.
Den Tag vor Heiligabend hatte ich noch Schicht. Eine Dame um die Mitte achtzig kaufte eine Kleinigkeit und ließ es als Geschenk verpacken. Ich wünschte ihr schöne Festtage, als sie ging. „Ich bin allein. Mein Mann ist vor vier Monaten gestorben.“
So etwas haut bei mir gern voll in den Magen.
Ich mag die alten Damen sehr, die bei uns kommen. Irgendwie rühren sie mich immer wieder. Wie neulich, die Dame im selben Alter, wie die von vorgestern. Erst einige Tage zuvor kaufte sie etwas. Nun aber wollte sie etwas ganz Besonders haben. „Und nicht sagen, dass das gut aussieht, wenn es nicht wirklich so ist. Das ist wichtig. Ich habe ein Rendevous mit einem alten Freund, mit dem ich vor fünfundsechzig Jahren zur Schule ging, und den ich danach aus den Augen verloren habe.“
Was war sie rührend aufgeregt. „Ist das nicht albern, wenn man sich in meinem Alter noch mal verliebt? Dass ich nach dem Tod meines Mannes doch noch einmal Glück haben soll …“
Der Schulfreund, so erzählte sie, hatte gesagt, dass er sie diesmal nicht wieder gehen lassen würde.
Ich wünsche es ihr von Herzen.
Sitze dann aber hier, in unserer Stille, und denke an das andere Omchen. Und an all die anderen alten Menschen, die Weihnachten allein verbringen müssen. In Gedanken bei denen, die nicht mehr sind.
Das macht mich traurig.

Serienjunkies

Manchmal hat man ja so seine ureigenen Vorstellungen. So eine Art Schubladendenken.„Game of Thrones“. So geil, dass ich mich beinahe ärgere, die Bücher nicht gelesen zu haben. Ist eben so, wenn man mit dem Genre Fantasie eigentlich nichts am Hut hat. Selbst Schuld.
Was für ein genialer Kopf das geschrieben haben muss. Er schöpft aus den Vollen. Hexen, Drachen, Zauberer, Wiederkehrer, Gestaltenwandler. Magie, weiße und schwarze. Nichts lässt er aus. Und das macht er so gut, dass es nichtmal überzogen wirkt. Intrigen allüberall. Eine filmische Umsetzung, die ihresgleichen sucht und eigentlich nur in Tolkiens Trilogie findet. Richtig, richtig gut. Man weiß nie, mit wem man sympathisieren soll. Man wird anhaltend in die Irre geführt.
Wir kommen derzeit kaum noch zu etwas anderem, weil wir gucken müssen (!). Eine Staffel haben wir noch, und weiß schon jetzt, dass ich es hassen werde, auf die nächste warten zu müssen.
Gestern schaute ich dann nach, wann die neue Staffel erscheint. Irgendwann im Frühjahr, das geht gerade noch, wenn man bedenkt, dass wir noch fast ein Jahr haben, bis es mit Walking Dead weitergeht.
Ich wollte aber auf etwas Anderes hinaus. Ich schaute weiter nach, wie viele Bücher es gibt. Zehn sind es, wenn ich mich nicht verzählt habe. Aber auch darauf wollte ich nicht hinaus. Ich klickte nämlich noch auf „über den Autoren“ und sah einen bärtigen Seebären, den man – ich – einem Shanty Chor als Schifferklavierspieler zuordnen möchte, aber nie nicht auf die Idee käme – sollte man das erraten müssen -, dass dieser Mensch grenzgeniale Geschichten erfindet.
Wen wundert es da, dass der Kapitän auch nicht so aussieht, als würde er schreiben, was er schreibt.

Die Sache der Maus

Wir befinden uns im Umbruch. Ernährungstechnisch. Da ich – leider – nicht ganz auf Fleisch verzichten kann, und dem Kapitän ein kompletter Verzicht auch auf Dauer abgeht, haben wir uns nun auf Wild geeinigt. Ethisch korrekter gehts nicht, denn gejagt wird so oder so. Ob wir das daraus gewonnene Fleisch nun essen, ober ob man es wegwirft … Damit kommen wir nun klar. Es wird nicht extra ein Tier getötet, darauf kam es an.
So weit so gut.
Eier gibts auch vom Bäcker, statt vomn Aldi, und – nachdem mein Schwedenkäsevorrat von zwei Kilogramm nun leer ist – Käse von glücklichen Kühen.
Am glücklichsten sind die in der Schweiz, und so brachte der Kapitän ein Kilo Käse vom Almbauern mit. Etwas gewöhnungsbedürftig, der erste bis zehnte Bissen, weil schon sehr … käsig. Im Sinne von dem leichten Abgang nach vergorener Milch. Aber wenn man sich reingegessen hat, ist das Zeugs lecker.
Nun haben wir ein Problem mit eben diesem Käse.
Der Kapitän kaufte ihn vor seiner Abreise beim Almbauern, wo der Käse vor seinen Augen vom Laib geschnitten und verpackt wurde. Der Käse landete im Auto, wo er eine Nacht in Mainz verbrachte und den Tag darauf einige Stunden in eine KFZ-Werkstatt. Dann landete der Käse umgehend im heimischen Kühlschrank.
Heute früh, das erste Stück war schon aufgegessen, holte ich ein Neues aus der Tüte.
Und sah was? Das:

Foto

Wie, wann und wo kam die Maus (?!) an den Käse?
In der Küche und in der Speisekammer wurde nun das angefressene Käsestück verteilt. Wollen wir doch mal schauen, ob es eine gemeine Angelitermaus war, oder ob der Kapitän illegalerweise eine aus der Schweiz eingeschleust hat.

easy going

Ich habe neue Spielzeuge. Tolle neue Spielzeuge! Obwohl neu anders ist. Antike Musterwalzen sind es. Die Schwedenbegleitung bekam sie von der kleinen Hamburger Trödelfreundin und reichte sie (weil Malkram dann doch nicht ihr Ding war) an mich weiter. Ich freu mich. Doof ist nur, dass bei mir überall Rauhfaser klebt und man dafür einen glatten Untergrund braucht. Den hat der Kapitän! Und mich juckt es in den Fingern. Ich also so: „Was hältst du denn von etwas Farbe und Mustern an den Wänden?“
Er so: „Äh … Mach was du für gut hältst.“

Manchmal geht mir das echt zu einfach.

Apropos Zeit

„Der Termin morgen fällt aus. Ich komm dann heute Abend schon nachhause“, schrieb der Chef von Janzes zum Frühstück.
Das Essen mit dem Bruder gestern, heute arbeiten. Mir fehlt der morgige Tag und somit gibt es kein fertiges Wohnzimmer.
Ist dann eben so!

Zeit ist relativ

Was dem einen zu schnell geht, dauert dem anderen zu lang.
Wenn ich mich so umsehe, kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass ich der geduldigste Mensch bin, den ich kenne. Ich bin … beinahe gleichmütig (?!) geworden.
Das war früher anders, ergab sich aber im Zuge des Misters Erkrankung. Ich habe so lange und oft warten müssen, dass ich mir irgendwann selbst verordnete dabei Ruhe zu bewahren. Was erstaunlich gut geklappt hatte, und bis heute anhält, beziehungsweise weiter gewachsen ist, sich quasi generalsiert hat.
Ich lasse mich kaum noch aus der Ruhe bringen und hechte niemandem mehr hinterher. Anzunehmen, dass die Dinge eben solange dauern, wie sie dauern, ist irgendwie entspannend. Im Gegenzug aber, mache ich damit andere – weniger geduldige – Menschen irre, weil das irgendwie so in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass ich mich auch nicht mehr hetzen lasse. Manchmal – wirklich selten – bekomme ich dann noch ein schlechtes Gewissen, aber das lässt sich auch immer öfter schnell wieder abschütteln.
Und so sitze ich nun im Chaos der letzten Woche und lächle. Ich hab das Wohnzimmer auseinandergerissen. Das des Kapitäns. Das dauert selbstredent keine ganze Woche, aber mir kam die Küche dazwischen. Die bis vor wenigen Tagen auch halbfertig dastand. Das große Wohnzimmerbuffet hat er selbst getötet. Diese alten Schränke sind ja für die Ewigkeit gemacht. Außer man lagert in ihnen gute zwei Kubikmeter Bücher. Dann hängen sie irgendwann durch und man kriegt die Türen nicht mehr auf. Ein so verzogenes Buffet ist schlichtweg tot. Da mir aber die Auflage – die sich nicht mit hat runterziehen lassen – gefiel, dachte ich, das würde eine gute Küchenarbeitplatte abgeben. Resteverwertung bis zum geht nicht mehr.
Was Zeit braucht, und so rinnt sie dahin, die Zeit. Zwei Tage habe ich noch, um das Wohnzimmer wieder wohntauglich herzurichten. Ohne mich dabei hetzen zu lassen. Das müsste – trotz arbeiten gehen zu müssen und einer Verabredung zum Essen mit dem Bruder – zu schaffen sein. Wenn ich mich denn jetzt langsam erhebe … ganz langsam!

Frau Ticktack und die Zeit

Ich war heute im Nordfriesischen, bei meiner Schwedenbegleitung.
Dass die Dame ein kleines Bisschen verrückt ist, bemerkte ich schon beim ersten Besuch in ihrem Zuhause. Standuhren allüberall. Heute zeigte sie mir die restlichen im Haus verteilten. Soweit man sie denn sehen konnte, denn in einem Raum stehen sie auf Halde, die Restaurationsobjekte. Eine ungezählte Menge, weil sie dicht an dicht gedrängt stehen, ohne dass man sie zählen könnte. Jede wird gerichtet, jedes Uhrwerk funktioniert danach auch – nach 150 bis 250 Jahren – wieder auf die Minute genau.
Eigentlich hätte ich eine mitnehmen mögen, konnte mich aber nicht entscheiden. Männliche Form, oder weibliche? Frau oder Fräulein? Dänische oder Schwedische? Mit Krone oder ohne, oder doch lieber nur nach dem Klang der Sekunden auswählen? Oder nach Farbton? Mit oder ohne Ornamentik? Zart oder voluminös? Vergoldet, naturbelassen oder verspielt?
Welch ein Schatz! Und zu jeder Uhr gab es eine Geschichte. Faszinierend und beruhigend zugleich. Nivelliert das doch meine Stuhlsucht beträchtlich …

Zeitgeschehen …

… und dann kommt der Kapitän daher und schreibt genau darüber ein Buch. Die Gräueltaten im zweiten Weltkrieg, die heutige rechte Szene in Mecklenburg, das Leben zwischen Nazis.
Es ist drei Jahre her, dass er die Idee zu diesem Buch hatte. Der Inhalt war schnell umzeichnet. Er erzählte die Umrisse dessen und ich wusste gleich, dass ein Buch zeitgemäßer kaum sein kann. Drängte ihn quasi, daran zu arbeiten.
Was vor drei Jahren gedanklich seinen Anfang fand, ist heuer eine noch größere Problematik, als damals gedacht. Als ich es nun las … ich wünsche mir, dass – wenn es druckreif ist – sich viele finden, die sich das „antun“. Es vermag dem Jetzt zu zeigen, was dasselbe falsche Gedankengut im Gestern anrichete, und was es für das Morgen bedeuten kann.
Wenn man beim Lesen feuchte Finger bekommt, dir der Atem stockt, und der Magen sich zu verknoten scheint …
Fiktive Personen. Allesamt frei erfunden. Klar, aber wenn man da gewohnt hat, weiß man, dass jeder Fünfte bis Zehnte einer der von ihm beschrieben Rechtsextremisten sein könnte. Eigentlich ziemlich gruselig, und ganz ehrlich? Ich würde am liebsten nichts von alldem wissen. Ich möchte mir die Ohren und die Augen zuhalten. Aber dann passiert das, was schon einmal passierte. Alle sahen weg, und keiner will etwas gewusst haben.
Etwas, das nie wieder geschehen darf.