Anders 

​Da ist dieser eine Kunde, der seit einigen Monaten regelmäßig kommt. Vielleicht zehn Jahre jünger als ich. Er fällt auf durch seine Kleidung. Aber nicht nur dadurch. Irgendwie passt seine Kleidung nicht mit seiner rauen Sprache und seiner Art sich zu bewegen zusammen. Dadurch fällt er richtig auf. Mir zumindest.

Heute trug er eine kunterbunt gestreifte knielange Short, knallige Farben auf weißem Grund, ein unglaublich pinkes Shirt, mit einer riesigen Eule aus Strasssteinen auf der Brust und eine Schlappmütze in Rosa. Darunter wirkte er, bis auf den Zehntagebart, haarlos. Und er trug diesen großen Damenring, den er neulich, neben zwei weiteren Ringen, bei mir kaufte, und von denen ich wieder dachte, sie wären für seine Freundin. Aufmerksamer Mann, der seiner Herzdame regelmäßig etwas mitbringt. Sie scheint Schmuck zu mögen. 

Seine Art einzukaufen ist anders, wie er anders ist.  Rastlos wirkt es. Rastlos wirkt er.

Er kommt … nein, er stürmt in den Laden, immer einen Kaffeetogobecher in einer Hand, kommt an den Tresen, guckt einmal über die Ringe, greift sich zwei oder drei, ohne auf die Preise zu gucken  – das alles dauert kaum länger als eineinhalb Minuten -, bezahlt, strahlt mich an, und ist wieder weg.

Zwei Ringe sind es heute. Auf einem ist eine pariser Szene dargestellt, den anderen ziert pinker und klarer Strass.

Ich lächle bevor er es kann. „Cooles Shirt, passt zum Ring vom letzten Mal.“ Ich nicke in Richtung des kleines Fingers seiner rechten Hand. Der Stein im Ring hat dasselbe Pink, wie sein Shirt. Er freut sich, dass ich ihn wiedererkenne. Das ist nicht schwer. Immer wiederkommend ringkaufende Männer in einem Tussiladen fallen auch ohne pinkfarbende Shirts auf.

Jetzt lächelt er, aber irgendwie gequält: „Das gehörte einem Mädchen, das ich kannte.“ Er ließ im Nebensatz fallen, was sie ihm antat. Ich nicke, weil ich verstehe und weil es jetzt keine Worte braucht. Es war wohl sein Baby, das sie nicht wollte. Er deutet auf seinen Kettenanhänger, der an einer überlangen Silberkette unter den Füßen der Strasseule hängt. Ich kenne dieses Steuerrad, das kaufte er auch irgendwann bei mir. „Soll ich dir verraten, was das bedeutet?“ fragt er. Ich antworte mit „Wenn du magst.“ 

„Das hab ich mir gekauft, als ich zwei Monate trocken war. Ich bin auf’m Campingplatz und entziehe alleine.“ Er sieht mich offen an. „Kaffee und Ringe, das brauche ich als Alkoholersatz!“ 

Ich ignoriere die offensichtlich pikierten Kundinnen vor dem Aufsteller mit den Sommerschlussverkaufssommerkleidern und halte ihm meine Hand in Kopfhöhe hin.  Es klatscht laut, als er einschlägt. „Danke“, sagt er. Ich ziehe meine Mütze, deute eine Verneigung an und sage: „Respekt!“ Das ist, was ich empfinde. Er lacht stolz und scheint ein wenig zu wachsen. 

„Bis bald“, sagt er. „Bis bald“, sage ich.

Manchmal sind die Dinge ganz anders, als man denkt. Denke ich, als er geht. Er dreht sich in der Tür nochmal um und sagt: „Manchmal, da sind die Dinge ganz anders, als man so denkt …“

Etwas wenig Blut im Adrenalin

Es gibt so Arbeiten, die möchte man nicht unbedingt wiederholen müssen.
Dazu gehört das Ansetzen von Sumpfkalk. Ich wollte es aber nicht anders.
Ging mir der Puls! Man kommt offensichtlich nicht grundlos schwer an das Zeug.
Schutzbrille, Ganzkörperkondom, Atemschutzmaske und das freundliche Lächeln bitte bewusst vergessen, denn es ist scheiße heiß darunter (man beachte bitte den roten Teint) und man bekommt nicht wirklich gut Luft.

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Mut zur Hässlichkeit

Und dann kippst du, wissend, dass es gleich einen Höllenlärm geben wird, wenn du den Weißfeinkalk in die mit Wasser gefüllten Regentonnen gibst, Selbigen in Selbige. Tapfer stehst du vor der spontan und laut brodelnden Masse und rührst und rührst und … hast ein kleines Bisschen Angst. Vor dir hast du immerhin zwei Hundert-Liter-Tonnen voll richtig heißer und ätzender Suppe. Darum hoffst du, dass die Tonnen der Hitze, wie angegeben, standhalten können, und dein Keller nicht am Ende einen Bodenbelag aus gesumpften Kalk bekommt …
Solche Aktionen sind nichts für Weicheier, und ich hoffe, dass ich mit den jetzt angesetzten 200 Litern die nächsten Jahrzehnte hinkomme.
Das Zeug hat kein Verfallsdatum, und wird besser, je länger es steht. In zwanzig Jahren ist es quasi unbezahlbar. Allein dadurch, dass ich den Kalk in Wasser kippte, hat sich sein Wert verzehnfacht. In sechs Wochen dann verdreißigfacht, und er wird wertvoller, je länger er steht. Da hat sich der Kackstift, wie man bei uns sagt, wenigstens gelohnt.
Wann hat man eigentlich damit aufgehört, Althergebrachtes (und dazu günstiges) zu nutzen und angefangen sich die Wände mit teuren Giftstoffen vollzuklatschen? Nur um Jahrzehnte später festzustellen, dass das doch gar nicht so schlecht war, und dann bei einer handvoll (!) Hersteller völlig überteuert das kaufen zu müssen, was früher jeder selbst machte. Für’n Appel und ’n Ei. Das muss gewesen sein, als ganz Deutschland sich isolierverglaste Fenster einbaute. Das machte richtig Sinn, dann zu Farben zu greifen, die für Schimmel ein Paradies sind … Aber das ist ein anderes Thema.

Was ich dazu richtig gut finde (ich werd echt noch zum Öko), ist, dass man das Zeug, wird es mal hart, weil man den Deckel vergessen hat, einfach auf den Kompost kippen kann und dem Garten damit auch noch was Gutes tut. Genial, oder?

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In der linken Tonne brodelt es noch.

Gutes Gefühl, mehr als ausreichend Farbe auf Lebzeiten (dafür reichen 200 Liter nicht, ne, aber es ist die Basis für ausreichend Caseinfarbe, die dann auch nicht mehr so abfärbt, wie Omas Kellerwand früher) griffbereit zu haben, und das Bisschen Adrenalin ist hoffentlich bald wieder raus, aus`m Körper.

Überaus dankbar bin ich für den Tipp, nur die Hälfte des Kalks in der vorgeschriebenen Menge Wasser für die ganze Masse abzulöschen, und den Rest erst am Tag darauf dazuzugeben. Ich möchte nicht wissen, wie heiß es wird, wenn man alles in einem Rutsch ansetzt … Wie getan reichte es schon, den Keller in eine Sauna zu verwandeln.

Familiensache

Michel aus Lönneberga reiste einen Tag später zu unserem Geschwisterurlaub an. So sah ich mich an Tag eins alleine um, wurde von mir bis dahin Fremden eingesackt (man kann mir ja fast alles nachsagen, aber nicht, nicht kontaktfreudig zu sein), landete einen Ort weiter auf einem Metal-Open-Air-Festival (inklusive Stagediving und allem, was dazu gehört, was den Bruder, der eingefleischter Metalfan ist, dann doch ärgerte), und fand mich später bei einem schwulen Pärchen auf der Terrasse sitzend wieder.
Generell waren es wunderschöne Tage und ich habe einige sehr nette Menschen kennengelernt.
Als verwöhnter Menschen aber, der zuhause immer alles zu jeder Zeit bekommt (das geht dem Bruder auf seiner Seite der Ostsee ebenso), scheint es außerhalb der üblichen Tourismusgegenden schwer zu sein, an einem Montagabend irgendwo essen gehen zu können. „Ich sehe uns schon beim Restaurant zu den güldenen zwei Bögen sitzen“, seufzte der Bruder. Wobei sich vielevieleviele Schritte weiter tatsächlich noch ein ausgefuchster Italiener auftat, der das machte, was ich sagte: „Hätte ich hier ein Restaurant, würde ich montags den Laden aufmachen, und all das Geld verdienen, dass die anderen Gastros scheinbar nicht wollen.“
Dummerweise scheint es sich einzubürgern, dass, wann immer ich für mehrere Tage unterwegs bin, der Hund meint sich irgendwas einfangen zu müssen. April: Blut ausm Mund. Juni: Blut aus der Blase. Vorgestern: Hund läuft nur noch auf drei Beinen. Was die Tierärztin vor Ort glücklicherweise schnell beheben konnte.
Tolle Tage, die nach einer Wiederholung schreien.

Ihr müsst jetzt stark sein!

Ich komme nicht wieder.

 

 

Blödsinn. Aber mal im Ernst. Wir im ganz hohem Norden hatten ja keinen Sommer. Unsere Bäume, Wiesen und Sträucher hatten mehr als ausreichend Wasser und leuchten noch immer in saftigem Grün. Die hier südlich des Elbäquators nicht. Hier werden die Bäume langsam gelblich Rot. Hier herbstelt es!!! Zumindest von der Optik her. Bei den Temperaturen sieht das anders aus. Ne, das fange ich anders an … Erwähnte ich schon, dass wir im ganz hohem Norden keinen Sommer hatten? Nein? Dann tue ich es hiermit. Was der Grund ist, dass ich nicht bemerkte, dass meine, respektive Johanns Klimaanlage irgendwann zwischen dem letzten Sommer und heute den Geist aufgegeben hat.

Bei 35°C.

In Worten: Fünfunddreißig Grad Celsius. Acht Komma irgendwas Stunden Fahrzeit, statt der berechneten vier (ja, ich habe jeden verschissenen Stau mitgenommen. J.e.d.e.n!), und das ohne Klima. Das erinnerte mich sehr an unsere Tour durch die Toskana vor drei Jahren. Da war ich ähnlich gar. Durchaus angenehm, bis auf die Knochen warm zu sein, ja, ich mag dss. Aber der Hund … jede Tankstelle war unsere, und das sonst so wasserscheue Tier hat sich für jede Dusche aus der Gießkanne bedankt.

Essen, Schluck Wein, habe fertig. Und Brummifahrerarm in zartem Rot.

Don’t kiss

23Uhr. Ich lasse den Hund ein letztes Mal in den Garten. Er geht pullern, springt wie von der Tarantel gestochen auf die Terrasse und im Kreis. Hüpft zurück ins Wohnzimmer und dreht weiter rund. Bis er sich vor der zum Tisch umgebauten Überseekiste ablegt. Winselnd. Ich schaue unter die Kiste. Ne Kröte, mittelgroß.
Ich setze den Hund aufs Sofa, hole Pappe und eine klarsichtige Dose, rolle die Truhe ein Stück zur Seite, Kröte springt raus, Hund vom Sofa hinterher. Ich bin kein Krötenexperte und weiß nicht, ob es eine von denen ist, die dem Hund gefährlich werden können. Glücklicherweise habe ich die Dose schneller über das Krötentier gestülpt, als der Hund an sie rankommt.
Ich schiebe die Pappe unter die Dose, soweit es geht. Warte, dass die Kröte die Einladung annimmt. Stattdessen pinkelt sie mehrfach für, wie ich finde, Kröten riesige Mengen. Es dauert, bis sie auf die mittlerweile durchgeweichte Pappe geht.
Der Hund steht derweil zitternd aber vorgestellt und die Kröte nicht aus dem Auge lassend … Noch lange nachdem ich sie wieder in den Garten entlasse, dreht der Hund weiter durch.
Letzte Nacht war der Hund es, der jammernd träumte.

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Al Bundy und die ewige 36

Eine geschätzte 42 Anfang zwanzig (ich nenne sie ob ihres Aussehens und ihres Sprachgebrauchs Chantalle-Jaqueline) betritt mir ihrem Liebsten (ich nenne ihn aus eben genannten Gründen Patrick-Pascal) den Laden. Patrick-Pascal steuert den Aufsteller mit den Abendkleidern an und haucht Chantalle-Jaqueline zu. „Ich will dich im Kleid sehen.“
Chantalle-Jaqueline fischt nach Konplimenten: „Sowas steht mir nicht. Warum wollen mich alle Kerle immer nur im Kleid sehen?“
Patrick-Pascal: „Dir steht alles, du bist meine Hammerbraut!“
Ich rolle kurz mit den Augen und überlege, ob die Anmerkung, was andere Kerle von ihr wollen, angemessen ist.
Chantalle-Jaqueline trägt nichts weiter als ein T-Shirt mit halben Arm, um das sie einen schwarzen Nietengürtel gebunden hat. Mindestens zwei Nummern zu klein ist das Shirt, Feuerwehrrot und der Spitzenrrand bedeckt nur mit Mühe und Not die Grotte des Verderbens den Stringtanga. Worin für sie der Unterschied zu einem echten Kleid besteht, erschließt sich mir nicht. Es wäre – meiner bescheidenen Meinung nach – ein Gewinn für sie und alle anderen Menschen.
Sie greift sich ein Kleid in Größe 36 (was sie nicht weiß, ich aber von der Kasse aus an dem roten Steckwürfel am Bügel erkenne). Ich schaffe es mit Mühe und Not zu ihr, ehe sie das Kleid zerstören anprobieren kann. „Das“, ich sammle allen notwendigen Charme „wird ein wenig zu klein sein“, sage ich und frage nach ihrer Größe. „38“, antwortet sie. Ich lächle und sage: „Dachte ich mir!“ Nehme ihr das Kleid ab und tausche es gegen eine 44, wissend, dass dieses Kleid eine Nummer kleiner ausfällt.
Es fehlen fünf Zentimeter, um den Reißverschluss schließen zu können.
Es reicht Chantalle-Jaquelines Meinung nach aber, um eindrucksvoll aufzuzeigen, dass ihr echte Kleidung nicht steht. Patrick-Pascal stimmt ihr zu, findet sie aber trotzdem „krass geil“. Ich zucke innerlich mit den Schultern, schaue auf die im Fenster ausgestellten Tassen und lese nickend: „Manchmal ist mein Job auch eine Art Dschungelprüfung.“

Die lange Nacht der Biester

Ich mag keine Hornissen.
Man sagt ja, dass sie nichts tun, aber das stimmt nur bedingt. Wir hatten mal welche vor gut zwanzig Jahren. Es war eine gigantische Traube, in der sie auf dem Dachboden nisteten. Irgendwann tropfte es durch die Decke. Hornissenverdautes und so. Nicht in Litern, aber das Getröpfel schaffte es durch die Zwischendecke in die Wohnung und versah alles unter der Traube mit braunen Sprenkeln.
Was ja noch nichts wirklich Schlimmes ist.
Schlimm war, dass die Biester viel Raum einnehmen, und der Spätsommer war die Hölle.
Wespen machten sich über Fallobst her, die Hornissen sich über die Wespen. In die Nähe der Obstbäume zu gelangen war irgendwann unmöglich. Rasen konnte nicht mehr gemäht werden. Mehr und mehr Obst fiel, was nicht abgesammelt werden konnte. Man hörte es bald von weither summen.
Als die Hornissen nichts mehr zu fressen fanden, Wespen und anderes Insekt hatte offensichtlich vor ihnen das Zeitliche gesegnet, wurden sie angriffslustig. Wir konnten das Haus nur noch durch den Hintereingang verlassen, wenn wir nicht von ihnen verfolgt werden wollten. Lüften wird völlig überbewertet. Die Kinder konnten nicht mehr im Garten spielen. Es war wirklich unschön. Helfen konnten uns weder THW noch Feuerwehr. Hornissen stehen unter Naturschutz, und wenn man sich von ihnen „gestört“ fühlt – ahäm -, muss man halt woanders unterkommen, solange sie aktiv sind. Ich war arg gefrustet damals. Denn – siehe was passiert, wenn sie nichts mehr zu fressen finden – sie werden aggressiv, bevor es mit ihnen zu Ende geht.
Nein, ich mag keine Hornissen. So überhaupt nicht sogar.
So war der Traum in der letzten Nacht der blanke Horror.
Mir wuchs eine dritte Brust, zwischen den beiden vorhandenen. Keine aus Fleisch und Blut, sondern es war ein Hornissennest, das wuchs und wuchs, und keiner wollte oder konnte es mir abnehmen, weil Hornissen eben unter Naturschutz stehen. Es gab weltweit nur einen Spezialisten, der mir hätte helfen können, ohne die Hornissen zu gefährden, der war aber im Urlaub und nicht erreichbar. Ich bewegte mich nur noch (mit blankem Oberkörper) auf allen Vieren (damit das Nest von mir weg hängt und nicht mehr auf meiner Haut aufliegt, als nötig) umher, duschte nicht mehr, konnte mich nicht mehr waschen. Menschen, die mich hätten waschen können, trauten sich nicht an mich heran. Ich begann zu müffeln, wodurch ich irgendwann nicht mehr nur von Hornissen, sondern auch Fliegen jedweder Art umschwirrt und bekrabbelt wurde.
Als der Hornissenexperte dann endlichendlichendlich kam, wachte ich auf.
Für meinen Geschmack entschieden zu spät.
Ich möchte gar nicht wissen, was Traumdeuter in solch nächtliche Horrorstreifen hineininterpretieren würden.