Archiv für den Monat Juli 2014

Summer of my life

Man soll den Tag ja nicht vor dem Abend loben, aber dennoch: Ich bin so begeistert von diesem Sommer, dass ich das kundtun muss. Die anhaltende Wärme und die Sonne tun meinem Gemüt einfach nur gut. Fast nichts bringt mich aus der Fassung derzeit und das gefällt mir selbstredent.
Hauptnahrungsmittel sind derzeit Joghurt, Obst, das obligatorische Müsli mit Banane und Eiskaffee. Genau so oder in umgekehrter Reihenfolge. Je nachdem.
Dazu gibt es ab und zu ein Däneneis. Ab und zu heißt in meinem Fall, dass die Däneneisdealerin mich mittlerweile breitgrinsend bei Nennung meines Namens begrüßt und ich, nach einigen Diskussionen deswegen, nurmehr das halbe Eis bezahle. Meine Lieblingsdäneneisdealerin wollte nämlich gar kein Geld mehr von mir haben. Was natürlich nicht geht. Man stelle sich mal vor, was das für Folgen für meine Hüften hätte, würde ich dann jedes Mal im Vorbeigehen mal eben über den Däneneiseistresen greifen? Bezahlen müssen ist nichts weiter als Vorsorge zu treffen, gegen die sonst unausweichlich eintretende hemmungslose Verfettung. Einzige Ausnahmen, bei denen ich gegen ein Gratisdäneneis nichts tun kann, sind die, wenn die Dame mir zwischendurch ungefragt ein Däneneis an meinen Arbeitsplatz bringt. Vordäneländer Däneneisdealerinnen machen so etwas. Warum auch immer.
Peinlich ist mir der Däneneiskonsum nicht, außer, wenn meine geheime Bekanntschaft auffliegt, weil ich zufällig mit dem Kapitän an dem Däneneiswagen halte und mit „Hallo Jane, mit Kronkant, wie immer?“ begrüßt werde und dann eben nur das halbe Eis bezahlen muss.
„Ich kenn die Frau nicht und ich weiß nicht, woher sie mich zu kennen meint!“, wäre in dem Moment irgendwie unglaubwürdig gewesen.
Nie hab ich so viel Eis gegessen, wie dies Jahr. Nie bin ich so oft am Meer gewesen. Nie war ich so anhaltend entspannt. Ich versuche mich seit Tagen daran zu erinnern, ob ich jemals einen solch tollen Sommer wie den aktuellen erlebt habe. Ich neige dazu, nein zu sagen. Was nicht wirklich am Eis liegt, auch wenn ich das hier zum Aufhänger mache, sondern an der allgemeinen Situation und an den vielen vielen Sonnentagen.

Jane Blond, verliebt in den vordäneländischen Eissommer.

Mandy, die Möwe und der Bahnhof als Verständnis

Henrike kommt nun öfter vorbei. Wie selbstverständlich setzt sie sich mittlerweile zu mir in den Garten, schnappt sich eines der Bücher und fängt an zu Blättern. So arbeiten wir meist konzentriert schweigend nebeneinander her. Es ist sehr angenehm mit ihr und sie ist mir wirklich eine große Hilfe.
Ihr ruhiges und bedachtes Wesen, ihre schnelle Auffassungsgabe. Ich bin schwer begeistert!

Ab und an schallt der Ruf eines Namen durch die Straße. Das erste Mal, dass es mir bewusst auffiel, saß Henrike mir gegenüber auf dem Stuhl, schaute gen Himmel und sinnierte gerade laut über Beowulf, und ob das alles wirklich so gewesen sein kann: „Wenn das echt so war, wie soll es sich dargestellt haben?“
Ich zuckte mit den Schultern, woher sollte ich das auch wissen? Dann passierte es.
„Mandy.“
Henrike, die eben dazu angesetzt hatte, ihre Zweifel zu begründen, hielt im Wort inne, senkte den Kopf und schaute nun auf ihre Füße. Seufzend schüttelte sie mit dem Kopf.
„Mandy!“ Das Rufen wurde lauter.
„Sie lernt es nimmermehr“, resignierte das Mädchen an meiner Seite scheinbar.
Ich sah sie an und verstand nur Bahnhof.
„Wer versteht was nicht?“, fragte ich.
Ein weiterer Ruf nach einer Mandy, mit der Information, dass das Essen fertig sei, ließ mich aufschauen und Henrike aufstehen. „Ich muss los. Aber wenn es okay ist, komme ich nachher wieder“, sagte sie.
Ich saß da und verstand immer noch nur Bahnhof, nickte aber und sagte: „Klar.“
Henrike ging, immer noch kopfschüttelnd, davon. An der Hausecke drehte sie sich noch einmal um, lächelte, was irgendwie tapfer wirkte, und winkte mir zu.
„Mandy, komm jetzt bitte endlich“, hörte man die Frauenstimme noch eindringlicher rufen. Dann war es ruhig.
„Irgendwie fragwürdig, diese Straße und es ist prägnant, wie Henrike da hervorsticht“, dachte ich laut. Frau Nachbarin besäuft sich, im Haus in der Reihe hinter mir ist auch nur Mord und Totschlag, und Kinder heißen hier Mandy, Justin-Jeremy und Chantalle.
Dann platsche es.
Eine Möwe war so freundlich, mir mitten auf den Tisch zu scheißen und zack hatte ich vergessen, was ich als nächstes denken wollte.
„Wer sich von Möwendreck aus dem Denken bringen lässt wird alt“, war mein nächster Gedanke, was aber nichts mit dem zu tun hat, was ich eigentlich denken und erzählen wollte.

Vordäneland. Auch nicht anders, als anderswo.

Die Kücken sind los

Und ich bin über alle Maßen entzückt. Lange haben wir darauf warten müssen, dass die Pfauendamen ihren Nachwuchs vorstellen. Die Erste zeigte ihn nun und der Brut dabei gleich den Futterplatz im Kapitän`schen Garten.
Sind die nicht herzallerliebst?

Diese Minikrönchen, auf diesen Miniköpfchen … hach!
„Drei auf einmal, so viel hat eine Henne allein noch nie durchgebracht hier“, kommentierte der Vorarbeiter des Baronen den Familienausflug. Demnach, was ich mittlerweile über Pfauen weiß, wird der Bombensommer für diesen Erfolg mitverantwortlich sein. Viel Regen ist für Pfauenkücken gerade in den ersten drei Monaten nahezu tödlich, belas ich mich. Viel Regen hatten wir sehr wenig.
Mal schauen, wann die anderen vier Damen ihren Nachwuchs präsentieren, und ob das trockene Wetter ihnen auch dabei half viele viele viele Kücken durchzubringen.
Dann dürfte es absehbar eng und laut im Garten werden, weil dann keine acht Pfauen Futter fordern, sondern (nehme ich drei durchgebrachte Kücken pro Henne als Grundlage) dreiundzwanzig.
Ups.
Der arme Nachbar. Der wird dann ganz schön dicke Backen bekommen, vom vielen Blasrohr blasen müssen.
Apropos Federvieh.
Heute musste für Nachschub gesorgt werden. Erst auf die letzte Tasse hin, löste ich vorhin Fett auf, was so viel heißt, wie: Es hängt kein Futter mehr im Baum. Das erste Mal, dass eine solche Nachlässigkeit meinerseits passierte. Was ich bitte wohlwollend zur Kenntnis genommen wissen möchte. Jetzt gibt es leider einen Specht, der erst die Birne und dann den Apfel nach Futtertassen absuchte, und nun – ungläubig starrend und offensichtlich verzweifelt – in der Birne hockt, und dorthin starrt, wo sonst seine Tasse hängt.
Tut mir leid, Redhat (ich glaube zumindest, dass es Redhat ist. Ich kann die nicht so auseinanderhalten, wie der Kapitän es kann, zumal sich die Anzahl der zu versorgenden Spechte mittlerweile – Dank eines nicht minder erfolgreichen Geleges – mehr als verdoppelt hat. Waren es erst zwei, später drei, sind es nun sechs oder sieben, oder so …), nächstes Mal koche ich Nachschub, bevor die letzte Tasse leer ist. Versprochen.
Nun muss der Arme noch warten, bis das Fett wieder fest ist, damit ich die Tassen aufhängen kann.


Ich hoffe, er wird mir zwischenzeitlich nicht verhungern, der Specht. Ich wüsste nicht, wie ich das el Capitano erklären sollte …

Ansicht, ohne Aussicht auf Einsicht

Das ist ein Hintern.
Genau genommen, ein weiblicher Touristenhintern. Keine sechs Meter von der belebten Terrasse entfernt hing er im Zaun. Ein Hintern von Dreien gestern.
Touriearsch auf, respektive in Kapitänszaun.
Irgendwie haben die echt keine Hemmungen. Normale Menschen zumindest setzen sich nicht auf oder in fremder Leute Zäune.
Das Problem ist wohl, dass der Durchschnittstourist sich nicht vorstellen kann, dass Angeln außerhalb der Saison kein verlassener Landstrich ist. Dass es hier so etwas wie Eingeborene gibt.
Ein Beispiel? Gerne: Mutter und Kind verpannten vorgestern vor dem Kapitänshaus und der Kapitän wurde zum Hero of the Day, indem er das Kinderrad reparierte. „Danke noch mal und einen schönen Urlaub noch“, sagte Mamatourie zum Abschied.
Antwortet man dann, wie der Kapitän es tat „Ich habe keinen Urlaub, ich wohne hier“, wird man angesehen, als hätte man eben preisgegeben, dass man ein amoklaufender Massenmörder auf Freigang ist.
Angeln ist nämlich per se unbewohnt. Ausnahme: Die Saison. Da wird dann regelmäßig alles an Humanarbeitsmaterial rangekarrt was geht, zur Erfüllung eines einzigen Zwecks: um Touristen zufrieden zu stellen. Ja! Angeln, ein einziger großer Freizeitfahrradpark, der lediglich dazu dient, Besucher zu bespaßen. So ist es. Alles andere ist unvorstellbar.
Angeln ist quasi wie der Serengetipark. Bloß ohne Affen, Giraffen, Elefanten und Autos, mit denen man durchfährt, dafür beschaut man sich Eingeborene auf Fahrrädern.
Darum machen Touristen sich auch keine Gedanken darüber, dass es vielleicht störend sein könnte, wenn man sich quasi in fremder Leute Gärten setzt. Normal ist das, weil man hat ja Urlaub gebucht.
All inklusive, sozusagen.
Ich warte auf den Tag, an dem wir mit Bananen gefüttert werden.

Unschönes

Ich bekam gestern ein Livekonzert.
Es liefen unter anderem: „Adios Amor“, gefolgt von „Mama Leone“ (was empfunden nicht ins „Konzept“ passte, aber egal), hin zu „I´m sailing“ in der deutschen Version und in einer weiteren, die ich noch nicht kannte, und in der der Refrain so klang: „Ich will nach Jena, will nach Jena, doch nach Jena, komm ich nicht“. Einige andere Titel kannte ich auch nicht, meine aber zu wissen, dass die ursprünglich mal von Andrea Berg verbrochen wurden, die die Nachbarin immer gerne auf dem Draußen-CD-Spieler hört.
Frau Nachbarin hatte sich am helllichten Tag die Kante gegeben und sang ohne Begleitmusik aus der Konserve.
Ihren Gesang unterbrach sie mit wüsten Beschimpfungen gegen den eigenen Gatten, der nach den ersten paar Malen „Drecksau“ die Flucht ergriffen hatte. Immer wieder öffnete sie das Fenster zum Garten hin und informierte die komplette Nachbarschaft darüber, dass ihr Mann ein ekelhafter Titten- und Ritzenglotzer sei. „Ekelhaft, ist die Drecksau. Ekelhaft!“
Sie telefonierte die Familie ab, und informierte alle darüber, dass es das war. Sie kommt nun zurück nach Jena und ihr Kerl, der könne sie am Arsch lecken.
Sie lehnte am weit offenstehenden Fenster, während sie ins Telefon grölte.
Die Sau. Das Dreckschwein. Drecksau, die alte. Ekelhaft. Um die hundert Mal (eher öfter) fiel jede einzelne Beschimpfung und war ein Drama in mehreren Akten.
Das eine Telefonat wurde beendet mit „Tschüss“ und schon wurde der Nächste angerufen, um über die ekelhafte Drecksau zu schimpfen.
Zwischendurch wurde in einen der Nachbargärten gebrüllt, ob jene Nachbarin nicht auch finde, dass ihr Mann ekelhaft sei.
Irgendwann war die Drecksau ausgeschöpft und es wurde zum Kinderfi**er gegriffen.

Nach einigen Stunden, Frau Nachbarin schimpfte immer noch – so weit es die vom Alkohol lahme Zunge zuließ – kam der Nachbar heim. „Da bist du ja, du alte ehelhafte Drecksau“, wurde er an der Haustür begrüßt.

Reihenhauscharme. Es sind meine direkten Nachbarn, und so nutzte es auch nichts, die Fenster zu schließen, denn durch die Wand hörte ich das Drama nicht minder weiter.
Er weiß, wann sie ein Level erreicht hat an dem er nach Hause kommen kann, der Nachbar. Das Drama war kein Einzelfall. Sie besäuft sich regelmäßig (alle zwei Wochen) übers Maß hinaus, und grölt vor sich hin, er flüchtet. Normal also.
Er kam nach Hause und versuchte Frau, die wieder ein Liedlein anstimmte: „Schalala, i love you“, ins Bett zu bringen, was nochmals zwei gute Stunden dauerte, in denen sie entweder von Liebe sang, oder Drecksau brüllte.
Mal ist es arger, mal weniger. Gestern war es arg arg. Bisher war es nur Gesang und Geschreie, er solle sie in Ruhe lassen, wenn er versuchte, sie zu beschwichtigen.

Mein erster Eindruck von der Frau war damals zwar sofort, Alkoholikerin (irgendwann sieht man es ihnen einfach an), aber das ich derart bestätigt werde in meinem Denken, brauche ich nicht für mein Ego.

Es gibt Dinge, die stimmen mich sehr sehr nachdenklich.

Füße, und das, was mir fehlt

Sommer ist toll. Und dies Jahr haben wir einen wunderbarsten Sommer. Warm bis heiß (ich mag es heiß). Hier und da das nötige Minimum an Regen, ja. Aber sonst: Bombe! Und doch sind da die Momente, in denen ich mich und mein Manko hinterfragen muss.
Weiß der Geier warum, aber ich kann nicht anders. Sie fallen quasi automatisch in mein Blickfeld. Es ist so, als würden Menschen auf Händen gehen und mir das andere Ende ihres Körpers direkt unter die Nase halten.
Ich sehe Füße!
Ich sehe weiße Füße an – ab zehn Zentimeter über den Knöcheln – braunen Beinen.
Ich sehe bräunlichgelbe Mondlandschaften an Fersen.
Ich sehe gesplitterte und abgebrochene Zehennägel.
Ich sehe zu große Frauenfüße in zu kleinen Flipflops oder Sandälchen.
Ich sehe tennissockenbestrumpfte Herrenfüße in Sandalen und Adiletten.
Ich sehe Unmengen Frauenzehen mit abgesplitterten Nagellack.
Ich sehe behaarte Frauenfüße an nicht minder behaarten Beinen.
Ich sehe – bei Männlein und Weiblein – viel zu lange Zehennägel in unterschiedlichen Gelb- Beige- Hellorangetönen.
Es gruselt mich. Ich wünschte, ich hätte auch das nötige Selbstbewusstsein dafür.

Ein sagenhaftes Projekt – einstweilen die Letzte (man kanns auch übertreiben)

Henrike Olsen ist elf Jahre alt und gilt – laut verschiedener Tests – als hochbegabt. Armes Mädel, das. Wer, wenn nicht ich, wüsste, wie arg man darunter zu leiden hat, wenn man schlauer ist, als der Durchschnitt. Darum habe ich mich ja auch erst kürzlich durch eine Namensänderung versucht mehr ins Inkognito zu begeben. Leider fällt mein immenser Intelligenzgrad weiterhin auf.
Ich will aber nicht von mir sprechen oder über mich reden, sondern von Henrike und dem gestrigen Gespräch mit ihr erzählen. Henrike wohnt in der unmittelbaren Nachbarschaft und als Hochbegabte hinterfragt sie eben auch mal Sachen, wie die, mit Amadeus. Halten mich alle anderen Nachbarn einfach nur für spleenig, weil ich ein Stofftier mit mir herumtrage, interessiert sie der Hintergrund. Ich sah es aus dem Augenwinkel. Sie beobachtete mich schon eine ganze Weile, ehe sie zu mir in den Garten kam und fragte, ob sie sich dazusetzen dürfe. Sie durfte.
„Du, Jane? Sag mal bitte, du bildest dir wirklich nicht nur ein, dass Amadeus ein echtes Lebewesen ist, mit dem du dich unterhalten kannst, wie mit einem Menschen?“
„Ne, der ist so echt am Leben, wie ich hier sitze“, antwortete ich, ohne darüber nachzudenken, was ich eben gesagt hatte.
Henrike sah zu Boden und wirkte erleichtert: „Gut, ich dachte schon, ich hätte mich angesteckt, mit irgendeinem Verrücktenvirus.“
„Warum?“, fragte ich nach.
„Na ja. Gestern hatte ich das Gefühl, Amadeus würde hinter mir stehen und mir auf die Schulter tippen, um mich dann zu fragen, ob ich zufällig wisse, ob die Post schon durch ist.“
„Oh. Das tut mir leid. Ich habe ihm eigentlich strickt verboten sich lebendig zu zeigen und Menschenkinder zu erschrecken.“
Henrike lächelte: „Schon gut. Ich finde es zwar total schräg, aber er war ganz nett. Bis auf diesen bayrischen Akzent, der ist so … so bayrisch, irgendwie.“
Ich musste laut lachen: „Da hättest du ihn mal hören müssen, als er vor drei Jahren zu mir kam. Dagegen spricht er heute reinstes und sauberstes Hochdeutsch. Ab und zu versucht er sich mittlerweile sogar am Plattdeutschen.“
Henrike zeigte auf das Laptop vor mir auf dem Tisch: „Und was machst du da?“
„Ich recherchiere.“
„Ah. Was denn?“
Ich schaute nach rechts und dann nach links, legte mir den rechten Zeigefinger auf die Lippen und zischte ein lang gezogenes „Sch“. „Kannst du ein Geheimnis für dich behalten? Ich meine … ein weiteres? Wenn du nicht über Amadeus reden würdest, wäre das nämlich auch toll“, flüsterte ich so leise, wie ich konnte.
Henrike nickte, streckte Zeige- und Mittelfinger ihrer rechten Hand gespreizt in die Luft und schwor: „Indianerehrenwort!“
Und so erzählte ich ihr, was sie wissen wollte.
Neben dem Kapitän – und Amadeus, ist klar – gibt es nun also eine weitere Person, die in das sagenhafte Projekt eingeweiht ist. Gut für mich. Denn als Hochbegabte ist Henrike – wie sich zwischenzeitlich rausstellte – eine große Hilfe bei meinen Recherchen. Euch leider, euch macht das Ganze noch nicht schlauer. Außer vielleicht Jule, die im Besitz meiner Handynummer ist und so lange hinterfragte, bis sie drauf kam.

Ein sagenhaftes Projekt

Das Paket kam gestern – ich glaube es kaum – an. Wie das so ist, wenn man krakelt, dann gibt es schon so gut wie keinen Grund mehr sich aufzuregen. Kaum hatte ich Feierabend, stand el Capitano vor meiner Tür.
„Ist es gut? Passt das?“, fragte ich. Es dabei in meinen Händen haltend.
Er schaute eine Weile nachdenklich drein und nickte dann: „Ja, passt.“
Später am Abend dann, er war schon wieder in seinem Haus mit Meerblick (je mehr ich darüber nachdenke, umso dekadenter finde ich das), fragte er per SMS, ob ich schon eine Idee hätte.
„Nö. Ich glotze es nur an und überlege“, war meine Antwort.
Das tue ich schon geraume Zeit. Überlegen, mit ohne anglotzen, weil es ja erst gestern ankam. In einem besseren Zustand als befürchtet. Immerhin.
Ich glotze noch immer. Und stelle vorweg eines fest: Ich mag es. Was ja schon mal ein guter Grundstein ist.
Ich denke, es muss sich auch erst von der beschwerlichen Reise erholen, und dass wir dann noch Zeit brauchen um zusammenzuwachsen. Dazu muss ich mich auf den Allerwertesten setzen und mich schlau machen. All so`n Zeug eben.
Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Das dauerte und dauerte und dauerte und dauerte … So auch hier in Vordäneland, und bis es soweit ist, ist es eben so, dass der geneigte Leser einstweilen nur Bahnhof versteht. Ist ja nichts Neues. Das ist nun mal eines der Dinge, die ich am Besten kann: Viel Labern, ohne etwas zu erzählen.

 

… und dann war da noch die Sache mit der Servicehotline

Heute: Hermes.
Seit zwei Wochen befindet sich ein Paket laut Internet in der Zustellung. Einmal, hat es der GötterHermesbote sogar bis an des Kapitäns Haustür geschafft. In dessen Abwesenheit, ist klar. Das war vor einer Woche, und man hinterließ einen Zettel, mit der Aufschrift: „Ich komme wieder“.
Leider vergaß der Bote das Datum, an dem er wieder erscheinen wollte, zu notieren. Das war vor einer Woche und, laut Internet, befindet sich das Paket seitdem weiterhin in der Zustellung. Der Kapitän traut sich kaum mehr aus dem Haus. Weil das eine Lieferung für mich ist, mit oberwichtigem Inhalt, werde ich langsam ungeduldig. Täglich telefoniert der Kapitän nun mit der Servicehotline. Von der sogenannten kleinen Beschwerde, bis hin zu einer großen gestern, wurde alles unternommen. Versprechen, wie man sie von der Telekom kennt, wurden täglich gemacht „Morgen, ganz bestimmt!“ und nicht gehalten.
Gestern bestellte man uns zu um 16Uhr in den Paketshop. Dorthin würde es einhundertprozentig geliefert werden. Es war nicht dort. Er ist ja selten böse, der Kapitän, aber nach dem zweiten Anruf bei der Servicehotline hintereinander (der erste Mitarbeiter legte einfach auf, nachdem der Kapitän ihm mitteilte, dass „zwischen 8.00 und 20.00 Uhr“ keine konkrete oder akzeptable Aussage für eine Lieferuhrzeit wäre, wenn man das seit fast zwei Wochen jeden Tag zu hören bekommt), da wurde er böse.
Ich habe schon mal einen Termin beim Psychologen besorgt. Der Inhalt des Paketes wird sicher (so es überhaupt noch am Leben ist) ziemlich verstört und traumatisiert hier eintreffen.

Gestern

Erntezeit hat für mich immer etwas von Herbstbeginn. Doof, ich weiß, denn mit Glück haben wir noch zwei schöne Monate vor uns. Und doch … gefühlte Assoziationen.
Die Rapsernte ist im vollen Gang, und der Baron von und zu Schlossgraben war so nett, als erstes den ebenerdigen Blick aufs Meer wieder freizugeben.
Mähdrescher vor Großsegler. Eine, wie ich finde, großartige Kulisse.

Ein Gespräch mit dem Kapitänsnachbarn am Rande der Mäharbeiten ergab, dass er mich für eine Alternative hält. Ob das da – wobei er gen Mähdrescher nickte – nicht eher etwas für mich wäre, statt irgendwo in einem Laden zu stehen. Und das alte Fahrrad, dieser ganze Retrokram und so. Ich hätte was von einem Aussteiger.
Na ja, dafür bin ich wohl doch zu sehr mittendrin.
Noch.
Ist man eigentlich alternativ, nur weil man versucht, sich auf das Wesentliche zu beschränken? Weil man nicht konsumgeil ist? Weil man alte Sachen lieber mag, als Neue? Weil man Natur sein lässt, versucht auf sie zu achten, und selbst schreiende Pfauen liebt? Weil man es nicht schlimm findet, wenn Rehe im Garten stehen? Weil man stundenlang nur dasitzen und Vögel beobachten kann? Mehr weiß er eigentlich nicht von mir. Und für mich ist das normal.
So bildet man sich seine Meinung. Meine von ihm ist im Umkehrschluss auch festgelegt. Nackerter Steinebleicher, der en Detail festgelegte Abläufe braucht und darum stieselig und spießig wirkt. Apropos Spießertum.
Der Kapitän erlaubte sich einen Spaß. Der Nachbar hat den Weg um den Garten herum beschnitten. Der Kapitän sah das, stürmte gen Bad, holte seine Nagelschere, klapperte kurz damit grinsend vor meiner Nase und begab sich zum Nachbarn. Die Worte „heute ist er dran“ trällernd.
Was wohl der Grund war, warum der Nachbar mir zum Abschied sagte, ich solle kein Wort dazu sagen, als er meinte, er würde nun weiter den Weg beschneiden. Das hätte der Kapitän schon gemacht.
Sachen gibt’s.