Don’t kiss

23Uhr. Ich lasse den Hund ein letztes Mal in den Garten. Er geht pullern, springt wie von der Tarantel gestochen auf die Terrasse und im Kreis. Hüpft zurück ins Wohnzimmer und dreht weiter rund. Bis er sich vor der zum Tisch umgebauten Überseekiste ablegt. Winselnd. Ich schaue unter die Kiste. Ne Kröte, mittelgroß.
Ich setze den Hund aufs Sofa, hole Pappe und eine klarsichtige Dose, rolle die Truhe ein Stück zur Seite, Kröte springt raus, Hund vom Sofa hinterher. Ich bin kein Krötenexperte und weiß nicht, ob es eine von denen ist, die dem Hund gefährlich werden können. Glücklicherweise habe ich die Dose schneller über das Krötentier gestülpt, als der Hund an sie rankommt.
Ich schiebe die Pappe unter die Dose, soweit es geht. Warte, dass die Kröte die Einladung annimmt. Stattdessen pinkelt sie mehrfach für, wie ich finde, Kröten riesige Mengen. Es dauert, bis sie auf die mittlerweile durchgeweichte Pappe geht.
Der Hund steht derweil zitternd aber vorgestellt und die Kröte nicht aus dem Auge lassend … Noch lange nachdem ich sie wieder in den Garten entlasse, dreht der Hund weiter durch.
Letzte Nacht war der Hund es, der jammernd träumte.

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Al Bundy und die ewige 36

Eine geschätzte 42 Anfang zwanzig (ich nenne sie ob ihres Aussehens und ihres Sprachgebrauchs Chantalle-Jaqueline) betritt mir ihrem Liebsten (ich nenne ihn aus eben genannten Gründen Patrick-Pascal) den Laden. Patrick-Pascal steuert den Aufsteller mit den Abendkleidern an und haucht Chantalle-Jaqueline zu. „Ich will dich im Kleid sehen.“
Chantalle-Jaqueline fischt nach Konplimenten: „Sowas steht mir nicht. Warum wollen mich alle Kerle immer nur im Kleid sehen?“
Patrick-Pascal: „Dir steht alles, du bist meine Hammerbraut!“
Ich rolle kurz mit den Augen und überlege, ob die Anmerkung, was andere Kerle von ihr wollen, angemessen ist.
Chantalle-Jaqueline trägt nichts weiter als ein T-Shirt mit halben Arm, um das sie einen schwarzen Nietengürtel gebunden hat. Mindestens zwei Nummern zu klein ist das Shirt, Feuerwehrrot und der Spitzenrrand bedeckt nur mit Mühe und Not die Grotte des Verderbens den Stringtanga. Worin für sie der Unterschied zu einem echten Kleid besteht, erschließt sich mir nicht. Es wäre – meiner bescheidenen Meinung nach – ein Gewinn für sie und alle anderen Menschen.
Sie greift sich ein Kleid in Größe 36 (was sie nicht weiß, ich aber von der Kasse aus an dem roten Steckwürfel am Bügel erkenne). Ich schaffe es mit Mühe und Not zu ihr, ehe sie das Kleid zerstören anprobieren kann. „Das“, ich sammle allen notwendigen Charme „wird ein wenig zu klein sein“, sage ich und frage nach ihrer Größe. „38“, antwortet sie. Ich lächle und sage: „Dachte ich mir!“ Nehme ihr das Kleid ab und tausche es gegen eine 44, wissend, dass dieses Kleid eine Nummer kleiner ausfällt.
Es fehlen fünf Zentimeter, um den Reißverschluss schließen zu können.
Es reicht Chantalle-Jaquelines Meinung nach aber, um eindrucksvoll aufzuzeigen, dass ihr echte Kleidung nicht steht. Patrick-Pascal stimmt ihr zu, findet sie aber trotzdem „krass geil“. Ich zucke innerlich mit den Schultern, schaue auf die im Fenster ausgestellten Tassen und lese nickend: „Manchmal ist mein Job auch eine Art Dschungelprüfung.“

Die lange Nacht der Biester

Ich mag keine Hornissen.
Man sagt ja, dass sie nichts tun, aber das stimmt nur bedingt. Wir hatten mal welche vor gut zwanzig Jahren. Es war eine gigantische Traube, in der sie auf dem Dachboden nisteten. Irgendwann tropfte es durch die Decke. Hornissenverdautes und so. Nicht in Litern, aber das Getröpfel schaffte es durch die Zwischendecke in die Wohnung und versah alles unter der Traube mit braunen Sprenkeln.
Was ja noch nichts wirklich Schlimmes ist.
Schlimm war, dass die Biester viel Raum einnehmen, und der Spätsommer war die Hölle.
Wespen machten sich über Fallobst her, die Hornissen sich über die Wespen. In die Nähe der Obstbäume zu gelangen war irgendwann unmöglich. Rasen konnte nicht mehr gemäht werden. Mehr und mehr Obst fiel, was nicht abgesammelt werden konnte. Man hörte es bald von weither summen.
Als die Hornissen nichts mehr zu fressen fanden, Wespen und anderes Insekt hatte offensichtlich vor ihnen das Zeitliche gesegnet, wurden sie angriffslustig. Wir konnten das Haus nur noch durch den Hintereingang verlassen, wenn wir nicht von ihnen verfolgt werden wollten. Lüften wird völlig überbewertet. Die Kinder konnten nicht mehr im Garten spielen. Es war wirklich unschön. Helfen konnten uns weder THW noch Feuerwehr. Hornissen stehen unter Naturschutz, und wenn man sich von ihnen „gestört“ fühlt – ahäm -, muss man halt woanders unterkommen, solange sie aktiv sind. Ich war arg gefrustet damals. Denn – siehe was passiert, wenn sie nichts mehr zu fressen finden – sie werden aggressiv, bevor es mit ihnen zu Ende geht.
Nein, ich mag keine Hornissen. So überhaupt nicht sogar.
So war der Traum in der letzten Nacht der blanke Horror.
Mir wuchs eine dritte Brust, zwischen den beiden vorhandenen. Keine aus Fleisch und Blut, sondern es war ein Hornissennest, das wuchs und wuchs, und keiner wollte oder konnte es mir abnehmen, weil Hornissen eben unter Naturschutz stehen. Es gab weltweit nur einen Spezialisten, der mir hätte helfen können, ohne die Hornissen zu gefährden, der war aber im Urlaub und nicht erreichbar. Ich bewegte mich nur noch (mit blankem Oberkörper) auf allen Vieren (damit das Nest von mir weg hängt und nicht mehr auf meiner Haut aufliegt, als nötig) umher, duschte nicht mehr, konnte mich nicht mehr waschen. Menschen, die mich hätten waschen können, trauten sich nicht an mich heran. Ich begann zu müffeln, wodurch ich irgendwann nicht mehr nur von Hornissen, sondern auch Fliegen jedweder Art umschwirrt und bekrabbelt wurde.
Als der Hornissenexperte dann endlichendlichendlich kam, wachte ich auf.
Für meinen Geschmack entschieden zu spät.
Ich möchte gar nicht wissen, was Traumdeuter in solch nächtliche Horrorstreifen hineininterpretieren würden.

Wegbegleiter

Es gibt Menschen, die prägen einen.
Mich hat dieser vor allem eines gelehrt: Selbstbeherrschung.
Bescheidenheit, Disziplin, Ausdauer, Respekt, Geduld, Willensstärke. Das war seine Philosophie, das war, was er all seinen Schülern mit auf den Weg gab.
Bewegung ist Leben, Leben ist Bewegung. Nichts ist unmöglich. Er hat viele Menschen, zu besseren Menschen gemacht. Hört sich abgehoben an, ist aber so. Es gab für ihn keinen Unterschied zwischen Himmel und Erde. Alle Menschen sind gleich. In jedem steckt dasselbe Potential. Es zählte nur eines: „Wollen du musst!“ Manchmal klang er wie Yoda, und ich musste aufpassen, nicht an unpassender Stelle auflachen zu müssen.
Gestern las ich, dass er nicht mehr ist, letzten Monat starb, und sah mir die Bilder seiner Trauerfeier an. Hunderte Schüler, in Doboks gekleidet, erwiesen ihm die letzte Ehre. Ich bekam Gänsehaut bis zum kleinen Zeh runter.

Lange her, Hans. Aber mir geht es wie vielen, die bei dir in die Schule gehen und von dir lernen durften.
Traurig ich bin.

Ein letztes Mal verbeuge ich mich vor dir. Charyot, Sabum nim, kyong ye.

***

Apropos Raum-Zeit-Kontinuum

Ich denke, dass es das wirklich gibt, und zwar in uns.
Bisweilen wundere ich mich nämlich. Je älter ich werde, umso weniger bewusst ist mir, dass ich älter werde. Altersweise fühle ich mich schon. Manchmal. Menschen sind nichts weiter, als die Summe ihrer Erlebnisse, und derer hatte ich viele. Langmut und Gelassenheit haben sie mich gelehrt. Wo ich mich früher aufregte, zucke ich heute mit den Schultern. Das ist, was einem das Leben mitgibt, je länger es andauert.
Ich hatte nie wirklich Probleme mit mir, respektive meiner Hülle. Von daher fehlt mir der Schritt, sie akzeptieren zu müssen, wie es bei recht viel anderen Frauen ist, die ich kenne. Jaja, manchmal muss man dekompensieren, und dann macht frau – me too – halt 78 Minuten Diät, um dreieinhalb Gramm wegzuhungern, die weder wirklich störten, noch der Grund für kurzzeitigen Frust waren, aber das war es dann auch schon, und nicht wie bei ihr. Eine ehemalige Freundin, sie ist ein halbes Jahr älter als ich, bekam an ihrem dreißigsten Geburtstag einen Nervenzusammenbruch und heulte Rotz und anderes, weil sie meinte, ab genau jetzt alt zu sein. Das habe ich damals nicht verstanden, das kann ich heute nicht verstehen. Sie ist mittlerweile eine wirklich alt wirkende und dauerhaft unzufriedene Frau. Self-fulfilling prophecy nennt man das wohl.
Weitsichtig wie ich bin, kann ich vorm Spiegel stehen, ohne – die Haarfarbe mal außen vorgelassen -, dass ich Unterschiede zu vor zehn Jahren feststelle. Bis es zwischendurch passiert, dass ich am PC oder beim Lesen durch unangemessenen Blasendruck gestört werde und das Nasenfahrrad noch trage, wenn ich mir nach dem, was zu erledigen war, die Hände wasche.  Wenn ich dabei aufsehe, mein stark beleuchtetes und durch eineinhalb Dioptrin vor Augen überaus deutlich zu erkennendes Gegenüber anschaue, mache ich Gesichtsverrenkungen. Spanne die Lippen, mache einen Kussmund und ziehe die Mundwinkel danach so weit wie es geht zurück, kräusle Stirn und Nase, schiebe mit den Händen die Schlabberbäckchen nach vorne und den Haaransatz zurück, und wundere mich darüber, wie wenig das Außen mit dem Innen zusammenpasst. Frei von Wehmut oder Melancholie. Glücklicherweise.
Irgendwas in mir hat, bei aller „Altersweisheit“, nicht erwachsen werden wollen. Wo das Außen Falten schlägt, ist innen jemand, der noch immer mit Kreide Vierecke auf den Asphalt malt, Steinchen wirft und auf Kästchen gen Himmel oder Hölle hüpft.
Komische Sache das.

Ja ne, is klar!

Mittlerweile bringe ich es auf Tag zehn, elf oder sogar zwölf, den ich nahezu komplett damit verschwende, mir einen Wolf zu googlen und mir Blasen ans Ohr zu telefonieren. Dieser Eintrag zeigt auf, wie ich abseits des virtuellen Lebens Ähnliches erlebte und wie lange ich schon suche.
Dabei möchte ich gar nichts Unmögliches. Nur einen althergebrachten Baustoff mit dem schlichten Namen Weißfeinkalk.
„Wat woll`nse?“ ist zu neunzig Prozent die Antwort auf meine Frage, ob ich das bei dem jeweiligen Gesprächspartner beziehen könnte.
„W.e.i.ß.f.e.i.n.k.a.l.k.!“
Ich beginne dem Fachpersonal auf Nachfrage zu erklären, was das ist. Branntkalk. Untergelöschter Kalk. Calciumoxid.
Was ich damit wollen würde. Sumpfkalk herstellen.
„Man nimmt heute doch Calciumhydrat!“
Ich möchte – bitte, danke – kein Calciumhydrat. Ich möchte Weißfeinkalk. Schlicht und ergreifend einfaches CaO! Sicher kann man mit Hydrat auch putzen, aber keine Farben herstellen. Letzteres gedenke ich hauptsächlich zu tun. Kein Sumpfkalk, keine selbstgemachte Kalkfarbe.
Irgendwer wollte mir dann fertigen Sumpfkalk verkaufen. Zehn Liter zu 40,-€.
Ich öffne kurz den implantierten Taschenrechner im obersten Stockwerk. Zwei Säcke Branntkalk gemahlen zu je fünfzehn Euro, ergeben eine Menge von 250 Litern Sumpfkalk. Ich lehne dankend ab, nachdem ich die Summe 1,2 Euro für zehn Liter selbst gemachten Sumpfkalk ablas.
Eine Gewinnspanne von sage und schreibe 38,8 Euro auf zehn Liter für nix. Außer, dass man das Zeug einmal mit Wasser ansetzen und dann sechs Wochen irgendwo parken (sumpfen lassen) muss. Daraus könnte man ein Geschäft machen, wenn man denn an Weißfeinkalk kommt.
Nächste Telefonnummer: Raab Karcher. Eine nette Dame meldet sich am Telefon.
Ich antworte (O-Ton): „Schönen guten Tag. Mein Name ist Jane Blond, ich bin die Verzweiflung pur, und wünsche mir – bitte, bitte, bitte -, dass Sie mir helfen können.“
Ein glockenklares Lachen dringt in mein Ohr.
Mir ist nicht zum Lachen, aber das behalte ich für mich.
Ich erkläre mein Begehren und die Dame erinnert sich. Erst kürzlich hatte sie dasselbe Problem. Ein Herr brauchte auch das, was ich jetzt von ihr wollte.
„Das kriegen Sie nicht mehr so einfach, weil man damit böse Sachen basteln kann!“
Ich versicherte ihr, dass ich nur ein Stückchen Wand verputzen, und aus dem Rest so hochwertige Farbe herstellen zu gedenke, wie man sie nirgends zu kaufen bekommt. Nutschnix anderes damit zu tun gedenke.
Irgendwo, 1200km weiter, in einem schweizerischen Kanton, hatte ich mittlerweile den Kapitän wild gemacht. Er durchforstete google und fand viele viele Kalkgruben, aber nur einen Anbieter, der auch 25kg-Säcke verkauft und (!) versendet.
Ich hüpfte höchst beglückt auf der Couch hoch und runter, wie Heidi Kabel es einst tat, beim sonntäglichen Ohnsorgtheater.
13,30€ pro Sack. Ein Schnäppchen! Freiverkäuflich und ohne einen Nachweis darüber erbringen zu müssen, dass ich wirklich nur Gutes im Schilde führe.
Ich lege zwei Säcke in den Warenkorb und gehe weiter zum Versand. Schreie innerlich wie auch real auf. 33,-€ Versandkosten. Pro Sack! What the fuck?!
Ich werfe einen Blick ins Impressum, überlege kurz, ob ich vier Säcke kaufen, und die persönlich im Württembergischen abholen soll. Das käme mich an Spritkosten nämlich deutlich günstiger. Ich mag nicht mehr.

Tbc.

Der verschwundene Jahr

Hab ich mich eben verjagt. Mir fehlt ein Jahr. Naja, kein ganzes, aber sieben Monate, zwei Wochen und ein Tag. Aus irgendeinem mir unerfindlichen Grund, war ich für mich seit meinem letzten Geburtstag zwölfunddreißigplusfünf, statt, wie es richtig ist, zwölfunddreißigplusvier Jahre alt.  Nachdem der erste Schreck verflog – Alzheimer? Realitätsverlust? Allgemeine Verschiebung des Raum-Zeit-Kontinuum? – sehe ich es als Geschenk. Plus 257 nicht einkalkulierte Tage Lebenszeit.
Läuft bei mir.

Letztes aus der Kinderstube

Seit dem letzten Kinderstubeneintrag mied ich das Büro, weil ich Angst zatte, die kleinen könnten aus dem Nest flüchten, wenn sich drin was regt. Sie waren mobil und hockten auf dem Nestrand. Also keine unbegründete Befürchtung. Als ich heimkehrte, lebte von vier Miniterroristen nur noch eines. Als heute morgen gar nichts mehr zu hören war, sah ich nach. Auch der letzte Schwalbennachwuchs starb letzte Nacht. Ich ahnte es schon, weil das Nest nur halbfertig wurde, die Nestwände mir für Schwalben zu niedrig schienen, und die Brut so nicht warm genug blieb, wenn Frau S. unterwegs war. Trotzdem bin ich betrübt.

Bimbam-bambim

Glockgeläut weckte mich. Ich rieb mir den Schlaf aus den Augen und sah das.

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„Na, alter Sack?! Meinst du wirklich, du kriegst mich auf diese subtile Schiene zurück?“ fragte ich. Der Hund fühlte sich angesprochen und sah mich erwartungsfroh an. Der Langbärtige aber blieb wieder einmal die Reaktion schuldig.
Bekannterweise ist unsere Kommunikation gestört und wir sprechen nicht miteinander. Obwohl ich es, zugegebenermaßen, bisweilen versuchte. Die ersten Jahre meines Lebens sogar mehrmals täglich – das war bei uns so – danach kaum mehr, und wenn ich es später tat, war ich eher vorwurfsvoll unterwegs. Zurecht, wie ich meine. Zuletzt versuchte ich es damals, nachdem mir der Mister tot vor die Füße gefallen war, und ich ihn mehr schlecht als recht reanimiert hatte.
Nachdem wir den Draht zueinander komplett verloren hatten, wurden Gespräche halt schwierig, und so war dies letzte auch nur ein Monolog, der all das beinhaltete, was man in solch niedergeschlagenen Momenten eben so sagt. „Warum schon wieder? Warum wieder ich? Warum wieder meiner? Was erwartest du von mir, damit das aufhört? Was muss ich tun, damit es diesmal gut ausgeht?“ Aber nicht mal auf die Quid-pro-puo-Fragen gab es eine Antwort. Zweiundvierzig war ich, als der Mister dann starb. Der zweite Mann, der mich nicht überlebte. Der Mann zwischen den beiden, hat mich nur überlebt, weil ich kein rachsüchtiger Mensch und eher träge bin, weswegen ich eine Scheidung dem Gattenmord vorzog. Der Kerl hat Glück gehabt.
Irgendwann schleppte der Kapitän mich in „seine“ Kapelle. Ein Ort der Ruhe. So ruhig, dass ich weglaufen wollte. Unerträglich ruhig. Der Kapitän behauptet bis heute, dass ich feuchte Augen bekommen hatte und schniefte. Was ich ebenso lange abstreite.
Manchmal gehen wir dort – oder in anderen Kirchen – Kerzen anzünden, für die, die nicht mehr sind. Auch wenn ich nicht gläubig bin, das mag ich. Diesen kurzen Moment, wo man ganz bei ihnen ist. Dafür ist diese Ruhe gut. Wenn man mich fragt, sollte man therapeutische Aufarbeitungen genau an solchen Orten machen, weil man da schnell ganz in dem Gefühl ist, für das man in einer Praxis Stunden um Stunden braucht, um es auch nur ansatzweise greifen zu können. Meiner, also mein Psychonkel, gab mir komische Hausaufgaben auf. „Lerne zu heulen“, sagte er. Traurige Musik sollte ich hören, und an Dinge denken, die automatisch Tränen trieben. Womit er keine Zwiebeln meinte.
Eine Hausaufgabe, über die der Kapitän schmunzeln musste. Kennt er doch die Heulsuse in Jane Blond. Bei dem Herrn Therapeuten war das anders. Man hat nur eine knappe Stunde, und in der soll man zackbummpeng ins Gefühl kommen. Für mich reicht das nicht; es reicht nur zum stoischen Runterbeten der Kackeimer, in die ich so griff. Kackeimer gab es viele und das stoische Runterbeten kann ich gut. Viel besser als Beten im Sinne von beten. Zu gut, meinte der Mann auf der anderen Seite des Tisches. Ja, liebe Therapeuten. Ihr müsst entweder mehr Zeit aufbringen – jaja … ist nicht eure Schuld – oder eben in Kirchen praktizieren. So einfach ist das. Das hätte auch den Vorteil, dass mehr Menschen in Kirchen gehen würden, als diese fassen können. Auch andere Vorteile fallen mir dazu ein. Man könnte beispielsweise die Kirchensteuer abschaffen, was dann weit weniger Menschen dazu veranlassen würde, aus dem Verein auszutreten, weil das Untervermieten an Psychonkels weit mehr einbringen würde, als die Steuer es je konnte. Denkt an meine Worte. Ich finde das ist ein schönes wie pratisches Kombinat. Dazu würde das die Krankenkassen enorm entlasten, weil Kopfverdrehereien viel schneller greifen würden und sich dadurch Kosten einsparen ließen, wodurch sie sich viele steinerne Paläste bauen könnten viel Geld für Therapiemaßnahmen jedweder Art hätten, die bisher nur Privatpatienten zustehen. Logisch, oder? Jane Blond for Gesundheitsminister!

Ich wäre aber nicht ich, würde ich mich bei dem Zusammenhang zwischen der Kirchenraumruhe und dem Blond’schen Geflenne (geht man einfach mal davon aus, dass der Kapitän diesbezüglich recht hat) nicht fragen, warum das so ist.
Ich geh mal eben rüber, Kerzen anzünden, und ganz vielleicht spricht mich dort ja irgendjemand an. Bei meinem Glück ist es ein gehörnter und behufter Therapeut, in ein sonniges Gewand gekleidet, mit langem weißen Bart auf dunkelrotem Teint und mächtigen Schwingen dort, wo unsereins Schultern hat. Der dann nachdenklich auf seiner Zunge rumkaut, wie der Mister es tat, wenn ich etwas erklärte, um dann kindlich zu kichern, wie der Erste der starb es tat, wenn ich Dummtüch sabbelte.